Günter Emig legt Sagen aus dem Kreis Main-Tauber neu auf

Verschollene Buchschätze aus der Region

Niederstetten
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Von Schatzgräbern, Geistermessen, Aufhockern und feurigen Männern": Günter Emig mit seinem Buch, in dem er Sagen aus dem Main-Tauber-Kreis gesammelt hat. Foto: Gertrud Zelinsky
Foto: Gertrud Zelinsky
»Von Schatz­gräb­ern, Geis­ter­mes­sen, Auf­ho­ckern und feu­ri­gen Män­nern« - so lau­tet der neu­gie­rig ma­chen­de Ti­tel ei­nes Bu­ches aus dem Li­te­ra­tur-Be­trieb Gün­ter Emig. Der Nie­der­s­tet­te­ner Ger­ma­nist, Ar­chi­var und Ver­le­ger hat es sich zur Auf­ga­be ge­macht, ver­schol­le­ne Buch­schät­ze mit re­gio­na­lem Schwer­punkt aus­zu­gr­a­ben und in neu­er Form an die Le­ser wei­ter­zu­ge­ben. Und so nahm er sich in oben ge­nann­tem Buch der Sa­gen aus dem Main-Tau­ber-Kreis an.

Als Mitarbeiter konnte er Ullrich Dallmann und Roland Veith gewinnen, die bereits vor einigen Jahrzehnten diese Sagensammlung für das Schulamt Bad Mergentheim zusammenstellten - in einem Werk, das heute weitgehend vergriffen ist. Das Finden und Herausgeben verschollener Werke reizt den Archivar schon sein ganzes Leben. Zum Ende des Studiums gab er bereits eine vierbändige Werkausgabe der Schriften von Erich Mühsam heraus.

Hinzu kam, dass Emig sich früh auf das Thema Digitalisierung stürzte. Er bezeichnet sich selbst als »Internetpionier«. 1996 schon brachte er das Kleist-Archiv, dessen Direktor er damals war, ins Internet und unter die Top 5 der damaligen deutschen Internetseiten. In seinen Jahren dort habe er drei laufende Meter Buchrücken über Heinrich Kleist herausgegeben, insgesamt etwa 160 Titel.

Das Thema Kleist ist auch eines der Schwerpunkte seines mit Eintritt in den Ruhestand wiedergegründeten Verlags. Außerdem Gegenwartsliteratur, die Münchner Moderne - und eben regionale Themen seiner Wahlheimat Main-Tauber-Kreis. So brachte Emig zum Beispiel vor einigen Jahren ein Buch über den Nationalsozialismus in Bad Mergentheim heraus, für das er einen Redakteur der lokalen Zeitung als Autor gewann.

Vielschichtige Aufgabenbereiche

Prinzipiell übernimmt er in seinem Kleinverlag alle Aufgaben, von der Manuskriptsuche bis zum Vertrieb. Meist gehe die Initiative, ein Buch herauszugeben, von ihm aus. So auch im Fall des Sagenbuchs, das er im Archiv entdeckte. Er habe etwas Lokales machen wollen, und zum Thema Sagen gebe es literarisch wenig im Main-Tauber-Kreis, begründet er seine Wahl, seinen Zufallsfund, das oben erwähnte Buch für das Schulamt, in Zusammenarbeit mit den damaligen Herausgebern neu aufzulegen.

Es sei bis dahin eine »eher versteckte Veröffentlichung gewesen«. Die Sammlung sei nicht registriert worden, daher gebe es die üblichen Pflichtabgabe-Exemplare im Archiv nicht. Darauf gestoßen war Emig durch einen Tipp aus der Landesbibliothek und konnte es dann antiquarisch erwerben. Emig versah die Sagensammlung mit einem harten Einband und einem neuen Layout. Die Einteilung der Sagen aus unterschiedlichen Quellen in Kapitel übernahm er aus dem Ursprungswerk.

Lediglich ein paar kleine Änderungen nahmen Dallmann und Veith, damals wie heute die Zusammensteller der Sagen, am Text vor. Emig lobte die enorme Leistung der beiden, das Ganze nach einem Vierteljahrhundert nochmals auf diese Weise neu zu bearbeiten. Gesammelt wurden die Sagen in alten Heimatbüchern, zum Teil werden sie nacherzählt. Emig fügte ein Quellenverzeichnis und - für den lokalen Leser sicher angenehm - ein Ortsregister der 82 erwähnten Orte und ein Inhaltsverzeichnis hinzu.

Spannend und informativ

Die thematische Vielfalt ist beachtlich. Der Leser erfährt, wie es zu Ortsgründungen und Flurnamen kam, wo Riesen, feurige Männer, Gemarkungsgeister, Hexen und andere Gestalten angeblich ihr Unwesen treiben, wie historische Ereignisse gedeutet werden und welche Strafen es für Freveltaten und verbotene Arbeit gab. An Sagen fasziniere ihn, dass sie zum Teil sehr skurril seien, so Emig. »Oft hat man den Eindruck, dass man das eine oder andere schon kennt.« In diesem Fall handle es sich um so genannte Wandersagen.

Mit Sagen hätten die Menschen versucht, sich Dinge zu erklären. »Heute sprechen wir von Lichtverschmutzung. Doch damals musste man nachts ohne Licht zurücklaufen. Das kann gruselig sein - und dann entstehen Sagen. Oder eben beim gemeinsamen Erzählen am Feuer an langen Winterabenden.«

Das nächste Projekt Emigs beschäftigt sich mit einem unbekannten jüdischen Kinderbuchautor aus Niederstetten, der im 19. Jahrhundert zwölf heute kaum noch erhältliche Kinderbücher herausgegeben hat. Von diesen existieren nur noch zwei. Eines hat er gerade für 250 Euro erstanden und macht sich jetzt an eine Werkausgabe.

Derzeit liegt der Schwerpunkt des Verlegers auf dem südlichen Main-Tauber-Kreis. Er kann sich aber durchaus vorstellen, auch mal etwas aus dem nördlichen Kreis rund um Wertheim zu machen, wenn er ein interessantes Projekt findet. Denn das sei das Schöne, so der leidenschaftliche Literaturliebhaber, er könne das verlegen, was er interessant finde. Und bis dahin können sich die Menschen rund um Wertheim erstmal an den Sagen aus ihrer Umgebung erfreuen.

Ullrich Dallmann/Roland Veith: »Von Schatzgräbern, Geistermessen, Aufhockern und feurigen Männern - Sagen aus dem Main-Tauber-Kreis«, 225 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-948371-81-4

Zur Person: Günter Emig

Der 1953 in der Nähe von Weinheim an der Bergstraße geborene Günter Emig lebt in Niederstetten. Er studierte Germanistik und Politsiche Wissenschaften an der Universität Heidelberg. Anschließend absolvierte er ein bibliothekatrisches Fachstudium in Stuttgart. Von 1991 bis 2000 war er zunächst stellvertretender Leiter und später Direktor der Stadtbücherein in Heilbronn.

Ab 1991 gehörte das Kleist-Archiv zur Stadtbücherei. Später wurde es eigenständig und Emig sein Direktor. Bereits 1972 gründete er außerdem seinen Verlag für alternative Literatur, der bis 1984 bestand. Mit Renteneintritt reaktivierte er ihn und kann so im nächsten Jahr das 50-jährige Bestehen feiern.

Derzeit beschäftigt sich Emig mit der Herausgabe einer zehnbändigen Werkschau des fränkischen Psychiaters und Schriftstellers Oskar Panizza, der vor 100 Jahren am 28.September 1921 in Bayreuth starb. (nads)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!