Kunstprojekt Brückentor: Schülerarbeiten ab kommenden Freitag im Wertheimer Grafschaftsmuseum

Jeden Stein einzeln modelliert

Wertheim
4 Min.

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Das Centhaus (Brückentor) vor seinem Abriss im Jahr 1873.
Foto: vermutlich Bernhard Wehnert; Vorlage: Grafschaftsmuseum Wertheim; Repro: Kurt Bauer
Theresa Michel und Ruben Kospach mit ihren Arbeiten. Im Hintergrund die Klasse 8c im Zeichensaal.
Foto: Andreas Jost
Die Mühlenstraße 55 heute: Die Voluten aus der Fassade des Centhauses wurden für die Stützmauer neben dem Gebäude verwendet.
Foto: Petra Folger-Schwab
Die Ar­chi­tek­tur der Re­nais­san­ce - bei dem Un­ter­richts­the­ma stöh­nen man­che Schü­ler, die sich nicht so für Ge­schich­te be­geis­tern. Für die knapp 30 Schü­ler aus der Klas­se 8 c des Wert­hei­mer Die­trich-Bon­ho­ef­fer-Gym­na­si­ums wur­de die­ser Stoff zu ei­nem span­nen­den Pro­jekt. Wor­um geht es?

Stefanie Arz, die Leiterin des Grafschaftsmuseums, hatte vorgeschlagen, die aktuelle Sonderausstellung mit Modellen der Wertheimer Burg und des Spitzen Turms durch wertheimspezifische Schülerarbeiten zu ergänzen. Lehrer Andreas Jost griff diese Anregung im Kunstunterricht auf. Das Centhaus aus der Renaissance-Zeit rückte in den Fokus. Die Fassade dieses sogenannten Brückentors sollte rekonstruiert werden.

Gute Kombination

Zu Beginn des ersten Schulhalbjahres im September 2021 führte Andreas Jost seine Schüler auch im Geschichts- und Religionsunterricht an die Renaissance und die entsprechende Architektur heran. Im Bildungsplan heißt es »architektonische Gestaltungsmittel des Innen- und Außenbaus sowie deren Wechselwirkung erkennen und nutzen«. Was sich trocken anhört, ließ sich gut kombinieren mit dem Thema »Plastische Gestaltung und Relief«, um das Gelernte anschaulich darzustellen.

Wie sind die Reliefs entstanden? Die Zeichnung der Frontseite hatte Andreas Jost angefertigt. Jeder Schüler übertrug sie auf eine Holzplatte. »Die Kontur haben wir dann mit einer elektrischen Stichsäge ausgesägt«, erläutert Ruben Kospach (14). Dann wurde grundiert. Die Zeichnung verschwand zwar unter der Grundierung, wurde aber zur besseren Anschaulichkeit projiziert. Theresa Michel (13) erklärt: »Die Spitze haben wir separat hergestellt und mussten sie ansetzen.«

Kleister-Töpfe geteilt

Das sei schwierig gewesen. Sie hätte das mit Dübeln gemacht, andere versuchten es mit Leim. Und das Relief? Laura Karner (14) erklärt, dass sich immer zwei Schüler einen Topf mit Kleister geteilt haben. Damit wurden die erhabenen Teile auf die Holzplatte geklebt. Die wurden teils mit dem Cuttermesser aus Wellpappe geschnitten, meist jedoch aus vielen Schichten Zeitungspapier zusammengefügt. »Jeden Stein haben wir einzeln modelliert.« Vor allem bei den kleinen Details sei das eine Herausforderung gewesen, so Theresa Michel.

Als die Weihnachtsferien näher rückten, war klar, dass die Reliefs nicht bis zum Halbjahresende im Januar fertig würden. Die meisten Schüler nahmen ihre Arbeiten mit nach Hause, um sie fertig zu stellen. »Jeden Tag hat Ruben daran gearbeitet«, sagt sein Vater Bernd Kospach. Das habe ihn erstaunt. »Ich wollte unbedingt fertig werden«, bestätigt Ruben.

Sowas wie ein Battle

Es wäre schließlich so etwas wie ein Battle mit den Freunden entstanden. Sie hätten sich Fotos mit dem jeweiligen Stadium der Arbeit geschickt. Das hätte ihn zusätzlich angespornt. Viel mehr Spaß als Zeichnen habe das Projekt gemacht, da sind sich Laura, Theresa und Ruben einig und strahlen. Etwas Praktisches zu tun, sei toll. Das würden sie gerne wieder machen.

