Mit richtig fiesen Tricks

Exotisches Standbein: Frank Rudolf hat sich fleischfressenden Pflanzen verschrieben - Aus Hobby wird Geschäft

Fleischfressende Pflanzen als Geschäftsmodell
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Frank Rudolf liebt seine fleischfressenden Pflanzen. Die roten Flaschen an einem solchen Exemplar können einen halben Meter lang werden, es sollen schon Affenskelette darin gefunden worden sein.
Foto: Michael Geringhoff
Im Haupt­be­ruf ist der Wie­bel­ba­cher Frank Ru­dolf (32) Be­triebs­wirt, ein Be­ruf, der den Hang zu Frei­heit und Abenteu­er nicht un­be­dingt be­güns­tig. Zum Glück gibt es Au­d­rey, Hek­tor und ih­re Freun­de. Sie al­le sind fleisch­fres­sen­de Pflan­zen und Frank Ru­dolf ist der Chef. Er be­t­reibt das deut­sch­land­weit ein­zi­ge Ge­schäft, in dem aus­sch­ließ­lich fleisch­fres­sen­de Pflan­zen ver­kauft wer­den.
Der Laden liegt ziemlich versteckt an einem kleinen Platz an der Kreuzwertheimer Hauptstraße, aber eigentlich hatte Rudolf ja auch gar kein Verkaufsgeschäft aufmachen wollen. Angefangen habe alles, als er vor gut zehn Jahren bei den Eltern ausgezogen sei. »Eigene Wohnung war toll, aber es musste noch irgendetwas Besonderes her«, sagt er. Der Baumarkt habe Abhilfe geschaffen und ihm seine erste fleischfressende Pflanze verkauft.
Ableger von ihr hat Rudolf nicht mehr, sie sei recht bald eingegangen, man könne da durchaus Fehler bei der Pflege machen. Anfangs habe er »null Ahnung gehabt«, sagt er. Eine Passion ist dennoch daraus geworden - Ende offen. Auf die erste Pflanze war recht bald eine zweite gefolgt, bald war die erste Fensterbank besetzt, nicht viel später die zweite, dann die dritte und vierte.
Auch Dachboden bald zu klein
Um mehr Platz für seine Lieblinge zu bekommen, hat Rudolf als Nächstes seine Schränke ausgeräumt und pflanzengerecht beleuchtet, aber: »Das reichte immer noch nicht«. Nachdem dann sein Dachboden komplett in der Hand der Fleischfresser war, folgte der elterliche Dachboden, als Nächstes wurde den Karnivoren der Garten erschlossen: »Moorbeete - und dann kam ein Gewächshaus in Grünenwört.«
Er selbst würde das alles wohl für eine eher milde Form des Wahnsinns halten, immerhin hatte er schnell erkannt, dass es so nicht weitergehen konnte. Wer immer neue fleischfressende Pflanzen will, der muss sich auch trennen können, und so ist Rudolf auf die Idee gekommen, seine Fleischfresser auf einer Auktionsplattform im Internet auszuwildern: »Lief gut.«
Der Einstieg in den Internethandel ist heute fast auf den Tag genau zehn Jahre her. Mittlerweile seien es Tausende Pflanzen, die er jährlich verschicke: »So um die 20 Päckchen am Tag«. Und der Laden? Den hat er 2006 gemietet, weil es so kostspielig war, das Gewächshaus zu beheizen. Etwas Festeres sei da besser, hatte er überlegt, und war auf das leere Ladengeschäft in Kreuzwertheim gestoßen: »Als ich dann das große Schaufenster gesehen habe, da habe ich gedacht, man könnte vielleicht auch einen Laden aufmachen.«
Im Laden ist es feucht und warm und sehr grün. Als Laie mag man annehmen, man müsste die Fleischfresser doch schmatzen hören können - dem ist aber nicht so. Eine einsame Fliege kreist. »Die hat hier keine allzu hohe Lebenserwartung«, sagt Rudolf und holt eine ganz besonders rare Schlauchpflanze hervor. 30 Arten von pflanzlichen Karnivoren hat er in seinem Geschäft. Viel, aber gemessen daran, wie viele es weltweit gibt, doch wieder nicht so viel. Es gebe sieben Gattungen, die stärkste von ihnen habe allein 2 000 Unterarten.
Pflanzen nähmen auch Käse
Die Zeiten, als Rudolf »null Ahnung« hatte, sind lange vorbei, gerade eben ist er dabei, ein Buch über die Fleischfresser zu schreiben. »Sie fressen übrigens wirklich Fleisch, sie würden aber auch Käse nehmen«, sagt er. Aus dem Regal holt er die wohl bekannteste aller fleischfressenden Pflanzen - eine Venusfliegenfalle. Diese kommt auch im Film »Der kleine Horrorladen« vor. Dort heißt sie Audrey, ist ein Riesending, kann sprechen und verleitet ihren Besitzer dazu, sie mit Menschenfleisch zu füttern. Die Originalpflanze aus dem Film sei vor einiger Zeit für ein paar Tausend Euro im Internet versteigert worden. Rudolf hatte mitgeboten, war jedoch knapp unterlegen: »Aber wir bleiben dran.«
Die Venusfliegenfalle auf dem Tisch ist eher klein, die fleischigen Blätter messen nur ein paar Zentimeter. Rudolf zeigt, dass die Pflanze aber tatsächlich richtig zuschnappen kann. Mit einem Kugelschreiber reizt er kleine Härchen im Inneren: »Man muss sie innerhalb von drei Sekunden mindestens zweimal reizen, dann schnappt sie zu«. Schnapp! In Sekundenbruchteilen ist es passiert.
Wie die Pflanze das schaffe, sich so schnell zu bewegen, werde nach wie vor wissenschaftlich erforscht: »Genau weiß man es aber noch nicht.« Die aktuell plausibelste Erklärung gehe dahin, dass die Pflanze unter einer gewissen Vorspannung stehe und die rasche Bewegung mit dem Umstülpen einer Kontaktlinse vergleichbar sein könnte. So exotisch, wie man allgemein annehme, seien die Pflanzen übrigens gar nicht: »Die Venusfliegenfalle ist sogar winterhart«, sagt Rudolf. Natürlich komme sie jedoch nur noch an einem einzigen Standort in South Carolina vor.
Ganz anders ist es beim heimischen Sonnentau. Auch er gehört zu den fleischfressenden Pflanzen, lockt Insekten an und zersetzt sie dann. Die Insekten bleiben zunächst nur kleben und die Pflanze umschlingt sie dann ganz langsam. »Das ist richtig fies«, sagt Rudolf.
Hektor wächst noch
Besonders junge Leute seien fasziniert vom meist aussichtslosen und lange währenden Kampf Insekt gegen Pflanze. Die Kunden entwickelten ganz besondere Beziehungen zu ihren Pflanzen. Jüngst habe er eine klitzekleine, »nur wenige Millimeter große Fliegenfalle« verkauft. Der Kunde hab gleich begeistert zurückgeschrieben und mitgeteilt er habe das Miniding auf den Namen Hektor getauft.
Michael Geringhoff
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