Vier Jahre und acht Monate Haft für Messerattacke

Justiz: Ex-Partnerin auf Bestenheider Spielplatz vor Augen der Kinder angegriffen - Frau leidet an Folgen und ist im Zeugenschutzprogramm

Wertheim
4 Min.

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Auf diesem Spielplatz in Bestenheid hat sich im vergangenen Jahr am 5. Juli 2021 die Messerattacke ereignet. Der Täter muss dafür voraussichtlich vier Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Foto: Thilo Winkelmann
Foto: Thilo Winkelmann
Tren­nungs­kon­f­likt mit Fol­gen: Die Gro­ße Straf­kam­mer des Land­ge­richts Mos­bach hat am Mon­tag ei­nen 50 Jah­re al­ten Wert­hei­mer we­gen Be­dro­hung und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung zu vier Jah­ren und acht Mo­na­ten Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. Er hat­te mit ei­nem Klapp­mes­ser die Mut­ter der ge­mein­sa­men Kin­der schwer ver­letzt.

Nach zwei kurzen Terminen zur Anklageverlesung im Dezember und Angaben zur Person des Angeklagten Anfang Januar stand am Montag die Hauptverhandlung an - mit den Aussagen von neun Zeugen und zwei Gutachtern. Der aus der U-Haft vorgeführte Angeklagte hatte mit dem 28 Jahre alten Opfer von 2012 an eine Beziehung geführt und zwei gemeinsame, zum Tatzeitpunkt fünf und zwei Jahre alte Kinder. Anfang 2021 hatte sich das Paar getrennt. »Es war immer stressig mit ihm«, sagte die Frau später bei ihrer Aussage per Videoschalte - sie ist seit der Tat in einem Zeugenschutzprogramm.

Unterstützung für Familie

Seit 2020 hatte die Familie Unterstützung durch das Jugendamt und eine Familienhelferin der Diakonie. Nach der Trennung im Januar war die Frau mit den Kindern in eine eigene Wohnung gezogen. Es gab eine Vereinbarung zum Umgangsrecht des Mannes mit den Kindern, doch genau hielten sich weder Vater noch Mutter daran - sondern hatten Kontakt, bis im Juni ein Streit eskalierte und die Frau den Kontakt einstellte. Der Mann habe auch danach Kontakt zu ihr und den Kindern gesucht, sagte das Opfer.

Am Freitag, 2. Juli, drei Tage vor der Tat, habe er sie auf dem Spielplatz bedroht. Mehrere Zeugen bestätigten das. Der Angeklagte dagegen hatte angegeben, nur zufällig in der Nähe gewesen zu sein. Seine Ex-Partnerin habe ihm dabei gesagt, er werde die Kinder nicht mehr wiedersehen. Er habe nichts gesagt und sei weggefahren. Eine Zeugin am Spielplatz hatte das anders in Erinnerung:

Der Mann habe gedroht. »Kann ich die Kinder nicht sehen, dann siehst du sie auch nicht mehr.« Sie habe den Mann auf die Folgen seiner Drohung angesprochen. Es sei ihm egal, »auch wenn ich 20 Jahre in den Knast gehe«. Die Frau stellte noch am Abend eine Anzeige über das Internet. »Du siehst deine Mama auch nicht mehr, denn am Sonntag ist ihre Beerdigung«, soll der Mann laut Anklage zur fünfjährigen Tochter gesagt haben. Doch diese Drohung ließ sich nicht endgültig belegen. Auch am folgenden Wochenende habe er mit der Frau und den Kindern etwas unternommen. Über seine Aussage, er sei am Sonntagabend allein mit den Kindern unterwegs gewesen, gab es Uneinigkeit.

Lampen installiert

Die Frau sagte, sie habe ihn nicht mit den Kindern allein gehen lassen. »Lügnerin«, fuhr es ihr aus dem Zuschauerraum entgegen. Am Montagmorgen habe er bei der Frau Lampen installiert. Als diese mit der Familienhelferin zurückkehrte, habe es Streit gegeben - auch mit der Sozialpädagogin. Die als Zeugin auftretende Familienhelferin hingegen - von der Frau über die Drohungen informiert - sprach nur von einem Streit zwischen den Ex-Partnern, bei dem sie versucht habe, zu deeskalieren. Der Mann sei danach verschwunden.

Die Frau holte später die Kinder vom Kindergarten ab, wurde aber vor ihrem Haus vom Mann empfangen. Sie ging mit den Kindern auf den Spielplatz, wohin der Mann ihr folgte. Er sagte, er habe sie zur Rede stellen wollen, weil er Angst um die Kinder gehabt habe. Sie sagte, eines der Kinder sei nicht von ihm. Er könne einen Vaterschaftstest machen, der koste 3000 Euro. »Da habe ich meine Sinne verloren.« An die Tat selbst könne er sich nicht erinnern.

