Versorgung der Menschen »größte Herausforderung der Zukunft«

Sozialverband: Caritasdirektor Matthias Fenger sieht Personalmangel als zentrales Problem im ländlichen Raum

MAIN-TAUBER-KREIS
3 Min.

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ARCHIV - 11.09.2018, Nordrhein-Westfalen, Essen: Eine ambulante Pflegerin hilft einer alten Frau einen Pullover anzuziehen. (zu dpa «Pflegebedürftige und Fachkräfte sollen von Pflegekammer profitieren» vom 10.01.2019) Foto: Jana Bauch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Foto: Jana Bauch
Wenn Mat­thias Fen­ger am 1. Ju­li sei­ne neue Auf­ga­be als Ca­ri­tas­di­rek­tor des Ca­ri­tas­ver­bands der Diöze­se Rot­ten­burg-Stutt­gart an­tritt, dann lie­gen hin­ter dem di­p­lo­mier­ten So­zial­päda­go­gen und So­zial­wirt zehn Jah­re als Vor­stands­vor­sit­zen­der des Ca­ri­tas­ver­bands im Tau­ber­kreis.

In dieser Zeit war Fenger für die Aufgabengebiete Beratung, Teilhabe und Senioren im Caritasverband ebenso verantwortlich wie für das Finanz- und Personalwesen. Zudem brachte der 48-Jährige die Informationstechnologie im Verband auf Kreisebene entscheidend voran.

Im Rückblick auf seine zehnjährige Arbeit als Caritasdirektor nennt Fenger im Gespräch mit dieser Redaktion die Versorgung der Menschen im ländlichen Raum mit Sozialleistungen eine der größten Herausforderung für die Zukunft.

Spürbarer Personalmangel

Mit Blick auf den demografischen Wandel unserer Gesellschaft - immer mehr Menschen werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, während die Zahl der Berufstätigen im Verhältnis dazu abnimmt - werde der Personalmangel auch den Caritasverband in den kommenden Jahren »massivst herausfordern«. »Diesen Mangel verspüren wir jetzt schon. Und das ist gerade in einem so dünn besiedelten Landkreis noch einmal heftiger«, sieht Fenger den Landkreis gegenüber anderen attraktiveren Gegenden im Hintertreffen bei der Suche nach Fachkräften in der Sozialbranche. Der scheidende Vorstandsvorsitzende ist skeptisch, dass es gelingen kann, aus Nachbarlandkreisen qualifiziertes Personal zu gewinnen. Personal, das einen Facharbeiter- oder Hilfskraftlohn erhalte, pendele nicht aus Würzburg oder Aschaffenburg in den Main-Tauber-Kreis zur Arbeit, zeigt sich Fenger skeptisch, so neue Mitarbeiter gewinnen zu können. Attraktiv als Arbeitgeber sei der Caritasverband noch für »den einen oder anderen Sozialarbeiter«, der zugereist sei, auch für »die eine oder andere Führungskraft.« Für die Gewinnung von Fachkräften brauche es attraktive Arbeitsplätze. Dazu gehöre auch, Menschen zu vermitteln, warum es Lust mache, für andere Menschen zu arbeiten.

Fenger sieht mit Blick auf die steigende Zahl an Pflegebedürftigen große Probleme auf unsere Gesellschaft zukommen. »Es reicht derzeit in keiner Weise aus, wie wir als Gemeinwesen, als Staat auf diese Entwicklung reagieren«, schaut Matthias Fenger mit sorgenvollem Blick auf die Zeitschiene 2030/2040: »Wir werden unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht in der Lage sein, Menschen dann pflegerisch zu versorgen«, vor allem nicht in dem Umfang und in der Qualität, wie das von den zu Pflegenden und den Angehörigen erwartet werde, wie es »fachlich und ethisch« geboten ist, so der Caritasdirektor.

Grundsätzliche Fragen

Daraus ergeben sich laut Fenger für die Sozialverbände einige grundsätzliche Fragen: Die Entlohnung spiele dabei sicherlich eine Rolle, um neues Personal zu gewinnen. Trotzdem ist Fenger davon überzeugt, dass dies nicht die zentrale Fragestellung für die Zukunft sein werde. Auch wenn es bei den Löhnen »faire Anpassungen« bauche und Mitarbeiter für ihre finanzielle Zukunft Perspektiven erwarteten, mache die derzeitige Arbeitsbelastung von Mitarbeitern »viel kaputt« von der Vorstellung eines attraktiven Arbeitsplatzes. »Wenn man jedes zweite Wochenende arbeitet, permanent in Schichten einspringt, gefordert wird, wenn jemand krank wird, dann erhöht das die körperliche und psychische Belastung« und führe Menschen schließlich »in persönliche Grenzsituationen hinein«, die sich dann von ihrem Arbeitsplatz verabschiedeten.

Kritik kommt von Fenger auch an der Impfpflicht für das Gesundheitswesen. Man schütze die »vulnerable Gruppe« etwa in den Pflegeeinrichtungen mit der Maßgabe, dass die Menschen, die dort arbeiteten, einer Impfpflicht unterzogen seien. Gleichzeitig treffe das auf die Allgemeinbevölkerung nicht zu.

»Jeder, der das berechtigte Interesse hat, seine Angehörigen im Pflegeheim zu besuchen, kann da hingehen.« Umgekehrt werden ungeimpfte Mitarbeiter der Einrichtung unter Umständen mit einem Beschäftigungsverbot belegt, ist die Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitswesen für ihn nicht nachvollziehbar. Diese »Inkonsequenz« - Fenger spricht sich für eine Impfpflicht für alle aus - führe unter den Beschäftigten zu »einer enormen Unzufriedenheit«.

Fenger will keine Unklarheiten aufkommen lassen: Der Caritasverband sei für konsequentes Impfen und werbe »massiv unter der Mitarbeiterschaft für das Impfen«.

Trotzdem gebe es auch unter den Beschäftigten des Verbands - knapp 500 sind es laut Caritasdirektor im Main-Tauber-Kreis - »eine gewisse Anzahl« von Mitarbeitern, die »nicht überzeugbar« sind, sich impfen zu lassen.

Wie viele das genau sind, kann Matthias Fenger allerdings nicht sagen. Er geht davon aus, dass die Zahlen sich »im Promillebereich« bewegen. Trotzdem ist für ihn klar: Jeder fehle letztlich bei der Versorgung der Menschen, wenn es darum gehe, Personal an sieben Tagen rund um die Uhr bereit zu halten.

Zur Person: Matthias Fenger

Der bisherige Vorstandsvorsitzende des Caritasverbandes im Tauberkreis, Matthias Fenger (48), wird neuer Diözesan-Caritasdirektor des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Pfarrer Oliver Merkelbach und Annette Holuscha-Uhlenbrock werde Fenger ab dem 1. Juli als Vorstand an der Spitze der württembergischen Caritas stehen, heißt es in einer Pressemitteilung des Diözese Rottenburg-Stuttgart. Nach ersten beruflichen Stationen in der kommunalen Familien- und Jugendhilfe übernahm der in Annahütte in der Lausitz geborene Fenger 2008 die Leitung des Caritasverbandes für die Stadt und den Landkreis Würzburg. Seit 2012 ist er Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes im Tauberkreis. Neuer Vorstandsvorsitzender wird Michael Müller (43), der zusammen mit Bastian Weipert (39) dann den Caritasvorstand bilden wird. Die Stabsübergabe findet am 27. Juni statt. gufi

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