Die Wertheimer Dekanin Wibke Klomp über ihren Weg zum Glauben und die Nutzung digitaler Kanäle

Kirche: Mit den Möglichkeiten der Zeit gehen

Wertheim
5 Min.

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Wibke Klomp: Die neue Dekanin ist coronabedingt aktuell keine zum anfassen. Im Internet trifft man sie dafür auf allen Kanälen. Foto: Michael Geringhoff
Foto: Michael Geringhoff
Es nicht noch gar nicht so lan­ge her, dass mit Wib­ke Klomp in Wert­heim die ers­te De­kanin der lo­ka­len Kir­chen­ge­schich­te ein­ge­zo­gen ist. All­zu häu­fig trifft man die 45-Jäh­ri­ge im Mo­ment je­doch nicht an. "Co­ro­na­zeit ist nicht die Zeit fürs An­fas­sen und gro­ße Nähe", sagt sie an ei­ner Stel­le des Ge­sprächs. Di­gi­tal al­ler­dings ist die ge­bür­ti­ge Bre­mer­ha­ve­ne­rin prä­sent wie kaum je­mand bei Kir­chen.

Das rote Handy ist immer dabei - Facebook, Youtube, Instagram ? überall, wo Bits und Bytes drin sind: Klomp ist schon da. Und manchmal spricht sie auch aus dem analogen Radio - zuletzt allabendlich in der ersten Adventswoche mit eigenen Abendgedanken beim SWR. Die neue Dekanin ist eine Managerin vor dem Herrn, sie bekennt sich zum Ehrgeiz und ihr vorgelegtes Tempo ist ordentlich, schließlich gibt eine Menge zu erledigen.

Eine gewisse Rasanz war schon bei ihrer Ankunft in Wertheim spürbar - für Klomp selbst recht schmerzlich. Mein Mann hatte Prellungen, bei mir war was gebrochen", sagt sie wie nebenbei. Ein eiliger Nachbar hatte sie demnach in einem Moment der Unachtsamkeit auf dem Zebrastreifen vor der Kirche mit seinem Auto erwischt. "Ich musste an Krücken gehen, deshalb konnte ich auch bei der Amtseinführung nicht vor dem Bischof knien", erklärt sie.

Der Zufall spielt mit

Man ahnt, dass Letzteres für Klomp vielleicht nicht wirklich tragisch war. Sie wirkt nicht wie eine, die sich ohne Weiteres einer althergebrachten Geschlechterhierarchie unterordnen würde. Überhaupt ist evangelische Kirche in Wertheim mittlerweile fast ausschließlich Frauensache. Auch Klomp hat das bemerkt, sie lächelt dazu. Klomp hätte andere berufliche Wege einschlagen können. Dass es Kirche geworden ist - es war auch Zufall dabei. "Meine Eltern hatten eine kleine Käserei und eine Schlachterei. Da war für Kirche nicht viel Platz, die Arbeit hat alles geprägt", sagt sie. Auf einem der vom Vater beschickten Wochenmärkte habe dessen Stand neben dem Pfarrhaus gelegen. Der Vater und der Pfarrer, beide Männer hätten sich über die Jahre angefreundet. Religion habe dabei, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle gespielt, meint die Dekanin.

Irgendwann sei dem Vater dann aus dem Pfarrhaus beschieden worden: "So, deine Kinder sind alt genug. Es ist Zeit, dass sie im Posaunenchor spielen. "So bin ich bei der Kirche gelandet", sagt Klomp und rückt für die folgende Rückblende kurz von der Stuhlkante in eine etwas bequemere Sitzposition. Zwölf sei sie damals gewesen und aufgenommen worden in eine "ganz tolle Gemeinschaft mit ganz tollen Leuten".

Schon Mitte der 1980er sei sie mit Gruppen Behinderter und Nichtbehinderter zu Freizeiten in Dänemark gewesen. "Damals gab es das Wort Inklusion, glaube ich, noch gar nicht", sagt sie. "Ich habe gar nicht gemerkt, dass all das mit Religion zu tun hat, habe nur die Haltung gesehen, aus der heraus die Menschen tun, was sie da tun. Erst in diesem Zusammenhang habe ich begonnen, Religion zu verstehen und auch die Bibel für mich entdeckt."

Stärkere Rolle der Frau

Es sei vielfach eine Frage des menschenfreundlichen Umgangs, den sehe sie auch in anderen Religionen, "Und ich habe hohen Respekt davor", sagt sie. Studiert habe sie folgerichtig zusätzlich dann auch katholische Religion. "Ich fühle mich aber im Evangelischen am meisten zuhause" sagt Klomp. Das habe auch etwas mit der Frauenrolle zu tun, die sei im Protestantismus stärker.

