Lieferkettenprobleme bei Bestenheider Kommunikationsystem-Hersteller Industronic

Russlandgeschäft bricht ein

Wertheim
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Industronic Geschäftsführer Wolfgang Stallmeyer. Foto: Gunter Fritsch
Foto: Gunter Fritsch
Auch über zwei Jah­re nach Be­ginn der Co­ro­na-Pan­de­mie in Deut­sch­land prä­gen die viel­fäl­ti­gen Hy­gie­ne­aufla­gen noch im­mer die Ar­beits­ab­läu­fe und die Fer­ti­gung des Wert­hei­mer Her­s­tel­lers von in­du­s­tri­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­la­gen, der In­du­s­tro­nic GmbH & Co KG in Bes­ten­heid.

Probleme bei der Lieferung einzelner Teile für die Fertigung bereiten den Kommunikationsexperten bei Industronic immer wieder Kopfzerbrechen. Mit dem Krieg in der Ukraine sind der Firma zudem lukrative Geschäfte in Russland und der Ukraine weggebrochen.

Geschäftsführer Wolfgang Stallmeyer zieht im Gespräch mit dieser Redaktion trotzdem ein positives Fazit: Niemand habe sich, dank der strikten Corona-Auflagen, bislang in der Firma angesteckt. Dabei macht sich der Industronic-Geschäftsführer allerdings Sorgen, wie es mit Ende fast aller Corona-Auflagen mit den Infektionsgeschehen weitergeht. Mit Blick auf einzelne Veranstaltungen, auch in Wertheim, bei denen bereits Hunderte von Menschen ohne jedwede Auflagen zusammenkommen sind, fürchtet er, dass es auch in Zukunft zum vermehrten krankheitsbedingten Ausfall von Beschäftigten kommen könnte, versteht Stallmeyer die Politik nicht mehr, die offenbar so tue, als ob Corona kein Problem mehr sei.

Weil das Unternehmen keine »so hohe Fertigungstiefe« habe, habe man sehr stark auf Homeoffice setzen und damit auch das Ansteckungsrisiko im Betrieb deutlich verringern können. Wobei es keine Pflicht gebe, von zu Hause aus zu arbeiten. Dies geschehe immer in enger Abstimmung mit den Beschäftigten. Während ein Teil der 150 Mitarbeiter am Standort Wertheim schon allein aus Distanzgründen die Arbeit im Homeoffice vorzögen, arbeite ein anderer Teil lieber in der Firma. So sei es gelungen, dass nie mehr als 50 Prozent der Belegschaft vor Ort gewesen seien. Im Ergebnis, davon ist Stallmeyer überzeugt, werden die neuen Arbeitsformen von zu Hause wohl auch in einer Nach-Corona-Zeit erhalten bleiben.

 Umfangreiche Hygieneauflagen 

Als es im März 2020 mit strikten Corona-Auflagen begann, hatten Service-Mitarbeiter von Industronic Probleme, in Firmen für Wartungsarbeiten zu kommen. Dank umfangreicher Hygieneauflagen sei es dann aber wieder möglich gewesen, die Unternehmen zu betreten. Eine Unterbrechung der Fertigung habe es im Laufe der vergangenen zwei Jahre bei Industronic wegen Corona jedoch nicht gegeben. Allerdings sei das Unternehmen auch jetzt noch »massiv« davon betroffen, dass Lieferketten nicht immer aufrecht erhalten werden können, schildert Wolfgang Stallmeyer Probleme. Eine Produktionsplanung sei so nur schwer möglich, weil man nicht immer genau wisse, was wann fehle.

Für die Fertigung bedeutet das eine spürbare Umstellung. Das Unternehmen gehe immer dann, wenn ein Lieferant ausfalle, auf die Suche nach alternativen Bezugsquellen, schildert Stallmeyer die Abläufe. Sollte diese Suche erfolglos bleiben, dann müsse Industronic seine Produkte so »umdesignen«, dass andere Teile verwendet werden können. Was Zeit brauche und letztlich auch keine Garantie biete, dass die Teile dann verfügbar seien, wenn sie gebraucht würden.

