Kreuzwertheimer Künstlerin öffnet die Hirnbüchse der Pandora

Literatur: Jutta Habedanck kritisiert in ihrem aktuellen Buch den sogenannten Mainstream - Verschiedene Projekte geplant

Kreuzwertheim
4 Min.

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Hier findet sie Inspirationen: Künstlerin Jutta Habedanck mit Kater Fridolin in ihrem verwunschenen Garten. Foto: Petra Folger-Schwab
Foto: Petra Folger-Schwab
Was für ein Ti­tel: »Die Hirn­büch­se der Pan­do­ra und köst­li­che lan­ge Wei­le«. Die Kreuz­wert­hei­me­rin Jut­ta Ha­be­danck hat ein neu­es Buch her­aus­ge­bracht. »Bil­der und Tex­te« steht auf dem Co­ver. Je­dem ih­rer gut 80 Tex­te steht ei­ner ih­rer Li­nol­schnit­te ge­gen­über.

Eine vollbusige Schönheit ist zu erkennen, aus deren Schädel Buchstaben quillen, vor ihr räkelt sich eine schwarze Katze. Gelangweilt?

Antiker Mythos

Wie war das noch mit dem antiken Mythos um die Büchse der Pandora, auf den die Künstlerin im ersten Teil des Buchs mit mehr als 20 Texten und Bildern anspielt? Auf keinen Fall darf man diese Büchse öffnen, sonst verbreitet man Unheil, das sich nicht mehr aufhalten lässt. Die »Hirnbüchse der Pandora« von Jutta Habedanck, das erste Gedicht in ihrem Buch, lässt keinen Zweifel daran, was passiert ist. Sie wurde geöffnet, und jetzt ist das Unheil da; »glänzende Geräte« sind es, die den Menschen »mit Netzen« einfangen, Schlagworte wie Stromverschwendung, Kinderarbeit, Vermüllung lassen ahnen, worum es der Dichterin geht.

»Zuschlagen geht nicht mehr«. Den Bequemlichkeiten des Internets stehen falsche Fakten gegenüber, Gewaltaufrufe und Hass. Ist es vielleicht doch gut, dass die Büchse sich leert? Kann man sie dann zuschlagen? Gibt es dann Stille, kann der Geist dann den Lichtstreifen, die Hoffnung, den Weg sehen?

Anregungen und Denkanstöße

Diese Fragen beschäftigen Jutta Habedanck. Sie führt keinen Kreuzzug gegen Handy, Computer und Internet. Nein, sie gibt Anregungen, Denkanstoße, lädt ein zum Innehalten. Da geht es um den im »Taschenhirn« Gefangenen genauso wie um den Eigenheimbesitzer mit Schottergarten und das Bauchgefühl, das für sie nicht die ultimative Erkenntnis präsentieren sollte. Das Denken passiere hinter der Stirn, der Bauch solle Sch... produzieren. Auf die Frage, ob das nicht etwas grob sei, sagt die Dichterin: »Wie soll ich das sonst nennen?«

Der zweite Teil zeigt die »köstliche lange Weile«. In den drei Kapiteln Natur und Umwelt - Sprache, Bücher und Kunst - Gedanken und Träume finden sich gut 60 Gedichte, jedes auch hier mit einem passenden Linolschnitt auf der gegenüberliegenden Seite. Kritik am sogenannten Mainstream übt Jutta Habedanck, aber sie macht auch aus ihrer Bewunderung für die Natur kein Hehl. Angesichts des Feuerwerks an der Wertheimer Burg gegenüber oder auf der Bank Kühe beobachtend - sie hängt ihren Gedanken nach und kehrt auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie nimmt ihre Leser mit, auf und ab.

Ungeheuer produktiv

Ungeheuer produktiv ist Jutta Habedanck. Ihr letztes Buch hat sie 2020 herausgebracht. Das Meiste ist neu, ganz wenig aus ihrem Fundus. Wenn sie zeichne, komme ihr schon ein Text in den Sinn, sagt sie. Sie mache sich Notizen, schreibe ins Unreine. Vier bis fünf Versionen brauche es schon, bis sie zufrieden sei. Als Form wähle sie oft kurze Haikus, Gedichte, die nur drei Zeilen haben. Da reimt sich nichts, die Situation werde knapp umrissen. Längere Texte sind manchmal gereimt. Der Klang der Sprache ist ihr wichtig.