Persönliche Gestaltung

Das fertige Relief wurde mit Wandfarbe grundiert. Danach hat jeder sein Werk persönlich gestaltet. Theresa wollte ihr Brückentor so zeigen, wie es wohl ursprünglich war. Für den Buntsandstein hat sie spezielle Farbe genommen und mit Steinmehl aus einem echten Stein vermischt. Ruben und Laura wollten den Zustand kurz vor dem Abriss darstellen. Sie haben eine Patina aufgebracht. Sogar etwas Moos ist erkennbar, damit es verwittert aussieht.

Andreas Jost ist mehr als zufrieden mit seiner Klasse. Dass Schüler sich so in eine Arbeit reinknien, habe er selten erlebt. Sie seien mit Begeisterung bei der Sache gewesen, und er sei stolz auf die jungen Leute. Bei der riesen Materialschlacht sei das Aufräumen am Ende des Unterrichts immer zügig und zuverlässig geschehen. Und dass die meisten ihre Reliefs fertig bekommen hätten, freue ihn sehr. Die Fassadenmodelle erinnerten an einen wichtigen rechtsgeschichtlichen und architekturhistorischen Aspekt der Wertheimer Geschichte.

Schulleiter Reinhard Lieb ist Andreas Jost dankbar für sein Engagement. In der 8. Jahrgangsstufe wird laut Bildungsplan nur ein halbes Jahr lang Kunst unterrichtet. Die 30 Schüler in der Klasse verteilten sich zeitweise auf Zeichensaal, Gang und Klassenzimmer.

Da seien die Sicherheitsbedingungen nicht so einfach. Er bescheinigt den Schülern handwerkliches Geschick sowie einen gründlichen und genauen Blick.

Ab Freitag, 25. Februar, werden die Reliefs des Brückentors im Grafschaftsmuseum ausgestellt. Sie ergänzen die Sonderausstellung mit Modellen der Burg, des Burg-Brunnens und des Spitzen Turms. Stefanie Arz und ihr Team haben die Schülerarbeiten in einer interessanten Kombination mit Playmobilfiguren arrangiert.

Das sei »eine sehr gute Gelegenheit, die Modelle der Schüler zu einem weiteren prägnanten (ehemaligen) Gebäude mit einer besonderen Geschichte auszustellen«.

b Info: Modelle des Brückentors werden bis 1. Mai zu sehen sein. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags: 10 bis 12 Uhr und 14.30 bis 16.30 Uhr; samstags: 14.30 bis 16.30 Uhr; sonn- und feiertags: 14 bis 17 Uhr

Hintergrund: Das Wertheimer Centhaus, bekannter als Brückentor

Der eindrucksvolle Bau war Sitz des Centgerichts und Gewahrsamsgefängnis. Erbaut 1621, musste er 1873 im Zuge eines Brückenneubaus über die Tauber weichen. Ein "pittoreskes Opfer" sei das reich verzierte Gebäude gewesen, so Kunstlehrer Andreas Jost. Diesen Stil finde man häufig bei profanen Bauten in Franken. Das Centgericht stand gegenüber der überdachten, hölzernen Tauberbrücke von 1784, direkt vor einem der damaligen Stadttore und war bekannter als Brückentor. Einen "festungsartigen Torcharakter" hatte laut Stadtarchivar Erich Langguth die Schaufront mit Elementen des italienischen Renaissancestils. Ein Vorschlag, das gesamte Gebäude zu erhalten und als Leichenhaus auf den Bergfriedhof zu stellen, wurde nicht verfolgt. Es wurde im Oktober 1873 auf Abbruch versteigert. "Der moderne Verkehr forderte wieder mal seine Opfer", so Langguth, der 1953 in einem Zeitungsartikel die "untergehende Wertheimer Denkmälerwelt" bedauerte.

Das kurz vor dem Abriss entstandene Foto zeigt die typischen Merkmale der Epoche: Säulen und Kapitelle, die an antike Tempel erinnern, große Gesimse und den charakteristischen mehrstufigen Giebel mit Voluten, das sind schneckenförmig gestaltete Steine. In der Mitte war eine hochgewölbte Tordurchfahrt, die weiter durch das Stadttor führte. Teile des Brückentors fanden Verwendung im Gebäude Mühlenstraße 55, das noch immer steht und als Mietshaus genutzt wird. Heute würde man sagen, das Baumaterial wurde im Zuge der Nachhaltigkeit recycelt. Die Toreinfahrt, Simse, Säulen und Kapitelle, Fenstereinrahmungen und Voluten sind dort wiederzufinden. Letztere allerdings nicht am Gebäude, sondern an dem Treppenweg daneben. (pefs)

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