Das Russlandgeschäft der Bestenheider Firma Industronic ist dem Ukraine-Krieg weitgehend zum Erliegen gekommen. Foto: Knud Dobberke
Foto: Knud Dobberke

Industronic-Geschäftsführer Wolfgang Stallmeyer sieht im Zuge der Corona-Pandemie zudem einen Wandel bei den Technologien, die jetzt im Fokus der Fertigung stünden. Dies gelte für die elektrische Mobilität ebenso wie für die Informationstechnologie. Beide Sparten hätten einen enormen Aufschwung in den vergangenen Jahren genommen. Viele Bauelemente werden jetzt in diesen Industriesparten verbaut, die auch die Firma Industronic bräuchte, nennt Stallmeyer weitere Nachschubprobleme. Oder - auch das habe man schon erlebt - es werden Bauteile, die Industronic für Herstellung ihrer industriellen Kommunikationsanlagen bräuchte, gar nicht mehr gefertigt, weil es für sie keine bedeutsame Nachfrage mehr gebe.

Vorerst Distanz zu Russland

Der zweitgrößte Absatzmarkt für die Firma Industronic war bislang Russland. Mit dem Krieg in der Ukraine seien mit Russland nun keine Geschäfte mehr möglich, schildert Stallmeyer die derzeitige Situation. Aufgrund der Sanktionen gegen Russland lasse man über das Bundesamt für Außenwirtschaft (Bafa) derzeit allerdings überprüfen, ob die von Industronic produzierten und vertriebenen Güter unter die Sanktionsbestimmungen fallen. Wenn dies nicht der Fall sei, dann werde man Ausfuhranträge stellen.

Erfolgreiche Beziehung

»Solange Europa von Russland Gas bezieht, werden wir mit Russland Geschäfte machen«, bezieht der Industronic-Geschäftsführer klar Position. Industronic verfüge über eine erfolgreiche und enge Geschäftsbeziehung zu seinem russischen Partner. Die wolle man auch in Zukunft behalten, warnt Stallmeyer vor einem »Russen-Bashing« angesichts des Krieges in der Ukraine. Über seinen russischen Geschäftspartner hat Industronic in der Vergangenheit auch »alle Flughäfen in der Ukraine mit Kommunikationstechnik aufgerüstet«, die jetzt im Krieg zerstört wurde. Dort seien Wechselsprech- und Beschallungsanlagen verbaut worden.

Schon Corona habe dem Wertheimer Kommunikationstechnik-Experten einen »starken Einbruch« bei den Umsätzen auch in Russland beschert, das Geschäft sei aber in den vergangenen Monaten wieder deutlich besser geworden, beschreibt Stallmeyer jüngste Entwicklungen. Das Deutschland-Geschäft sei derzeit sehr stark, und man hoffe, die Umsatzausfälle in Russland und der Ukraine in anderen Regionen weltweit ausgleichen zu können.

Zahlen und Fakten: Industronic Gmbh & Co KG

Die Industronic, Industrie-Electronic GmbH & Co KG, mit Sitz in Wertheim versteht sich als "global führender Anbieter von industriellen Kommunikationsanlagen", wie es im Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2020 heißt. Die Firma hat ein Netzwerk von rund 50 zertifizierten Partnern und Tochterunternehmen in China, den USA, Singapur und Dubai aufgebaut. Industronic entwickelt, produziert und vertreibt industrielle Kommunikationsanlagen, die in Raffinerien, auf Bohrinseln, in Chemie, Stahl- und Kraftwerken eingesetzt werden. Im Geschäftsjahr 2020 wies das Unternehmen laut Jahresabschluss eine Bilanzsumme von rund 19,4 Millionen Euro aus. Im Jahr zuvor waren es noch rund 21,2 Millionen Euro gewesen. Zum 31. Dezember stand ein Jahresfehlbetrag von rund 2,55 Millionen Euro in den Büchern. Im Gegensatz zum "erneut sehr guten Deutschlandgeschäft" sei der Export "stark eingebrochen", heißt es zum Geschäftsverlauf 2020. Als Gründe werden neben der Corona-Pandemie auch der zwischenzeitlich starke Rückgang des Ölpreises genannt. In der Summe habe das zu einem "sehr unbefriedigenden Geschäftsverlauf" geführt. Industronic habe daraufhin ein "striktes Kostenmanagement eingeführt, Investitionen weitgehend zurückgefahren und das Instrument der Kurzarbeit eingesetzt", um Verluste zu begrenzen und die Liquidität zu schonen, wie es Jahresabschluss 2020 weiter heißt. Geschäftsführer Wolfgang Stallmeyer geht für das laufende Geschäftsjahr von einem Umsatz in Höhe von 28 Millionen Euro aus, im Geschäftsjahr 2021 waren es 23 Millionen Euro gewesen. Das Unternehmen hat insgesamt 180 Beschäftigte, am Standort Wertheim sind es 150. Für Auszubildende hat die Firma. gufi

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