Auch für Nicht-Leser

Das Buch kann man doch unmöglich in einem Stück lesen. Jutta Habedanck lacht. Nein, sie wünscht sich, dass die Leser es immer wieder zur Hand nehmen. Das sei auch für Nicht-Leser gedacht, meint sie. Nur ab und zu hineinschauen, Bilder im Kopf erzeugen lassen, sie für sich mitnehmen. Es sei legitim, sich Zeit zu nehmen. Sich zu besinnen auf eine »köstliche lange Weile«. Das hätten viele verlernt.

Und wie sieht es mit weiteren Projekten aus? Eine Ausstellung zusammen mit ihrem Mann, dem Maler Kurt Nietzer, ist geplant und Lesungen. »Frankfurt« sei ein Thema, und Kinderbücher, die sie bisher nur für ihre Enkelin geschrieben hat, würde sie gerne veröffentlichen. Vorlesen müsse sie ihr am Telefon, Bilder im Kopf der bald Sechsjährigen erzeugen. »Die brave Hexe Besenwischa« ist momentan der Hit.

Hintergrund

Zur Person: Jutta Habedanck

Jutta Habedanck wurde 1946 als Tochter eines deutschen Emigranten in Lissabon geboren. Ihr Vater stammte aus Ostpreußen und hatte in den 30er Jahren Berlin verlassen. In Portugal hat er zuerst als Dolmetscher, später als Kaufmann gearbeitet. In seiner Freizeit malte er Aquarelle, meist Segelschiffe auf dem Fluss Tejo oder dem Atlantik.

Durch ihre Mutter, eine Schweizerin aus Biel, spricht Jutta Habedanck Französisch und Schwytzerdytsch. Sie wächst mit Portugiesisch und Englisch auf, denn ihr zwei Jahre älterer Bruder und sie besuchen nicht die deutsche, sondern die englische Schule in Lissabon. So soll jeder Kontakt mit alten Nazis vermieden werden.

Mit 15 Jahren schicken ihre Eltern sie nach Deutschland in das nazifreie Internat in Salem, das auch ihr Bruder besucht. Nach dem Abitur studiert Habedanck an verschiedenen deutschen Universitäten Kunstgeschichte, Philosophie und Romanistik. In Mainz studiert sie Schriftkunde und an der Frankfurter Städelschule Freie Malerei, Radierung und Lithografie. Dort lernt sie ihren Mann, den Maler Kutz Nietzer, kennen. Sie absolviert das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und geht nach dem Referendariat nach Salem. Ihr Mann arbeitet als Dozent an der Bodensee-Kunstschule in Konstanz.

Als sie 1980 eine Stelle am Wertheimer Dietrich-Bonhoffer-Gymnasium bekommt, lassen sich die beiden zuerst in Triefenstein, 1983 in Kreuzwertheim nieder, wo Tochter und Sohn zur Welt kommen. Inzwischen hat sich die Familie nicht nur um Schwiegertochter und -sohn vergrößert: Enkelin Yvonne wird bald sechs, Enkel Keno ein Jahr alt.

2010 wurde Jutta Habedanck pensioniert und arbeitet seitdem, wie ihr Mann, freischaffend. Sie zeichnet regelmäßig, setzt die Entwürfe in Linolschnitte um und fertigt Drucke an. Meist schwarz-weiß, selten farbig. Außerdem schreibt sie viel, gerne Haikus, aber auch längere Texte oder Gedichte, manche gereimt. Sie verfasst fantasievolle Kinderbücher mit originellen Illustrationen - bisher nur für ihre Enkelin. (pefs)

ALLTAG

So viel Schrecken

in den Medien.

So viel Angst

im Kopf.

So viel Sorge

um die Zukunft,

und immer das Gefühl

etwas tun zu müssen

und dass dennoch alles Eingreifen

letztlich nichts bewirkt.

Sich freuen

am ereignislosen Alltag

und am Wachsen

von Gräsern und Kräutern.

Jutta Habedanck

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