Wertheimer Gasthof Zum Ochsen: »Krawallschachtel« mit ständigem Pächterwechsel

Wohl 1633 mitten im Krieg eröffnet

Wertheim
7 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Er nimmt un­ter Wert­heims ga­s­tro­no­mi­schen Be­trie­ben nach der Ket­te den zweit­äl­tes­ten Platz ein, der Och­sen, einst Zum ro­ten Och­sen ge­nannt.

Anders als die Kette befindet sich die Gastwirtschaft aber noch auf dem gleichen Platz wie bei der Entstehung, im Anwesen Marktplatz 7. Hier ist sie, merkwürdigerweise mitten im Dreißigjährigen Krieg, aller Wahrscheinlichkeit nach 1633 eröffnet worden.

Initiator war Philipp Metzler, dessen Beruf nicht überliefert ist. Er hatte vor der Gegenreformation Julius Echters 1612 Lengfurt verlassen, hier als Bürger 1617 Ursula Widmann, Tochter des früheren Lengfurter Pfarrers Caspar Widmann, geheiratet und es augenscheinlich zu Ansehen und Besitz gebracht. Durch Kauf und Tausch konnte er seine Liegenschaft bis zur Wenzelsgasse ausdehnen. Die Konzession zum Wirtschaftsbetrieb wurde ihm gräflicherseits erteilt.

Metzlers Beziehungen waren anscheinend weitreichend. Wir erfahren, dass sein Hausknecht Martin Thun, der 1636 starb, aus Nürnberg stammte. Natürlich dominierten in den damaligen Kriegszeiten die Einquartierungen. So hatte der Wirt im Sommer 1634 zum Beispiel Kosten für den letzten schwedischen Rittmeister zu verrechnen, »welcher 20 Monat lang seine Gelder von allhiesiger Bürgerschaft erhoben...und bei mir im Losament gewest, dem ich alle Nacht 4 Betten, Licht, Holz u. Stallung für seine Pferde verschaffen müssen«.

Kurz darauf besetzten die Kaiserlichen die Stadt. Ab 1647 waren die Schweden wieder da. Im letzten Kriegsjahr musste Metzler in seiner Herberge erleben, dass Adam Lech von Feuchtwangen, ein schwedischer Soldat, im Juli 1648 von seinen eigenen Spießgesellen »ohn einige erhebliche Ursach« erstochen wurde.

Ochsenwirt Philipp Metzler starb Mitte Mai 1652. Als Gastgeber folgte Erasmus Noldau (Nolda). Dieser hatte 1642 für den wegen Hexenverdachts inhaftierten Kettenwirt Johannes Hotz dessen Betrieb übernommen gehabt und sprang nun im Ochsen ein. Allerdings ereilte auch ihn bereits um 1656 der Tod. Nun schlug die Stunde der Familie Firnhaber, die hier den Gast- und Wirtschaftsbetrieb für 90 Jahre prägen sollte. Nicolaus Firnhaber, ein Sohn des früheren Spitalmeisters Hauprecht Firnhaber, kehrte 1656 von seinem vorübergehenden Aufenthalt in Adelsheim zurück, um den Ochsen zu übernehmen.

Außergewöhnliche Sterbefälle

Aus seiner Zeit sind zwei außergewöhnliche Sterbefälle bekannt, die sich hier in der Herberge ereigneten. Dies betraf zum einen den Holländer Joan van Dorsten aus Amsterdam, der als Buchdiener/Gehilfe des bekannten großen Verlags Blaeu in Alkmaar nach Wien geschickt worden war, jedoch wegen lebensgefährlicher Erkrankung die Rückreise angetreten hatte. Im Ochsen, wo er die Nachtherberge aufsuchte, um andern Tags per Schiff Frankfurt zu erreichen, starb er am 4. August 1662 eine Viertelstunde nach seiner Ankunft mit 24 Jahren. Und nur Monate später, am 10. März 1663, endete das Leben eines welschen Warenträgers, der der Religion halber geflüchtet war, an »allzu viel genommenem Wein und Brandenwein«.