Einen Umweg hat sie trotzdem genommen. "Ich habe dann nach dem Abitur ein Studium der Biochemie angefangen. Dieses Studium hätte ich gut durchziehen können, aber mir ist ziemlich schnell klar geworden, dass mir da was fehlt: Das reicht nicht als Inhalt für ein ganzes Leben. Wenn ich was mache, dann will ich das mit voller Überzeugung tun", sagt sie. Kirche habe zudem auch etwas von Wissenschaft. Da sei eine spannende Sozialgeschichte hinter den Bildern zu entdecken. Man müsse eben sehen, dass alles in der Zeit geschrieben worden sei. So richtig wörtlich dürfe man da nicht herangehen. "Die Schöpfungsgeschichte will uns nicht erzählen, wie die Welt im Einzelnen entstanden ist, sondern dass alles seinen Wert hat." Religion und Wissenschaft gingen da sehr gut dazu. "Die Frau Merkel war doch ganz großartig", sagt Klomp etwas unvermittelt. Wie die Kanzlerin im Bundestag in ihrem Corona-Appell - in der Woche vor dem dritten Advent - das Menschliche mit der Wissenschaft verbunden hatte, das sei doch ganz großartig gewesen.

Das Zentrum gesunden Religionsverständnisses sei es, dass Gott es bedingungslos gut mit den Menschen meine. "Leid als Strafe, das ist mir absolut fremd", sagt Klomp entschieden und dass Gott mehr sei, als nur ein philosophisches Gespinst. "Sagt doch schon Johannes: Das Wort werde Fleisch." Das bedeute für sie, dass Menschen Gott berühren könnten und dass der sich auch berühren lasse, sagt Klomp. Auf die Corona-Pandemie gezielt, schiebt sie nach: "Und das ist doch wirklich eine sehr starke Botschaft."

Den Menschen Halt geben

Klomp macht an dieser Stelle eine Pause und offenbart dann: "Ich habe mich da mit dem Studium wirklich sehr schwer getan. Ich denke für mich: Das Ziel meines Amtes sollte es sein, die Botschaft auszulegen und sie zu leben." Der Punkt sei wichtig, Kirche stehe immer in ihrer Zeit. Sie wolle den Menschen aus der Kirche heraus Halt geben. "Jeder muss sehen können, dass er geliebt ist, nur dann kann er auch auf andere zugehen." Genau an dieser Stelle sei man gerade im Kirchenjahr. "Genau das feiern wir an Weihnachten - das Fest der Liebe", sagt die Dekanin, betont aber gleichzeitig, dass sie eben kein exklusives Religionsverständnis habe. "Auch andere Religionen feiern die Gemeinschaft und ich achte das sehr."

Grenzen der Religion oder ihres Amtes sieht Klomp kaum. "Das Amt ist durchaus auch ein politisches. Wir sind in der Welt und für die Welt." Manchmal müsse Kirche vielleicht mehr einfordern, zum Beispiel den gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Brüche führen zu Unversöhnlichkeiten", sagt sie mit Blick auf aktuelle politische Ereignisse mit Blick auf AfD, Rechte und die sogenannten Querdenker. Freiheit sei ein sehr hohes Gut, setze aber voraus, dass wirklich alle bereit seien, immer mit allen im Gespräch zu bleiben.

Arbeit stark eingeschränkt

Das Evangelium vermittle eine klare Vorstellung davon, wie diese Welt laufen soll und da müsse Kirche am Ball sein. Auf Wertheim bezogen bedeute das, mit der Stiftskirche und der Emausgemeinde einen Ort zu entwickeln, der den Menschen ein Zuhause biete. Kirche an sich und der Kirchenraum im Speziellen hätten eine besondere Rolle und eine wertvolle Tradition aus der heraus Kraft erwachse, die man nutzen könne und müsse. Das sehe sie als ihre Verantwortung, sagt Klomp. Sie arbeite daran, dass die Botschaft gehört und die Kraft entwickelt werde. Corona spiele ihr da nicht eben in die Karten. Ihre Arbeit werde stark eingeschränkt. Die für Amt und Ziel wünschenswerte Normalität mit Nähe und Berührungen habe sie noch gar nicht erleben dürfen, bedauert Klomp. Im Moment setzt sie voll auf eine Vielzahl digitaler Angebote, die naturgegeben zuerst die jungen Leute erreichen. "Aber auch da ändert sich was", sagt Klomp und erzählt unter anderem von einer älteren Dame, die die mittlerweile reichhaltigen, digitalen Inhalte der Stiftsgemeinde mit gleichaltrigen Freundinnen weit über Wertheim hinaus im Internet teilt.

Längst nicht mit jedem entstehe digitale Kommunikation, aber viele nähmen die Inhalte aus dem Netz wahr. Schon das habe große Bedeutung. Für die Gemeinde sind das die Kanäle der diversen sozialen Medien, der Newsletter, der aktuelle digitale Adventskalender (den man auch ganz analog am Telefon erleben kann) oder die Rundfunk-App. Und kirchenintern tue sich auch einiges. "Vor acht Wochen habe ich eine wöchentliche kollegiale Kaffeepause mit allen Pfarrern eingerichtet. Wir treffen uns im Internet. Jeder kann berichten, was er tut, welche Projekte da sind. Vieles geschieht, vieles auch viel schneller, als früher und es verbindet uns ganz enorm", sagt Klomp. Von nichts komme dabei nichts: "Ich pflege das Digitale und kümmere mich jeden Morgen darum." Da entwickle sich generationsübergreifend Raum für interessanteste Entdeckungen, böten sich unverhofft ganz andere Kanäle. Das so zu machen, sei doch irgendwie ganz normal, sagt die Dekanin. Kirche müsse mit den Möglichkeiten der Zeit gehen. Streng genommen habe Luther das ja mit dem aufkommenden Buchdruck genauso gehalten.

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