"Manche Kinder haben Angst, nach Hause zu gehen"

Interview: Caritas bietet eine Gruppe für Kinder an, deren Eltern psychisch oder suchtkrank sind

Wertheim
5 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Bernhard Bopp
Foto: Erziehungs-, Familienberatung
Für Kin­der psy­chisch kran­ker El­tern bie­tet die Er­zie­hungs- und Fa­mi­li­en­be­ra­tungs­s­tel­le des Ca­ri­tas­ver­ban­des im Tau­ber­kreis ei­ne Grup­pe an, in der sie dar­über sp­re­chen kön­nen, wie es ih­nen zu Hau­se geht, was sie be­las­tet und was ih­nen hilft. Mit wel­chen Pro­b­le­men die­se Kin­der zu kämp­fen ha­ben und wel­che An­ge­bo­te ih­nen So­zial­ar­bei­ter, aber auch Lai­en ma­chen kön­nen, er­fuhr un­se­re Mit­ar­bei­te­rin And­rea Ham­merl im In­ter­view mit Bern­hard Bopp (62), dem Lei­ter der Er­zie­hungs­be­ra­tungs­s­tel­le.

Herr Bopp, wie sind Sie selbst mit dem Thema in Kontakt gekommen?

Bernhard Bopp: Wir sind eine Erziehungsberatungsstelle, in die Eltern kommen, die Probleme mit ihrem Kind haben. Da sind wir natürlich auch mit Eltern konfrontiert, die psychisch krank oder zumindest belastet sind. Daher haben wir uns im Team überlegt, ob wir nicht einmal eine Gruppe für betroffene Kinder anbieten können. Der Gedanke war, dass es ihnen hilft, zu erleben, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Zudem können sie gegenseitig von ihren Erfahrungen profitieren.

War das in Ihrer Ausbildung auch bereits Thema?

Nein, und ich glaube, auch nicht bei unserer Kursleiterin Birgit Ditter, die schon lange als Sozialarbeiterin arbeitet. Psychische Erkrankungen sind Lehrinhalte der Ausbildung, aber welche Bedeutung ihre Erkrankung für die Kinder hat, wurde erst kürzlich erforscht. Das Bewusstsein dafür ist in den vergangenen fünf bis zehn Jahren gestiegen, seitdem beschäftigt man sich auch mit betroffenen Kindern und nicht nur mit den Eltern. Schließlich haben Kinder psychisch kranker Eltern eine drei- bis siebenfach erhöhte Wahrscheinlichkeit, selber verhaltensauffällig oder gar psychisch krank zu werden. Von meiner Erfahrung her kann ich sagen, dass komplexe Familiensituationen zunehmen.

Was muss man mitbringen, um Kinder in solchen Situationen zu begleiten?

Zunächst ist natürlich wichtig, dass man Kinder mag und Grundkenntnisse psychischer Erkrankungen hat. Nur wer deren Auswirkungen auf die Eltern kennt, kann verstehen, was das für die Familie, speziell Kinder bedeutet. Kenntnisse von Entwicklungspsychologie helfen zu beurteilen, wie sich die Kinder entwickeln. Erfahrung mit Gruppenarbeit macht Sinn, weil man so Akzente setzen und nicht nur theoretisch, sondern spielerisch arbeiten kann. Die Kinder sollen in den Gruppen auch Spaß haben.

Wie viele Kinder sind im Raum Wertheim betroffen?

Darüber gibt es keine Zahlen. Bundesweit spricht man von etwa drei Millionen, die Zahl stammt aus dem Jahr 2011. Für Baden-Württemberg gibt es eine Studie des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales, wonach in unserem Bundesland rund 60.000 Kinder betroffen sind.

Wie erleben Kinder psychisch kranke Eltern?

Das ist natürlich ganz unterschiedlich. Das Bedeutsamste ist, dass Kinder nicht wissen, wie ihr Tag aussehen wird, weil die Verlässlichkeit der Eltern nicht gegeben ist. Bei manisch-depressiven Menschen gibt es Zeiten, in denen es ihnen gut geht und sie viel mit ihren Kindern unternehmen. Dann folgen Zeiten der Unfähigkeit, wo sie sich im Extremfall überhaupt nicht um ihr Kind kümmern. Das ist sehr belastend für die Kinder. Sie sind sprachlos und können den Gesundheitszustand nicht einschätzen, der sich zudem jederzeit ändern kann. Wenn sich die Eltern nicht um ihre Kinder kümmern, kann es zu Vernachlässigung, im Extremfall zu Kindswohlgefährdung kommen. Manche Kinder haben sogar Angst, nach Hause zu gehen, weil sie nicht wissen, ob Mutter oder Vater betrunken oder abgestürzt sind oder gut drauf. Mit dieser Situation sind Kinder oft überfordert. Ältere Geschwister übernehmen nicht selten Verantwortung für die jüngeren, wenn die Mutter nicht aus dem Bett kommt. Sie kochen, gehen einkaufen, machen den Haushalt und können nicht einmal darüber reden.

Was es mit dem zweiten Elternteil? Dass beide Eltern krank sind, kommt doch wahrscheinlich nicht allzu häufig vor?