Auf Nicolaus Firnhaber (? 17. September 1672) folgte Sohn Wolfgang Christoph, der sich 1677 mit einer Tochter des Kronenwirts Sauer verheiratete, jedoch bald darauf die Gans und danach die Krone übernahm und seinem Bruder Philipp Heinrich Firnhaber Platz machte. Dieser ist bekannt, weil er nur ein Bein hatte; das rechte hatte er 1676 als Soldat des wertheimischen Kreiskontingents bei der Belagerung von Philippsburg durch einen Kanonenschuss verloren. 1678 kam er ins hiesige Spital, wo ihn die aus Remlingen stammende Köchin »so tags wie nachts in seinen unbeschreiblichen großen Schmerzen« pflegte; danach allerdings schwängerte er sie, was zu Strafe, Kirchenbuße und schließlich 1679 zur Trauung in Remlingen führte.

Als Philipp Heinrich Firnhaber Ende Oktober 1707 starb, hatte er immerhin ein Alter von 64 Jahren erreicht. Seine Witwe führte den Betrieb, wohl mit Unterstützung des Sohnes Philipp Christian, bis 1718 weiter. Dann übernahm ihn dieser. Bemerkenswert ist seine Eheschließung mit einer Tochter des von Wertheim nach München gewechselten Münzwardeins Johann Schmidt. Die Trauung erfolgte am 21. Februar 1713 in Kreuzwertheim. Zwanzig Jahre später erwies sich die Ehefrau jedoch als durchaus ungeraten; sie hatte sich der Völlerei ergeben und mit ihrem Mann sehr uneinig gelebt. Am 7. November 1733 wurde sie im Brunnen ihres Hauses tot aufgefunden. Ungeklärt blieb, »ob sie sich aus Desperation hineingestürzt oder durch Verunglückung darein gefallen, weil sie gewöhnt war, in ihrer Trunkenheit sich zu Mitternacht mit frischem Wasser aus dem Brunnen abzukühlen, und die Einfassung des Brunnen sehr niedrig ist«. Auf herrschaftliche Verordnung wurde ihr Körper am 9. November 22 Uhr durch zwei Männer auf den Friedhof gebracht und an dessen Ende begraben.

Philipp Christian Firnhaber (? 26. April 1746) hat den Ochsen 1741 seinem aus Kreuzwertheim stammenden Schwiegersohn Johann Leonhard Dinkel, einem gelernten Büttner, übergeben. Diesen sah er aber bereits 40-jährig am 1. Januar 1745 ins Grab sinken. Jetzt ging der Ochsen für 2500 Gulden an den fürstlichen Hofjäger Johann Michael Jung, bisherigen Sternwirt in Kreuzwertheim, dem 1763 wiederum der Schwiegersohn Johann Balthasar Ganß aus der namhaften Bierbrauerfamilie folgte.

Bierbraurecht angestrebt

Ganß hat 1768/69 versucht, trotz des seit 1755 bestehenden Exklusiv-Brau-Privilegs das Bierbraurecht für den Ochsen zu erlangen. Er konnte darauf verweisen, dass ein solches bereits zur Firnhaber-Zeit 1676 und 1696 bestanden habe. Philipp Heinrich Firnhaber hatte gar 1697 ein Haus in der Oberen Wenzelgasse zugekauft, um ein Brau- und Dörrhaus daraus zu machen. Obwohl die fürstliche Regierungsseite den Antrag von Ganß, der im Gegensatz zum herkömmlichen Braunbier Weizenbier brauen wollte, wohlwollend begleitete, scheiterte das Anliegen schließlich an der offenkundigen Unentschiedenheit auf der gräflichen Seite.

