Kretschmann gegen den Rest seiner Partei?

Debatte um künftige Bundesregierung:Ministerpräsident Kretschmann hat klare Sympathien für Jamaika-Koalition - Und steht damit alleine

STUTTGART
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Winfried Kretschmann (Grüne) wird als Ministerpräsident von Baden-Württemberg geschätzt. Doch bei der Frage wie die künftige Bundesregierung aussehen soll, folgen ihm viele seiner Parteifreunde nicht mehr. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA), Sebastian Gollnow

Ist Winfried Kretschmann in der falschen Partei? Je länger der Mann an der Macht ist, desto mehr erhärtet sich der Eindruck. Da gibt es Momente, da spricht er von »den Grünen«, als gehöre er nicht dazu. Winfried Kretschmann ist ein Konservativer, daraus macht er keinen Hehl, schreibt sogar Bücher darüber. Ein Wechsel in die Union käme natürlich nicht in Frage - schließlich ist gerade der schwarze Kern mit grünem Anstrich das Rezept, das den Regierungschef so erfolgreich macht. Kretschmann geht bewusst auf Distanz zur eigenen Truppe, bedient das Image des dickköpfigen Rebellen - und fischt so beim konservativen Klientel im Ländle.

In der eigenen Partei bleibt das aber nicht ohne Reibung, schon gar nicht in so einer debattierfreudigen Partei wie den Grünen, schon gar nicht in so einer bedeutsamen Phase wie der Regierungsbildung. Das Land steht vor einer Wegscheide - die Ökopartei wird derzeit wie die FDP umgarnt, sie können in eine Ampelkoalition mit dem Wahlsieger SPD eintreten oder in ein Jamaikabündnis mit der Union. Fest steht: An den Kleinen führt kein Weg vorbei. Aber wohin die Reise gehen soll, da sind sich die Grünen im Südwesten alles andere als einig. Die Front, so könnte man meinen, verläuft zwischen dem mächtigen Landesvater - und den meisten anderen.

Klare Präferenz

Offiziell verkündet Kretschmann, dass er ganz offen sei für beide Bündnisse. Trotzdem sendet er fast tägliche Signale, die doch eine klare Präferenz erkennen lassen. Kaum laufen am Sonntagabend die Hochrechnungen über die Schirme, sagt er, die SPD sei für ihn nicht der natürlichere Partner - anders als für den Großteil seiner Partei. Dann wettert er gegen Olaf Scholz, der der größte Gegner gewesen sei bei den Verhandlungen um einen CO2-Preis. Zudem wird Kretschmann nicht müde, sein Bündnis im Land mit der CDU als Vorbild darzustellen, den Koalitionsvertrag als Blaupause für den Bund.

Spricht da jemand einfach aus seiner knorrig-konservativen Seele? Oder ist das alles nur Kalkül, um sich nicht zu billig an die SPD zu verkaufen? »Wenn man was bevorzugt, sind die Gespräche ja nicht mehr offen«, sagt Kretschmann.

Dem Landesverband reicht es jetzt mit Kretschmanns unterschwelligem Karibik-Kurs. Kurz vor den Sondierungsgesprächen schlägt die Parteispitze einen Pflock in den Boden, um zu zeigen, dass die Grünen im Ländle eben nicht für Jamaika sind. »Aus unserer Sicht gibt es ganz klar drei Wahlsieger: Die SPD, uns Grüne und die FDP«, sagte die Vorsitzende Sandra Detzer. »Als Landesverband haben wir die klare Präferenz, dass diese drei Parteien eine Regierung bilden sollten.« Rumms.

Nicht nur die Parteispitze tickt so. »Wenn man vom Ende her denkt, ist die Ampel die Koalition, die von den Bürgerinnen und Bürgern gewollt wird«, sagt der Tübinger Grünen-Politiker Chris Kühn. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Hand hebt für Armin Laschet im Bundestag.« Man werde beide Optionen sondieren, aber sie seien eben nicht gleichrangig. Allein schon, weil die Union nicht sortiert sei, dort ein Machtkampf tobe. »Der Respekt vor den Demokraten gebietet die Pflicht zu Gesprächen«, sagt Kühn. »Aber der Glaube, dass die Union regierungsfähig ist, geht gegen Null.«

»Ganz klar die Ampel«

Auch die Spitzenkandidatin der Südwest-Grünen, Franziska Brantner, die der 14-köpfigen Sondierungsgruppe angehören soll, macht keinen Hehl aus ihrer Präferenz: »Ganz klar die Ampel«, sagt sie der Rhein-Neckar-Zeitung. »In dieser Konstellation hoffen wir auf einen echten Modernisierungsschub für Deutschland.« Naturgemäß ist auch die Grüne Jugend auf dem Baum. »Dass wir Differenzen mit dem MP (Ministerpräsidenten) haben, auch wenn es um Koalitionsfragen geht, ist kein Geheimnis«, kommentierte Landessprecherin Sarah Heim zu Wochenbeginn die Äußerungen Kretschmanns.

Der Landesvater bleibt sich jedenfalls treu: Kretschmann hatte sich bereits im Frühjahr nach der Landtagswahl gegen eine Ampel-Koalition mit SPD und FDP entschieden und für eine Fortsetzung von Grün-Schwarz. Nun treiben ihn dieselben Motive an, glaubt der Kommunikationsexperte Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Kretschmann sei überzeugt, dass so große Aufgaben wie der Klimaschutz, wie die Aussöhnung von Ökologie und Ökonomie, von einer breiten Basis getragen werden müssten. »Dazu gehört, dass man die CDU nicht liegen lässt.« Damals hatte Detzer und ihr Co-Vorsitzender Oliver Hildenbrand ebenfalls für eine Ampel geworben. Am Ende setzte sich der Ministerpräsident durch.

Brückenbauer und Mahner

Wer wird sich nun durchsetzen? Kretschmanns Stimme hat jedenfalls Gewicht, ist er doch seit einem Jahrzehnt einziger grüner Ministerpräsident in Deutschland. Er gehört zum engeren zehnköpfigen Sondierungsteam der Bundespartei, das am Sonntag mit der SPD und kommende Woche mit der Union über eine Regierung verhandeln soll. In Gesprächen mit der CDU könne Kretschmann eine Brückenfunktion einnehmen, sagt Brettschneider. Und in Verhandlungen mit der SPD könne er der Mahner sein, der den Sozialdemokraten erkläre, dass man sich nicht unterbuttern lasse.

Kretschmann will mitreden, so viel ist klar. Sein Rat sei immer gern gehört, sagte er selbst am Dienstag. Ob das alle in seiner Partei so sehen, sei dahingestellt.

Hintergrund

» Wenn man was bevorzugt, sind die Gespräche

ja nicht mehr offen. «

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident

Hintergrund

» Aus unserer Sicht gibt es drei Wahlsieger: Die SPD, uns Grüne und die FDP. «

Sandra Detzer, Grünen-Landeschefin

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