Einem hinzukommenden Mann habe er beim Weggehen noch gesagt, er solle einen Krankenwagen rufen. Auf dem Weg zur Polizei habe er das Messer aus dem Fenster seines Autos geworfen. Die Polizei fand es später auf der Wiese beim Parkplatz des Bestenheider Friedhofs. Mehrere Polizisten, die mit dem Mann während seiner Festnahme im Polizeirevier sprachen, gaben als Zeugen an, der Angeklagte habe gesagt, dass er »seine Frau« mit dem Messer verletzt habe, sie es verdient habe und sie wisse, warum.

Möglicherweise hat ein Nachbar vor Ort Schlimmeres verhindert, der den Angriff beobachtet hat. »Ich habe ihn gefragt: Was machst du da?«, sagte der 80-Jährige. Der Mann sei daraufhin weggegangen, habe aber danach die Frau noch mehrfach getreten. Eine Ersthelferin, ebenfalls Zeugin, sprach von einer »bizarren Situation«. Die fünfjährige Tochter des Opfers sei später zu ihr gekommen und habe gesagt: »Der Papa wollte ihr die Augen ausstechen.«

Sandra Chung, Gutachterin des Instituts für Rechtsmedizin aus Würzburg, nahm Stellung zu den erlittenen Verletzungen. Die Stich- und Schnittverletzungen im Gesicht seien nicht lebensgefährlich, die Tritte und Schläge hätten aber lebensgefährliche Folgen haben können. Und: Bei der Abwehr der Messerstiche gegen den Kopf hätte auch die Halsschlagader verletzt werden können, auch das wäre lebensgefährlich gewesen.

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Joachim Schramm sah keine Anzeichen für eine psychische Erkrankung des Mannes, der zur Tatzeit nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand und auch keine Vorstrafen hat. Der Mann sei bisher trotz schwieriger Lebensumstände immer wieder aufgestanden.

Spätfolgen der Tat

Die Frau leidet weiter unter der Tat. Ein Teil ihrer Stirn und ein Finger sind als Folge der Attacke taub. Außerdem seien sie »und leider auch die Kinder« in psychiatrischer Behandlung. Oberstaatsanwalt Hansjörg Bopp wollte dem Mann weder die Version einer spontanen Tat noch die Rolle des treusorgenden Familienvaters abnehmen. »Er war nie da als Vater und hat unser Geld immer verspielt«, hatte auch das Opfer angegeben. Die Zeugin sei »uneingeschränkt« glaubwürdig, auch wenn sie sich an den genauen Wortlaut der Drohungen nicht erinnern könne. Außer der Vorstrafenfreiheit spreche nichts für den Angeklagten, da es weder ein Geständnis noch eine Entschuldigung gebe. »Für mich ist das ein impulsiver, aggressiver und gewalttätiger Mensch.« Er forderte eine Haftstrafe von sieben Jahren und acht Monaten.

Verteidigerin Anja Stein sagte, ihr Mandant habe die Tat nie bestritten und sei schockiert gewesen, als er Bilder der Verletzungen gesehen habe. An den Bedrohungen hatte sie Zweifel: »Danach verbringt man doch nicht noch ein schönes Wochenende miteinander.« Man müsse ihrem Mandanten auch zugute halten, dass er sich sofort gestellt habe. »Ich gebe die Schuld zu«, sagte dieser in seinem Schlusswort. Er akzeptiere das Urteil des Gerichts. »Aber urteilen Sie nicht über mich aufgrund von Lügen.«

Barbara Scheuble, die Vorsitzende Richterin, begründete das Urteil - vier Jahre und acht Monate Haft ohne Bewährung - mit der »eindeutigen Beweislage« bei den Bedrohungen und der gefährlichen Körperverletzung. Für eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung sah sie keine ausreichenden Beweise. Dafür hätte es den Vorsatz gebraucht, das Sehvermögen mindestens eines Auges dauerhaft auszulöschen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung ließen auf Nachfrage unserer Redaktion offen, ob sie in Revision gehen.

Hintergrund: Notruf ging nach Bayern

Ein Kriminalbeamter aus Tauberbischofsheim, der als Zeuge aussagte, spielte den Notruf der Frau bei der Polizei im Gerichtssaal vor. »Das zu hören, hat mich sehr mitgenommen«, sagte er. »Man hört Panik und Todesangst heraus.«

Der vom Handy abgegebene Anruf ging wegen der Grenznähe zunächst bei der Landespolizei Bayern in Würzburg ein, ehe er später nach Heilbronn weiter vermittelt wurde. Während der Beamte der Leitstelle versuchte, die Personalien aufzunehmen und den Standort herauszufinden, wurde die Frau bereits mit dem Messer attackiert und versuchte nach eigenen Angaben mit ihren Händen und dem Handy, den Angriff abzuwehren. Neben den Schreien und dem Weinen der Frau sind auch Schlaggeräusche und das Weinen von Kindern zu hören.

Der Angeklagte, der den Notruf regungslos verfolgte, starrte auf die Tischplatte - und schloss beim Ertönen der Kinderstimmen die Augen. (scm)

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