Während der Tätigkeit von Ganß hat die seit 1772 erscheinende Wertheimer Zeitung bald regelmäßig Übernachtungslisten in den hiesigen Herbergen veröffentlicht. So berichtet sie als Kuriosum zum 3. September 1775, dass »ein Mann und Frau mit einer Electrisir-Maschine« im Ochsen logierten.

Nach dem Tod von Ganß (? Dez. 1780) brachte die Witwe den Besitz 1783 in ihre Wiederheirat mit dem gräflichen Küchenschreiber Johann Martin Treuter ein, veräußerte ihn aber noch im gleichen Jahr an den aus Vellberg bei Schwäbisch Hall kommenden Metzger Johann Michael Haygold. In dieser Zeit hatte die Liegenschaft, die den vorderen, mittleren und hinteren Bau mit Stallungen umfasste, außer einem Spieltisch auch das zu jener Zeit beliebte Billard. Als Haygold mit erst 53 Jahren 1805 starb, ehelichte seine Frau im Folgejahr ihren Vellberger Schwager Johann Jacob Haygold, ebenfalls Metzger. Dieser starb aber schon am 4. Januar 1811 im Alter von 51 Jahren.

Die Hinterlassenschaft wurde daraufhin am 15. Oktober 1811 versteigert. Aus dem Protokoll gewinnt man einen genauen Eindruck vom Wirtshaus. Es hat »einen sehr geräumigen verschlossenen Hof, in welchem sich ein Bronnen und Metzgerladen befindet«. Das Parterre besteht aus einer ebenfalls sehr geräumigen Wirtsstube, schöner heller Küche, geräumigem Schlacht- und Waschhaus sowie Kalterhaus mit ganz neuer Kelter. Im 2. und 3. Stock liegen zwölf heizbare Zimmer, ein großer Tanzsaal und sechs Kammern. Zwei Speicher dienen zum Aufbewahren von Heu und Stroh, in drei Ställe können »bequem« 40 Pferde gestellt werden, daneben gibt es Kälber- und Schweinestall und schließlich zwei Keller, in denen 36 Fässer Platz haben. Die Mobilien umfassten außer Silber, Zinn, Kupfer und Messing auch Porzellan und Steingut.

6730 Gulden für den Ochsen

Als Meistbietender erwarb Oberbürgermeister Johann Christoph Schlundt den Ochsen für 6730 Gulden. Es sollte eine ganz neue Ära beginnen, denn er hatte ihn für seinen Sohn Johann Jacob gekauft. Die Planung jedoch scheiterte, da dieser, erst 20-jährig, als Gastwirt Zum roten Ochsen am 9. November 1813 das Zeitliche segnete. Nun gab sich der Oberbürgermeister mit einem Kaufpreis von 6000 Gulden zufrieden, als er das Wirtshaus am 23. Mai 1814 an den Metzger Georg Heinrich Wolz veräußerte. Dieser wiederum übergab den Ochsen am 28. März 1836 an seine mit dem Bierbrauer und Löwenwirt Georg Jacob Held verheiratete Tochter Anna Barbara, die den Besitz auch nach dem frühen Tod ihres Mannes 1838 behielt und schließlich 1850 an den Sohn Georg Heinrich Held weiterreichte.

Des Fortschritts wegen und um eine Gleichstellung mit den anderen Gasthäusern zu erreichen, verlegte Held 1851 die Gastwirtschaft aus dem hinteren Gebäude in das vordere Lokal am Markt. Die anlässlich der Grundsteinlegung dieses Gast- und Wirtschaftszimmers am 14. April 1851 eingelegte Urkunde wurde 100 Jahre später bei Umbauarbeiten 1952 wieder gefunden. Sie gab Auskunft darüber, dass zu jener Zeit noch immer der im Gefolge der 1849 Revolution verhängte Kriegszustand herrschte. Held, gerade 23 Jahre alt, ließ sich davon jedoch bei seinem Unternehmen nicht abhalten.

