Unschlagbare Akustik in der Wertheimer Stiftskirche

Konzert: Wertheimer Gotteshaus zum ersten Mal Außenstelle des Würzburger Mozartfests - Bereits im Vorfeld ausverkauft

Wertheim
3 Min.

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Das Stuttgarter Kammerorchester mit der Solistin Raphaela Gromes in der Wertheimer Stiftskirche.
Foto: Petra Folger-Schwab
100 Jah­re Mo­zart­fest Würz­burg - die Ver­an­stal­tun­gen zum Ju­bi­läum lau­fen ak­tu­ell trotz al­ler Wid­rig­kei­ten. Ei­nes der vie­len Kon­zer­te fand am Sams­ta­g­a­bend in der Wert­hei­mer Stifts­kir­che statt, die zum ers­ten Mal Au­ßen­s­tel­le des Mo­zart­fests war.

Ausverkauft hieß es schon im Vorfeld, denn nur 150 Zuhörer durften entsprechend der aktuellen Verordnung eingelassen werden. »Ich freue mich wahnsinnig«, sagte der Verantwortliche der Stadt Wertheim, Christian Schlager im Vorfeld. Die Stadt ist zum ersten Mal als Außenstelle dabei. Die Kooperation hält Schlager für »ausbaufähig«. Auf der Burg hätte man mehr Besucher empfangen können, aber die Akustik in der Stiftskirche sei unschlagbar. Das fand auch das Würzburger Stammpublikum, das zahlreich vertreten war.

Mozart, Haydn, Brahms

Das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) mit der Solistin Raphaela Gromes am Violoncello spielte unter der Leitung von Yu Zhuang Werke von Mozart, Haydn und Brahms. »Eine kleine Nachtmusik« zur Eröffnung ging, wie Mozart es einmal selbst sagte, »angenehm in die Ohren«. Dass eines der berühmtesten Musikwerke der vergangenen 230 Jahre begeistert aufgenommen wurde, versteht sich von selbst.

Die Quart zu Beginn mit ihrem hohen Wiedererkennungswert stimmte das Publikum auf ein wunderbares Konzerterlebnis ein, und in dem Satz »Romanze« durfte geträumt werden. Höhepunkt war das Konzert für Violoncello und Orchester Nr.1 C-Dur von Joseph Haydn mit der Solistin Raphaela Gromes. Erst 1961 wurde das um 1761 bis 1765 geschriebene Stück wiederentdeckt. Von tiefsten Tiefen bis in schwindelerregende Höhen kletterte die Solistin. Das gesamte Orchester erzeugte ein ungeheures Klangvolumen, aber auch leiseste Cello-Töne kamen durch die wunderbare Akustik zur Geltung. Ein wahrhaft vollkommenes Klangerlebnis für die Zuhörer, die sich eine Zugabe erklatschten.

Gefühlvolles Musikstück

Mit Jacques Offenbachs »Tränen von Jacqueline« aus dem Jahr 1852 erklang ein sehr romantisches, gefühlvolles Musikstück, das begeistert aufgenommen wurde. In der Fassung für Streichorchester gab es als drittes Stück im Programm das Quintett Nr.2 G-Dur, das Johannes Brahms 1890 geschrieben hatte. Faszinierendes Auf- und Abschwellen, Celli und Kontrabass mit Pizzicato-Passagen und im vierten Satz ein rasantes Tempo in höchsten Tönen. Den langanhaltenden Applaus hatten sich die Musiker verdient.

Im Rahmen des Education-Programms »SKOhr-Labor« des Stuttgarter Kammerorchesters waren auch zwei Schülergruppen des Musikprofils aus dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium dabei.

Violinistin Ulrike Stortz spielt seit 2013 beim SKO. Zusammen mit Katharina Gerhard hat sie 2015 das »SKOhr-Labor« gegründet und stetig weiterentwickelt. Sie ist auch für die Organisation von Fördermitteln zuständig. Im Stuttgarter Raum gibt es regelmäßig Kooperationen mit Kindergärten und Schulen, wobei die jungen Menschen teilweise im Vorfeld der Konzerte auftreten. Aber auch an anderen Spielorten wie Wertheim gibt es solche Kooperationen. Pandemiebedingt beschränkte sich das dieses Mal nur auf jeweils zwei Schulstunden.

Bereits am Mittwoch war die Musikerin und Musikvermittlerin im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium zu Gast. Die Musiklehrerin Anne Hennicke und ihr Kollege Claus Lippert hatten ihre Neunt- beziehungsweise Zehntklässler aus dem Musikprofil bereits vor den Pfingstferien auf das Konzert vorbereitet. Ob alles wie geplant stattfinden würde, stand da noch nicht fest. Umso freudiger wurde das Education-Projekt aufgenommen.

Ohne Noten improvisiert

Ungewöhnlich sei es gewesen, ohne Noten zu improvisieren, sagt ein junger Trompeter. Die Schüler hatten ihre Instrumente nach Möglichkeit dabei und haben sich über Improvisationen den Stücken genähert. Zuerst nervös und unsicher, hätten sich ihre Schüler schließlich frei gespielt, so Anne Hennicke. Es habe kein richtig oder falsch gegeben, es sei nicht um gut oder schön gegangen - man habe achtsam miteinander umgehen müssen, und sie freue sich, dass das geklappt habe.

Claus Lippert ist überzeugt, dass diese Art zu musizieren motivierend sowohl für das eigene Musizieren als auch für einen Konzertbesuch ist. Höchste Konzentration hat er während des gesamten Konzerts bei seinen Schützlingen beobachtet. »Spannend«, fand das Melissa, die verschiedene Instrumente spielt und singt. Sie konzertiert häufiger und hat bereits Preise gewonnen. Ob sie Profi-Musikerin werden möchte? Eher nicht, aber neben dem Studium ab und zu aufzutreten, kann sie sich vorstellen. Bei der Improvisation hat sie ihre Klarinette eingesetzt. Sie fand es vor allem toll, dass sie endlich mal wieder ein Konzert besuchen und gemeinsam mit ihren Klassenkameraden musizieren konnte. Der Lockdown war hart, da pflichten ihr die anderen bei. Endlich mal einen Hall zu hören, wenn man singt oder ein Instrument spielt, das haben sie zum Beispiel sehr vermisst. Und live mit den anderen und mit ihren Musiklehrer zu spielen sei durch Online-Unterricht nicht zu ersetzen.

»Unser Hauptansatz ist, dass wir aktiv die Menschen mit Musik in Verbindung bringen«, erklärt Ulrike Stortz. Nicht über Musik sprechen, sondern machen, sei das Credo. Die Wertheimer seien sehr motiviert gewesen. Es seien sogar Schüler in die Probe gekommen. Im Unterricht ging es um Aufzeigen, Spüren und vor allem Hören.

Sie habe mit den Schülern das Thema aus dem 2. Satz des Brahms-Quintetts aufgegriffen. Zu den Tönen F, A und E konnte experimentell gespielt werden.

»Jeder durfte eine Terz benutzen«, sagt die Musikerin, »und durfte sie spielen, wann er will und so oft er will.« Daraus ergebe sich eine Art Kommunikation, und man könne mit den anderen einen Bogen spannen. Das sei nicht nur Chaos. Alle Beteiligten hoffen, dass so ein Projekt wiederholt werden könnte.

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