Stolpersteine in Külsheim verlegt

Jüdische Mitbürger sichtbar machen

Külsheim
2 Min.

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In Win­de­s­ei­le ent­fernt Gun­ter Dem­nig in der Spi­tal­stra­ße Pflas­ter­stei­ne und fügt statt­des­sen die Stol­per­stei­ne ein. Man merkt, dass der Künst­ler für sein eu­ro­pa­wei­tes Pro­jekt zur Er­in­ne­rung an die im Ho­lo­caust ver­folg­ten und er­mor­de­ten Ju­den schon vie­le der gold­glän­zen­den Er­in­ne­run­gen ver­legt hat.

In Windeseile entfernt Gunter Demnig in der Spitalstraße Pflastersteine und fügt stattdessen die Stolpersteine ein. Man merkt, dass der Künstler für sein europaweites Projekt zur Erinnerung an die im Holocaust verfolgten und ermordeten Juden schon viele der goldglänzenden Erinnerungen verlegt hat.

Zum zweiten Mal nach 2014 lud die Stadt Külsheim Demnig ein, um für drei Familien Gedenksteine zu verlegen. Vorbereitet wurde das Projekt von Alfred Bauch, der seit 30 Jahren die Geschichte ehemaliger jüdischer Mitbürger erforscht, und Schülern der Pater-Alois-Grimm-Schule, die Podcasts zu den Lebenswegen der Verfolgten eingesprochen hatten.

Einige interessierte Bürger, darunter Bürgermeister Thomas Schreglmann und PAGS-Schulleiter Udo Müller, trafen sich am Freitag Nachmittag in der Bergstraße, in der die ersten Stolpersteine verlegt wurden, und zwar für drei Generationen der Familie Kahl. Diese seien zwar nicht in Auschwitz ermordet worden, wie Bauch ausführte, hätten aber unter dem Terror der Nazis gelitten. In Absprache mit dem Künstler entschieden sich die Verantwortlichen, auch hier Stolpersteine zu verlegen. Großmutter Sophie Kahl starb 1938 in Külsheim, ihre Tochter Marlchen 1939 an Asthma. Bis nach Fürth hatte sie reisen müssen, als sie schwer erkrankte, denn dort war das nächstliegende jüdische Krankenhaus - ein anderes war nicht bereit, sie zu behandeln.

1936 in die USA geflüchtet

Der Enkelin gelang 1936 die Flucht in die USA. Bauch hatte während seiner Recherchen Kontakt zu deren Sohn aufgenommen. "Seit 30 Jahren ist er mein Freund", freut sich der eifrige Heimatforscher und zeigt damit, dass trotz der schrecklichen Geschehnisse neue Bande geknüpft werden können. Tatsächlich kämen immer wieder Nachfahren der einst in Külsheim ansässigen Juden auf ihn zu, so Bauch, und dank der gewissenhaften Aufzeichnungen könne er ihnen meist ein Wohnhaus oder ein Grab zeigen. Über das Schicksal der drei Frauen sowie der zwei weiteren Familien berichtet der Podcast einer inklusiven 9. Klasse der PAGS. Gemeinsam mit Klassenlehrerin Elena-Maria Bitsch und Sonderpädagogin Julia Fleckenstein hatten sich die Schüler bereits zu Schuljahresanfang für das Projekt entschieden.

Mit Geräuschen unterlegt

"Durch das Homeschooling wegen Corona mussten wir uns einfach darauf verlassen, dass die Schüler ihre Aufgaben machen", so Fleckenstein. Und das haben sie. Sie haben die Texte nicht nur eingesprochen, sondern auch mit Geräuschen unterlegt, etwa Zuggeräusche, als sie davon berichteten, wie Samuel Bär und seine Frau Berta, die in der Spitalstraße lebten, mit dem Zug nach Gurs und schließlich ins Vernichtungslager Auschwitz transportiert wurden. Um einen Überblick über die Thematik zu bekommen, erhielten die Schüler eine Führung zu den bereits 2014 verlegten Stolpersteinen - auf Grund der Situation über Moodle. Die letzte Station, an der Demnig tätig wurde, war die Boxtaler Straße 8. Hier befand sich die jüdische Metzgerei und Schächterei der Geschwister Max und Fanny Brückheimer. Bei dieser könne man das zwiespältige Verhalten der christlichen Mitmenschen sehen, wie Bauch berichtete: Denn selbst, wenn sie das Schlachten nach dem jüdischen Ritus ablehnten, freuten sie sich doch, wenn durch Fehler unkoscher gewordenes Fleisch zu billigen Preisen für sie abfiel. Auch sonst war Brückheimer vor dem Dritten Reich ein angesehener Bürger im Ort, was nichts daran änderte, dass auch er bei der so genannten "Brunnentaufe" gedemütigt wurde.

Im Brunnen "getauft"

Bei diesem Ereignis im Jahr 1939 wurden die männlichen jüdischen Bewohner am Sabbat zwangsweise im Brunnen des Orts "getauft". Beide Brückheimers wurden ebenfalls im Vernichtungslager ermordet. Noch sind nicht für alle Külsheimer Opfer des Nationalsozialismus Steine verlegt. "Wir wollen ja schließlich auch noch zukünftige Schülergenerationen an das Thema heranführen", so Bauch. Und dies ist dem wichtigen Projekt zu wünschen. Denn es zeigt, dass die Opfer des Nationalsozialismus nicht nur ferne Zahlen sind, sondern Menschen, die mitten in der eigenen Gemeinde lebten.

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