Hier bei uns in der Beratungsstelle haben wir einen hohen Prozentsatz alleinerziehender Mütter in der Beratung, da fehlt der zweite Elternteil. Wenn die Mutter psychisch krank ist und der Vater arbeitet, dann sind nicht alle Betreuungszeiten abgedeckt. Aber natürlich kann der zweite Elternteil viel auffangen, wenn er mit den Kindern darüber redet und sie bei ihm gut angedockt sind.

Was prägt betroffene Kinder besonders?

Die Sprachlosigkeit. Kinder haben oft keine Worte zu dem Phänomen, wenn die Mutter auf der Couch liegt und nicht mehr hochkommt, der Vater betrunken ist oder ein Elternteil in einer manischen Phase völlig aufgedreht ist. Ohne Worte bleibt das sehr diffus; die Situation ist für Kinder nicht fassbar. Sobald ich es in Sprache bringen, kann ich es ausdrücken und in Beziehung zu mir setzen. Das Schlimmste ist, dass die Kinder nichts nach außen tragen dürfen, nicht in der Schule, bei Nachbarn oder Freunden darüber reden dürfen. Daher igeln sie sich oft ein und schämen sich. Das alles mit sich allein auszumachen führt zu großer Überforderung, ganz besonders wenn kleinere Kinder, sagen wir unter zwölf Jahren, Aufgaben Erwachsener übernehmen und sich um die kranken Eltern kümmern.

Das muss ja nicht unbedingt negativ sein, oder?

Grundsätzlich ist es natürlich toll, wenn Kinder altersentsprechend Verantwortung übernehmen. Aber das sollte eine Ausnahmesituation bleiben. Wenn ein Kind dauerhaft für Eltern oder Geschwister sorgen muss, dann wird Überforderung zum Problem. Zwölfjährige können gewisse Verantwortung übernehmen, Achtjährige nicht.

Kann man helfen, auch wenn man kein Profi ist?

Was jeder machen kann, ist zuhören, wenn die Kinder etwas erzählen wollen. Loben, wenn sie etwas gutmachen und sie in ihrem Tun stärken. Ein Lehrer, der weiß, dass ein Schüler in einer schwierigen Situation ist, kann diesem Kind besondere Aufmerksamkeit und Zuneigung schenken. Grundsätzlich kann das jeder machen. Man macht nie etwas verkehrt, wenn man für ein Kind da ist, ihm Mut macht oder Freude bringt. Das kann wahnsinnig viel helfen. Verlässlichkeit ist ein ganz wichtiger Punkt, denn die ist bei Eltern mit psychischer Erkrankung meist nicht gegeben.

Was wird den Kindern im Kurs vermittelt?

Wir vermitteln ihnen, dass sie Freude am Leben haben dürfen und ihr Leben nicht nur aus Sorge um den kranken Elternteil besteht. Kinder haben ein Recht, eigene Sachen zu erleben. Wir ermutigen sie, sich mit Freunden zu treffen oder Fußball zu spielen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil es der Mutter nicht gut geht. Dafür sind sie nicht verantwortlich. Wichtig ist, den Kindern zu sagen, dass es ihnen deswegen nicht auch schlecht gehen muss.

Birgit Ditter erarbeitet auch einen Verhaltensplan für Krisenzeiten mit den Kindern - wie kann der aussehen?

Ganz wesentlich ist, dass die Kinder wissen, wen sie um Hilfe bitten können, wenn es Mama oder Papa nicht gut geht, und dass sie Worte für diese Situation haben. Um Hilfe zu holen, braucht es natürlich die Erlaubnis der Eltern. Gemeinsam überlegen wir in der Gruppe, wer helfen könnte und dann wird das natürlich mit den Eltern abgesprochen. Es geht darum, dass Kinder beispielsweise von der Verantwortung befreit werden, die Entscheidung zu treffen, ob ärztliche Hilfe für Vater oder Mutter geholt werden muss.

Wann wird das Jugendamt eingeschaltet?

Natürlich sind wir, wenn das Kindswohl gefährdet ist, verpflichtet, das Jugendamt einzuschalten. Aber dann muss es schon sehr konflikthaft in der Familie sein. In der Regel versuchen wir, beratend zur Seite zu stehen und das Problem zunächst ohne das Jugendamt zu lösen.

Info: Ein Gruppenangebot für Kinder zwischen sieben und 13 Jahren, deren Vater oder Mutter psychisch oder suchtkrank ist, bietet der Caritasverband, Bismarckstraße 1, in Wertheim an. Der Kurs beginnt für die Kinder am Montag, 2. März, und endet am Montag, 30. März. Die Gruppe trifft sich fünfmal montags von 16 bis 17.30 Uhr.

Zur Person: Bernhard Bopp

Bernhard Bopp (62) stammt aus Tauberbischofsheim. Nach dem Abitur in Stuttgart studierte er von 1981 bis 1985 Sozialarbeit in Würzburg. Anschließend war in verschiedenen Funktionen in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes im Main-Tauber-Kreis tätig, die er seit zehn Jahren leitet. Bopp ist ausgebildeter Ehe- Familien- und Lebensberater sowie Traumafachberater. Er ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport, beispielsweise Waldlauf, ist Hobbyfotograf, besucht Freunde und geht gerne ins Kino.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!