Petition gegen Masken im Unterricht gestartet

Corona: Schüler in Baden-Württemberg müssen weiterhin Mund-Nasen-Schutz tragen - Eine Wertheimerin findet das unverhältnismäßig

Wertheim
4 Min.

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Therese Sturm aus Grünenwört ist Mutter eines Zweitklässers und hat eine Petition gegen die Maskenpflicht im Unterricht auf den Weg gebracht. Am Donnerstagmittag hatten bereits mehr als 113 000 Menschen unterschrieben. Foto: Boris Dauber
Foto: Boris Dauber

Baden-Württemberg hat die Maskenpflicht im Unterricht, die ursprünglich nur in den ersten beiden Wochen des neuen Schuljahres gelten sollte, auf unbestimmte Zeit verlängert. Als Therese Sturm, deren Sohn in die 2. Klasse geht, diese Neuigkeit vergangenen Freitag im Internet liest, schreitet sie zur Tat. Die Grünenwörterin startet auf der Petitionsplattform »Change.org« eine digitale Petition gegen die Fortschreibung der Maskenpflicht im Klassenzimmer. »Aus purer Wut und Verzweiflung«, wie die 34-Jährige sagt.

Eine Wutbürgerin oder Corona-Leugnerin ist Therese Sturm nicht. Im Gespräch mit der Redaktion argumentiert die Mutter von zwei Kindern besonnen, aber mit Nachdruck. »Ich habe das Gefühl, dass die Corona-Regeln bei Erwachsenen gelockert, aber bei Kindern eher noch verschärft werden«, sagt sie. Die Industriekauffrau verweist in diesem Zusammenhang auf die neue Vorgabe, dass Kinder nun dreimal wöchentlich per Schnelltest auf Corona getestet werden sollen. Anfangs seien nur zwei Schnelltests vorgeschrieben gewesen.

Tests findet Sturm sinnvoll

Die Corona-Tests, die sie bei ihrem siebenjährigen Sohn zu Hause vornehmen kann, findet Sturm sinnvoll. Man könne die Kinder ihretwegen jeden Tag testen, solle dann aber doch bitte die Maske am Platz weglassen, findet sie. »Die Maske ist blöd, weil man da keine Luft kriegt«, sagt ihr Sohn.

Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper weiß um die Probleme, die die Maskenpflicht aus pädagogischer Sicht im Unterricht mit sich bringt: »Insbesondere für die noch kleineren Kinder unter zwölf Jahren ist die Maske hinderlich. Sie brauchen aufgrund ihrer Entwicklung die Mimik zur Verständigung, um zum Beispiel mal ein Lächeln sehen oder zeigen zu können.«

Sturm versteht auch nicht, warum es regelmäßig getesteten Kindern mit ihren Schülerausweisen erlaubt ist, in Innenräumen, wo die 3G-Regel gilt, ihre Masken abzusetzen, im Unterricht aber nicht. Sie bezeichnet das als unverhältnismäßig. Das sehen offenbar viele andere auch so, denn Sturms Petition hatte am Donnerstagmittag bereits 113 000 Unterstützer gefunden. »Ich war überwältigt von der Resonanz. Ich hätte nie mit so vielen Unterschriften gerechnet«, sagt die Grünenwörterin.

Positive Reaktionen bekommen

Am Montag forderte sie die Menschen auf der Petitionsplattform in einem Nachtrag auf, ihre Petition über die lokalen Medien bekannter zu machen, bot sich als Ansprechpartnerin an und gab deshalb ihre Mailadresse bekannt. Seitdem habe Sturm eigener Aussage nach rund 100 Mails von Unterstützern bekommen, denen sie allen geantwortet habe. »Es waren nur positive Reaktionen«, berichtet sie.

Flankierend hat die 34-Jährige auch eine E-Mail mit ihrem Anliegen an das baden-württembergische Kultusministerium geschickt. Die Antwort darauf macht ihr Hoffnung, dass die Maskenpflicht im Unterricht in nächster Zeit doch noch gelockert werden könnte. Die Thematik solle kommende Woche in der Kultusministerkonferenz diskutiert werden. »Es kann deshalb sein, dass es sehr kurzfristig zu einer Anpassung kommt«, heißt es in dem Schreiben. Außerdem übermittelte Therese Sturm ihre Petition noch an den Petitionsausschuss des Landtags.

Im benachbarten Bayern müssen Schüler bereits ab kommendem Montag keinen Mund-Nasen-Schutz mehr im Unterricht tragen. Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte der baden-württembergische Landesregierungssprecher, Arne Braun, dass es Überlegungen gebe, die Maskenpflicht in Schulen am Platz zu überarbeiten. Die nächste Aktualisierung der Corona-Verordnung stehe für übernächste Woche an. »Es kann sein, dass wir das da schon überarbeiten«, so Braun laut dpa.

