Paten für Stolperstein-Projekt gesucht

Mahnmal: Dritte Verlegung am 23. September - Zwölf weitere Schicksale von Wertheimer Juden im Mittelpunkt

Wertheim
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Dr. Dieter Fauth.
Foto: Karin Hussy
Sie sind Mahnmal und Kunstprojekt zugleich: Stolpersteine, wie sie bereits in rund 300 deutschen Städten zu finden sind, gibt es bisweilen auch in Wertheim. 22 Stück hat der Künstler Gunter Demnig im September 2009 und im April dieses Jahres verlegt. Nun sollen weitere zwölf Steine am 23. September folgen.
Allerdings haben die Initiatoren bisher nur für vier Steine Paten gefunden. Die Patensuche sei eine öffentliche Angelegenheit, betonte Dr. Dieter Fauth in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Fauth, Lehrer an der Comenius-Realschule Wertheim, betreut das Projekt gemeinsam mit dem Initiator Klaus Schwitt. Schulleiter Hans-Peter Otterbach kümmert sich um die organisatorische Seite wie die Verwaltung des Kontos und die Vermittlung der Paten.
»Wir warten, wer auf uns zukommt«, sagt der Lehrer. »Das soll ja auch ein Bürgerschaftsprojekt sein. Wir möchten den normalen Bürger ansprechen, der dieses Projekt gut findet.« Dabei gebe es auch oft persönliche Interessen, als Pate zu fungieren, etwa wenn man jüdische Opfer oder Angehörige persönlich gekannt habe oder wenn man gerade in dem Haus wohne, wo das Opfer gelebt hat. Rund 60 Prozent der jüdischen Wertheimer Mitbürger gelang laut Dieter Fauth vor dem Frühjahr 1939 die Emigration, vor allem Kinder konnten durch die Verschickung ins Ausland gerettet werden. Bei den Opfern, denen nach September 1939 keine Flucht mehr möglich war, gebe es zwei Schwerpunktgruppen - zum einen wurden viele von ihnen am 21. Oktober 1940 deportiert. An diesem Tag wurden alle 6500 Juden in ganz Baden - aus Wertheim direkt 18 jüdische Mitbürger - in ein Sammellager nach Gurs in den Pyrenäen gebracht, jedoch waren bereits zuvor schon viele Wertheimer Juden seit 1933 in größere Städte wie Karlsruhe, Mannheim oder Heidelberg verzogen, um nach Ansicht von Fauth in der dortigen Anonymität abtauchen zu können, und dann doch bei diesem Transport dabei.
Nach der Wannseekonferenz im Januar 1942, als beschlossen wurde, Europa von den Juden zu befreien, folgte der Transport in die Konzentrationslager im Osten, wie Theresienstadt oder Auschwitz. Die Wertheimer Opfer waren unter den Ersten, die in den Vernichtungslagern im September 1942 zu Tode gekommen sind.
Des Weiteren gab es Wertheimer Juden, die weiter weg gezogen waren, beispielsweise nach Berlin. Die Deportation von diesen Städten aus erfolgte dann zu unterschiedlichen Zeiten.
Ideell oder aktiv mitwirken
Mit einer Patenschaft könne jeder an dem Projekt ideell oder aktiv mitwirken. Diese sei nicht unbedingt an eine Spende gekoppelt, denn es müssen auch nicht immer Erwachsene als Paten fungieren, auch Schüler seien willkommen, sagt Fauth.
Gerade weil das Wertheimer Stolpersteine-Projekt als Schülerprojekt realisiert werde, sei es wichtig, auch die junge Generation mit einzubeziehen. Die Schüler der Klassenstufen neun und zehn erarbeiten die Lebensgeschichten der Opfer und gestalten die feierliche Verlegung mit.
Schritt für Schritt, über die Recherche in Archiven, wie beispielsweise über das Wertheimer Stadtarchiv, das Melderegister oder die Feuerversicherungsbücher rekonstruieren die Schüler die Biografien der Opfer. Diese sind auch Teil der Abschlussprüfung mancher Zehntklässler oder Abiturienten, wie zum Beispiel von vier Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums, die ihre Jahresfacharbeit zum Thema »Judenverfolgung in Wertheim« Ende August der Öffentlichkeit präsentieren wollen.
Juden ausfindig gemacht
Das Projekt gründet auf den Vorarbeiten des ehemaligen Oberbürgermeisters Karl-Josef Scheuermann und seines Stadtarchivars Erich Langguth, die in den 70er-Jahren überlebende Wertheimer Juden und ihre Nachfahren ausfindig machten. Sie folgten einer Einladung des Gemeinderats zu einem Besuch in Wertheim. »Wer überhaupt Opfer war in Wertheim und wo diese wohnten - das war das Plateau, von dem aus wir unser Projekt gestartet haben«, sagt Fauth. »Ohne dieses Plateau hätten wir es wahrscheinlich nicht gewagt«, führt er fort.
Dass noch weitere Verlegungen folgen werden, ist Fauth sich sicher. Es werde jedoch immer schwieriger, weitere Opfer des Nationalsozialismus ausfindig zu machen, wie politische oder Euthanasieopfer. Dies sei teils ein noch viel größeres Tabu als der Völkermord an den jüdischen Mitbürgern.
Karin Hussy
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