Kritik an Modellprojekt zur Grundschule ohne Noten

Bildung: Für Jungen und Mädchen an 39 Schulen von der ersten bis zur vierten Klasse vom kommenden Schuljahr an keine Zensuren mehr

STUTTGART
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Schüler einer ersten Klasse lesen ihre Zeugnisse. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Vier Jah­re Grund­schu­le oh­ne No­ten, das ist in Ba­den-Würt­tem­berg zwar nichts Neu­es. Als neu­es Re­form­pro­jekt wird das wie­der auf­ge­leg­te Mo­dell­pro­jekt des Lan­des al­ler­dings durch­aus ge­se­hen. An­de­re spa­ren nach der An­kün­di­gung von Kul­tus­mi­nis­te­rin The­re­sa Schop­per (Grü­ne) nicht mit Kri­tik.

Nach den Plänen des Kultusministeriums sollen Jungen und Mädchen an 39 Schulen von der ersten bis zur vierten Klasse vom kommenden Schuljahr an keine Zensuren mehr bekommen. »Am Ende wollen wir vergleichen, wie es um die Unterrichtsqualität und die Leistungen der Schüler bestellt ist«, sagte die Ministerin.

Ein solcher Testlauf war bereits im Koalitionsvertrag von Grün-Schwarz vereinbart worden. Neu ist die Idee aber nicht: Schon vor fast zehn Jahren hatte es im Südwesten einen solchen Schulversuch gegeben. Im Schuljahr 2013/2014 hatten zehn Grundschulen am Projekt »Grundschulen ohne Noten« teilgenommen. 2017 hatte Schoppers Vorgängerin Susanne Eisenmann (CDU) das Aus für das Projekt verkündet.

Schopper begründet den neuen Anlauf mit dem Phänomen des »bulimischen Lernens«. Es werde für den Test gepaukt, danach werde alles wieder vergessen. »Damit ist kein Bildungsziel erreicht, und das verstehe ich auch nicht unter Qualität«, sagte die Ministerin den beiden Zeitungen. Wesentliches Ziel des Projektes sei es, mehr soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen.

Alternative Formen

Bis zum Stopp durch Eisenmann hätten Schulen erfolgreich »alternative Formen der Leistungsmessung und -rückmeldung umgesetzt«, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Monika Stein, am Montag. Eltern und Lehrkräfte seien überzeugt gewesen, Kinder hätten profitiert. Der neue Schulversuch zeige, dass es andere Wege gebe, Leistung zu messen und den Schülern und ihren Eltern Rückmeldungen ohne Noten zu geben. Die »Grundschule ohne Noten« werde dafür sorgen, dass weniger Kinder verloren gingen, »weil sie durch schlechte Noten in ihrem Lerneifer ausgebremst werden«, sagte Stein.

Die FDP ist da nicht so überzeugt: »Wer glaubt, dass man Kindern etwas Gutes tut, wenn man Hürden aus den Schulen herausnimmt, der irrt«, sagte FDP-Bildungsexperte Timm Kern. An den Grundschulen gehe es darum, sich grundlegende Fertigkeiten anzueignen und eben nicht auswendig zu lernen. Für das »Experiment« müssten Kinder mit ihren Bildungsbiografien herhalten.

Die SPD kritisierte, Schoppers Projekt sei keineswegs eine Innovation. »Die Erkenntnis, dass der schon bei der erstmaligen Durchführung positiv bewertete Modellversuch Potenzial hat, kommt reichlich spät«, sagte Katrin Steinhülb-Joos, die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Sie ist sich sicher, dass »alternative Lernentwicklungsgespräche« Schülerinnen und Schüler stärken können.

»Oft aus der Zeit gefallen«

Für die Grünen erinnerte Bildungssprecher Thomas Poreski daran, dass sich an der Art der Benotung über Jahrzehnte an Schulen relativ wenig geändert habe. »Wie Lehrerinnen und Lehrer die Leistungen von Schülerinnen und Schülerb bewerten, ist daher oft aus der Zeit gefallen«, sagte er. »Deshalb ist es notwendig, die Leistungsrückmeldungen an das 21. Jahrhundert anzupassen.« Noten reduzierten den Beitrag von Kindern und Jugendlichen auf lediglich sechs Ziffern. Durch andere Methoden könnten Lehrer die Leistungen ihrer Schüler viel differenzierter erfassen.

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