Verband trägt Maskenpflicht mit

Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, bezeichnet das Maskentragen »als einzige wirksame Schutzmaßnahme in der Schule, um Tröpfcheninfektionen zu verhindern, da ein Abstand von 1,5 Metern zwischen den Schülern in den Unterrichtsräumen nicht eingehalten werden kann«. So lange das »auf unbestimmte Zeit« der Landesregierung nur bedeute, auf Sicht zu fahren und die Maskenpflicht lieber eine Woche zu lange als eine Woche zu kurz gelten zu lassen, um eine weitere Ansteckungs-Explosion wie im Dezember 2020 sicher zu verhindern, trage der Verband die Maßnahme mit, schreibt er auf Anfrage.

Da die unter Zwölfjährigen noch überhaupt nicht, und die Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren erst zu 33 Prozent vollständig geimpft seien, »sind gerade Kinder und Jugendliche derzeit die Treiber der Pandemie«, so Scholl.

»Auch wenn nur ein Prozent der infizierten Kinder hospitalisiert wird, bedeutet dies bei 700 000 Schulkindern unter zwölf Jahren 7000 ins Krankenhaus eingelieferte und dann 70 tote Kinder, wenn man die Pandemie einfach laufen lässt und die Kinder sich ungeschützt anstecken«, rechnet der Vorsitzende des Philologenverbands vor. Wer den notwendigen starken Magen habe, möge dies beschließen und die Folgen mit seinem Gewissen vereinbaren, schiebt er noch nach.

781 Schulen betroffen

Die aktuelle Statistik des baden-württembergischen Kultusministeriums über die Corona-Lage an den Schulen weist (Stand Mittwoch, 29. September) 1644 positiv auf Covid-19 getestete Schüler aus. In dieser Zahl sind laut Ministerium alle Schüler erfasst, die am Mittwoch wegen eines positiven Corona-Tests nicht in der Schule waren. Dies entspricht einem Anteil von 0,11 Prozent der Schülerschaft. Außerdem haben die Schulen 73 positiv getestete Lehrkräfte gemeldet, was einem Anteil von 0,05 Prozent entspricht. Betroffen waren am Mittwoch 781 der rund 4500 Schulen im Ländle.

Eine dieser 781 betroffenen Schulen ist die Grundschule, die der Sohn von Therese Sturm besucht. In seiner Klasse hat es kürzlich ebenfalls einen positiven Corona-Test gegeben. »Die ganze Klasse musste nicht in Quarantäne, sich aber fünf Tage hintereinander testen lassen. Alle anderen waren negativ«, berichtet die 34-Jährige.

Sie glaubt nicht, dass sich die ganze Klasse angesteckt hätte, wenn die Kinder ohne Maske im Unterricht gesessen wären. An genau dem Tag, an dem das Kind nachmittags per Schnelltest positiv getestet worden sei, habe es laut Sturm morgens Sportunterricht gegeben. Und der findet auch in Baden-Württemberg ohne Maske statt.

Hintergrund: Corona-Tests in den Schulen

Im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Künzelsau, zu dem außer dem Main-Tauber-Kreis auch die Landkreise Hohenlohe und Schwäbisch Hall gehören, sind am Dienstag, 28. September, 43 Schülerinnen und Schüler sowie 15 Lehrkräfte mit positivem Corona-Test gezählt worden. Aktuellere Zahlen waren nach Aussage von Amtsleiterin Bettina Hey aufgrund der Kürze der Zeit nicht zu beschaffen. An 23 der 146 öffentlichen Schulen habe es positive Corona-Tests gegeben, teilte die Behörde am Mittwoch auf Anfrage mit.

Derzeit sind für die Schüler in Baden-Württemberg drei Antigenschnelltests pro Woche Pflicht. Wenn die Testung vor Ort über PCR-Tests erfolgt, reichen nach Aussage des Kultusministeriums aufgrund der höheren Sensitivität zwei Tests in der Woche.

Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert, dass alle Tests an den Schulen auf »PCR-Pooltests mit paralleler zweiter, individueller Abstrichnahme« umgestellt werden. So ist es seit Kurzem in Bayern. Dadurch gebe es nur einen minimalen Zeitverzug von circa acht Stunden zwischen positivem Pooltest und individuellen Tests, begründet Vorsitzender Ralf Scholl diese Forderung. »Die fünf Schnelltests, die für die ganze Klasse durchgeführt werden, sobald ein Schüler positiv getestet wurde, schlagen frühestens vier bis fünf Tage nach der Infektion positiv an«, erläutert er. ()

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