Vom Lauschen nach Leckagen

Trinkwasser: Wie die Stadtwerke Wertheim die Wasserverluste im Freudenberger Leitungsnetz reduziert haben - »Ziemlich akzeptabler Wert«

Freudenberg
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Der legendäre Erhard Böhm lauscht dem Ton des Wassers. Foto: Stadtwerke
Foto: Michael Geringhoff
So belauschen die Stadtwerke Wertheim, hier Leo Trabold, das Wasserleitungsnetz mit elektronischer Hilfe. Foto: Stadtwerke
Foto: Michael Geringhoff

Ein bisschen Schwund ist immer - schon klar, ist einkalkuliert, kann man sich leisten. Aber mit dem Trinkwasser muss wegen zu wenig Regen, teils dramatisch fallenden Grundwasserspiegeln, versiegenden Bächen und Brunnen doppelt vorsichtig umgegangen werden. Leitungsverluste sind da schwer zu ertragen. Wenn jährlich Zehntausende Kubikmeter einfach verrinnen, ist das kaum hinnehmbar, dann muss das abgestellt werden, sagen Kritiker wie der Freudenberger Jakob Lang.

Der Stadt Freudenberg hat der Kritiker eine Rechnung aufgemacht, wonach sich die Kosten aus Nachlässigkeiten in den vergangenen Jahren auf fast zwei Millionen Euro summieren. »Ein klein wenig Recht hat er schon«, aber am Ende sei eben doch alles ganz anders, sagt Thomas Beier, Geschäftsführer der Stadtwerke Wertheim. Die haben zum Jahreswechsel 2015/2016 als Dienstleister die Betriebsführung über das Freudenberger Wassernetz übernommen. Das Netz gehört dabei nach wie vor der Stadt. Die beklagten Wasserverluste sind in diesem Zeitraum von fast 60 000 auf unter 25 000 Kubikmeter zurückgegangen. »Ein schon ziemlich akzeptabler Wert«, findet Beier. Von signifikanten Verbesserungen spricht Abteilungsleiter Stefan Wolf.

Materialermüdung

Wasserverluste im Netz sind für den Versorgungsingenieur Michael Ziermann Alltagsgeschäft. Alle Leitungen alterten - überall, sagt er. Besonders belastet sei in diesem Sinne die Freudenberger Hauptstraße. Der massive Schwerlastverkehr setze dem Untergrund zu. Die ständigen feinen Erschütterungen ermüdeten das Material, führten zu Setzungen und schließlich zu Leckagen. »Dass da dann schlagartig riesige Mengen von Wasser austreten, ist eher selten, meist setzen die Verluste schleichend ein«, sagt er.

An dieser Stelle kommt das Ohr von Erhard Böhm ins Spiel. Mittlerweile ist der in Rente, aber die Legende von Böhms Ohr werde in den Stadtwerken weitergetragen, sagt Thomas Beier. Wenn ungewöhnliche Verbräuche ermittelt werden, besonders zu den abnahmeschwachen Nachtstunden, dann rücken die Stadtwerke aus und belauschen die Leitungen und Schieber. Seit Erhard Böhm weg ist, versuchen sie es mit digitalem Equipment. Brandneu sind fest eingebaute interaktive Sensoren. »Die testen wir seit rund einem Jahr in Freudenberg als Pilotprojekt«, sagt Thomas Beier. »Diese 30 Sensoren sind weitaus sensibler als das menschliche Ohr«, sagt Michael Ziermann. Durch den interaktiven Datenabgleich der akustischen Messergebnisse ließen sich selbst kleinere Leckagen fast auf den Meter genau lokalisieren. Im Falle des Falles schnell gehandelt zu haben, spare sehr viel Geld, sagt Stefan Wolf.

Für seine Trupps ist die Beseitigung so eines Rohrbruchs Routine. »Ein halber Tag Arbeit, 3000 bis 4000 Euro.« Gemessen an den allgemeinen Kosten des Wassernetzes sei das keine große Sache, sagt er. Als die Stadtwerke die Betreuung des in die Jahre gekommenen Freudenberger Netzes übernommen haben, hatte man jährlich locker 20 Rohrbrüche zu reparieren. »Mittlerweile sind es vielleicht noch drei, vier oder auch mal fünf im Jahr«, sagt Ziermann. »Von Groß nach Klein«, das sei die Methode, erklärt Beier. »Wir haben die Sanierung da angefangen, wo wir, gemessen am Mitteleinsatz, die besten und schnellsten Ergebnisse erzielen konnten.« Schon im ersten Jahr seien die Wasserverluste so um fünf Prozent zurückgegangen, Anfang 2018 um 15 Prozent und im vergangenen Jahr habe man für das Stadtgebiet zwölf Prozent erreicht, sagt Beier. »Klar, mehr geht immer«, aber von diesem Punkt an werde jede weitere Verbesserung im Verhältnis immer kostspieliger. »Die Sache ernst nehmen, immer dranbleiben und gute Baustellenkontrolle«, das sei der Weg, den man weiterverfolge, sagt Wolf und Beier stimmt ihm zu: »Das braucht Sorgfalt. Wasser ist ein ganz langfristiges Gut.«

Die Bundesregierung gebe in Sachen Wasserverlusten zehn Prozent als hinnehmbaren Wert an. In Wertheim liege man aktuell bei sechs bis sieben Prozent, aber auch die Freudenberger Erfolge könnten sich sehen lassen. Man liege lediglich noch drei Prozent über der Empfehlung des Bundes, die Kosten der über dem Maß liegenden Wasserverluste machten bereits nur noch wenige Tausend Euro im Jahr aus. Da Hunderttausende zu Millionenbeträgen zu addieren, gehe weit an der Wirklichkeit vorbei.

Beier weist darauf hin, dass man die Netzbetreuung bei einer durchschnittlichen Verlustmenge von 28 Prozent übernommen habe, im Jahr 2013 waren es sogar 35 Prozent. »Aktuell sind wir zwischen 12 und 14 Prozent - wenn man die Teilorte mit einrechnet. Und die Tendenz weist weiter nach unten«, betont Ziermann.

Hintergrund: Wasserleitungssystem

Das Wasserleitungssystem zwischen Wertheim und Freudenberg existiert bereits seit den 1970er-Jahren. Fast so lange unterstützen Wasserlieferungen aus Wertheim das Freudenberger Wassernetz. Seit den 2010er-Jahren waren dort immer häufiger Eintrübungen und Belastungen im Brunnensystem festgestellt worden. Seit dem Jahreswechsel 2012/13 kommt das Wasser für Freudenberg und die Ortsteile ausschließlich aus Wertheim, die Freudenberger Brunnen werden jedoch weiter erhalten und können jederzeit wieder in Betrieb genommen werden. Seit 2016 betreuen die Stadtwerke Wertheim das Freudenberger Netz, vergleichbare Dienstleistungen erbringen sie auch für Stadtprozelten und Kreuzwertheim. Die Wasserverluste im Leitungsnetz akkurat zu beziffern, ist relativ schwierig, denn es werden auch anderweitig ungemessene größere Wassermengen entnommen - so für wiederkehrende Leitungsspülungen und von der Feuerwehr. ()

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