Der Unternehmergeist Heinrich Helds drängte ihn in den 1860er Jahren, im für Wertheim beginnenden Eisenbahnzeitalter, aber zu ganz neuen Ufern. Nachdem er sich vorübergehend als Restaurateur betätigt hatte, richtete er 1868 das seitherige fürstliche Palais in der Packhofstraße als Hotel her, das als Hotel Held bald zum beliebtesten Wertheimer Versammlungsort wurde. Den Ochsen hatte er 1866 an den aus dem Nachbaranwesen Marktplatz 5 stammenden Gastwirt Philipp Mayer verkauft, der daraufhin beide Häuser zusammenzog und die Hofdurchfahrt nach Nr. 5 verlegte. Ein glücklich erhaltenes Foto zeigt diesen Zustand, der allerdings Episode bleiben sollte.

Ende der Symbiose

Beim Wechsel 1892, bei dem der Gutspächter Philipp Kreßmann den Ochsen übernahm, fand diese Symbiose ihr Ende. Schon 1896 zog Landwirt Karl Adam Eiermann als Gastwirt auf, 1903 folgte die Bierbrauerwitwe Aloisia Fischer, die 1907 die Wirtschaft in ihre Ehe mit Metzger Johannes Quenzer einbrachte. Aber 1908 bereits ging der Besitz an den aus Adolzheim bei Mergentheim gebürtigen Wirt Andreas Prümmer über. Dieser ist denkwürdig geblieben, indem er 1913 ein »dem tatsächlichen Bedürfnis entsprechendes Auto« anschaffte, das er für Interessenten bereithielt, Wertheims erstes Taxi sozusagen. Prümmer selbst hatte die staatl. Führerprüfung mit Note 1 bestanden.

 

 

Philipp Maags Frau Sofie, geborene Bergmann. Repro: Andreas Langguth
Foto: repro: Andreas Langguth
Gastwirt Philipp Maag († 1931). Repro: Andreas Langguth
Foto: repro: Andreas Langguth

1919 übernahm der aus Straßburg geflohene, aber aus Kleinrinderfeld stammende Wirt Philipp Maag den Ochsen zusammen mit seiner Frau Sofie. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1931 führte sie den Betrieb weiter. 1932 richtete Schwiegersohn Hermann Arnold den Saal i

m Hinterhaus als Filmtheater ein, das 1935 durch einen Umbau mit 355 Sitzplätzen ausgestattet wurde: die Arnold-Lichtspiele. Infolge der kinotechnischen Entwicklung musste 1952 der althergebrachte Rückgebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Im gleichen Jahr übergab Sofie Maag die gesamte Liegenschaft, in der der Wirtschaftsbetrieb jetzt ruhte, der Tochter Lisa Arnold.

Nach dem Tod Hermann Arnolds 1982 schloss das Kino nach 50-jährigem Bestehen seine Pforten. Ein durchgreifender Umbau ermöglichte am 20. Mai 1983 die Wiederöffnung des Ochsen als Gastwirtschaft im Weg der Verpachtung. Matthias und Sabine Junghans waren die ersten Pächter.

Der Ochsensaal war im 19./20. Jahrhundert neben der Kette zeitweise das zweitwichtigste Versammlungslokal der Stadt. Hier hatte die Gesellschaft Concordia ihren Sitz, sogar mit einem eigenen Zimmer. Ebenfalls feierte die Wolfsschlucht, seit 1935 als vereinigte Wolfsschlucht-Concordia, hier ihre Faschingssitzungen. Auf dem Bühnenpodium haben vor und nach der Jahrhundertwende vor allem die reisenden Theatergesellschaften, die sich großer Beliebtheit erfreuten, gastiert. Eine Zeit lang war der Ochsen sogar der Sammelpunkt aller wahren Demokraten, was ihm, da die politischen Meinungen hart aufeinander platzten, den Spitznamen »Krawallschachtel« eintrug. Die Geschichte des Hauses ist, wie gezeigt, vielfältig und immer wieder für Überraschungen gut.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!