Volle Auftragsbücher, strenge Regeln

Geschäftswelt: Tausende von Kunden im Südwesten zieht es in die Friseursalons, die nach langer Zwangspause am Montag wieder öffnen

REUTLINGEN/FREIBURG
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Die Sitzflächen für Kunden in einem Friseursalon dürfen während der Corona-Pandemie nicht benutzt werden. Der Countdown zur Öffnung der rund 11 500 Friseursalons im Südwesten läuft. Friseure sollen ab dem 4. Mai unter Auflagen wieder öffnen dürfen. Foto: Christoph Schmidt (dpa)
Foto: Christoph Schmidt
Der Co­unt­down zur Öff­nung der rund 11 500 Fri­seur­sa­lons im Süd­wes­ten läuft: Von Mon­tag an heißt es wie­der Wa­schen, Schnei­den, Le­gen. Nach sie­ben­wöchi­ger Ab­s­ti­nenz we­gen der Co­ro­na-Kri­se gibt es ei­nen An­drang auf die Haar­künst­ler, die sich vor Ter­min­wün­schen kaum ret­ten kön­nen.

Manch eine Kundin will endlich die im Selbstversuch verunglückte Haarfarbe loswerden, den ergrauten Haaransatz kaschieren oder den Pony begradigen lassen. »Viele Kundinnen freuen sich auf den Friseurbesuch wie auf Weihnachten«, erzählt Roberto Laraia, der zwei Salons in Tübingen und Reutlingen betreibt. Auch beim Freiburger Friseur Ingmar Schettler sind in der ersten Woche alle Termine vergeben. Die Nachfrage sei von Männern wie Frauen gleich riesig.

Manch einer mag sich wundern, dass die Friseure ihre Arbeit eng am Kunden wieder aufnehmen, aber Museen geschlossen bleiben. Friseurbesuche gehörten in gewisser Weise zur Grundversorgung und seien für viele Menschen Teil der persönlichen Hygiene, heißt es im Gesundheitsministerium. »Einen Museumsbesuch kann man noch virtuell genießen«, betont eine Sprecherin.

Hygienemaßnahmen

Eine Weile auf das professionelle Haareschneiden zu verzichten, sei sicherlich möglich, aber nicht über Monate hinweg. Selbstverständlich müssten die Friseure strenge Hygienemaßnahmen einhalten. Schettler bringt es auf den Punkt: »Man fühlt sich einfach besser, wenn man weiß, auf dem Kopf sieht es ordentlich aus.«

Den Friseuren fällt ein Stein vom Herz, dass das Land sie jetzt wieder ihre Scheren schwingen lässt. »Ich sehe endlich Licht am Ende des Tunnels«, sagt Schettler erleichtert. Die Zwangspause hat ihn finanziell zurückgeworfen, aber dank Soforthilfe sei er nicht in die roten Zahlen gerutscht. Das Kurzarbeitergeld hat ihm geholfen seine zwölf Mitarbeiter zu halten. Auch die Stundung der Mieten für seine zwei Salons habe geholfen. Den Reutlinger Kollegen Laraia hat der wochenlange Stillstand 80 000 Euro gekostet.

Angesichts immenser Einnahmenausfälle sieht der Fachverband Friseur und Kosmetik eine Marktbereinigung voraus. Landesgeschäftsführer Matthias Moser: »Von Insolvenz sind insbesondere Betrieb ohne Rücklagen bedroht.« Vor fünf Jahren waren es noch 10 800 Friseurläden.

Die Kleinunternehmer sind aber nicht nur durch fehlende Einnahmen gebeutelt. Denn auch die neuen Regeln zum Schutz vor Ansteckung mit dem Coronavirus schlagen heftig zu Buche: Weil der Abstand zwischen den Arbeitsplätzen mindestens 1,5 Meter voneinander entfernt sein muss, werden Kapazitäten verringert. Das bedeutet etwa in Laraias Salon einen Verlust von 30 Prozent der Arbeitsplätze.

Der Coiffeur zählt auf, welche Kosten auf das Handwerk wegen Corona noch zukommen: Desinfektionsmittel, die vor und nach jedem Kundenbesuch zu verwenden sind - und deren Preis sich verdreifacht habe; Einmalumhänge und ein Reservoir von Schutzmasken für Mitarbeiter und Kunden, die ihren Mund-Nasen-Schutz vergessen haben.

Es wird teurer

Für die Kunden wird sich der Mehraufwand im Geldbeutel wohl bemerkbar machen. Laraia: »Die Preise werden etwas nach oben angepasst.« Die zusätzlichen Kosten würden aber nicht eins zu eins weitergegeben, mit Rücksicht auf die zum Teil ebenfalls coronabedingt klammen Kunden.

Auch für die Kunden beginnt eine neue Ära: Sie müssen Termine laut Richtlinie des Landes online oder telefonisch vereinbaren, um Warteschlangen vor den Salons zu vermeiden. Die oft sehr preisgünstigen »Walk in«-Betriebe müssen sich am meisten umstellen. Friseurmeister Laraia hofft, dass diese Vorgabe erfüllt wird. »Sonst könnten wir alle wieder geschlossen werden.« Kunden müssen ihre Telefonnummern hinterlassen, damit im Ernstfall Infektionsketten nachverfolgt werden können. Überdies sind sogenannte »Face-to-Face«-Dienstleistungen wie Rasur oder das Tönen von Augenbrauen und Wimpern tabu.

Die Friseursalons als Orte des Wohlfühlens und der Entspannung im stressigen Alltag gehören vorerst der Vergangenheit an. Bei der Anmeldung müssen die Kundenwünsche gleich aufgenommen werden. So soll laut Richtlinie des Landes die Kommunikation auf ein Minimum reduziert werden.

Auch die liebgewonnen Boulevard-Blättchen, die man sonst nie kaufen würde, fallen dem Infektionsschutz zum Opfer. Es müssten einige Abstriche gemacht werden, sagt Laraia, der auch Art Director des Fachverbandes im Südwesten ist. »Das wollen wir mit einer schönen Kopfmassage erträglicher machen.« Gerade bei der »Arbeit hart am Mann oder an der Frau« sei es Ziel, Ängste gar nicht erst aufkommen zu lassen und das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

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