»Ich wünsche mir volle Theatersäle«

Petra Jenni: Die Chefdramaturgin der Badischen Landesbühne über die von der Corona-Pandemie geprägte Spielzeit 2020/21

Wertheim
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Eine Szene aus der Vor-Corona-Zeit. Die Badische Landesbühne muss durch die Pandemie einige Veränderungen vornehmen. Foto (Archiv): Peter Empl/Badische Landesbühne
Foto: Badische LandPeter Empl/esbühne

Die Badische Landesbühne meldet sich rechtzeitig zur Spielzeit 2020/2021 zurück. »Endlich wieder Theater« ist die hauseigene Zeitung überschrieben, das Motto für die kommende Spielzeit lautet »nicht wahr?«. Manches wird anders sein als gewohnt, doch der Spielplan ist weitgehend von der Corona-Krise unbeeinflusst geblieben, wie Chefdramaturgin Petra Jenni (37) im Interview erzählt.

Wie würden Sie den neuen Spielplan bezeichnen? Handelt es sich um einen Notspielplan?

Das würde ich so nicht sagen. Als Landesbühne planen wir relativ weit voraus. Der Spielplan stand schon weitgehend, als die Pandemie kam. Explizit wegen Corona haben wir jedoch eine Position verändert. »Unser Mann in Havanna« hätte 30 Rollen gehabt, in die vier Schauspieler geschlüpft wären. Das hätte sehr viel Personal- und Kostümwechsel erfordert, was unter Corona-Bedingungen nicht zu realisieren gewesen wäre, daher haben wir die Produktion um ein Jahr verschoben.

Trotzdem wird in der neuen Saison einiges anders sein. Die Abstandsregeln gelten nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne, aber wir werden kreativ damit umgehen.

Bühnenküsse wird es also nicht geben oder haben Sie Paare im Ensemble, die auch privat zusammen sind?

Regisseure und Schauspieler werden sich schon etwas einfallen lassen. Statt eines Kusses kann es zum Beispiel eine Kusshand sein. Von anderen Theatern habe ich schon gehört, dass sie Ehepaare als Liebespaare einsetzen, aber das wird bei uns vorerst nicht der Fall sein.

Was hat sich sonst durch Corona geändert?

Es war natürlich sehr bitter, den Spielbetrieb einstellen zu müssen und nicht mehr in unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum treten zu können. Aber wir schauen jetzt zuversichtlich in die Zukunft und hoffen, die Türen im Herbst wieder öffnen zu können. Die Situation bleibt allerdings dynamisch, was eine gewisse Planungsunsicherheit bedeutet. Es ist herausfordernd, sich im Wald der Vorschriften zu orientieren. Seit dem 15. Juni proben wir wieder, und halten dabei natürlich die Auflagen ein. Die Schauspieler tragen beispielsweise Visiere und die Regie sitzt hinter Scheiben, Requisiten müssen desinfiziert und die Räume stündlich gelüftet werden. Aber wir sind am Arbeiten und freuen uns wahnsinnig, dass wir bald wieder vor Publikum spielen dürfen.

Worauf müssen Sie verzichten?

Da wir vermutlich mehr Vorstellungen vor weniger Publikum spielen werden, verändert sich die Raumsituation. Unsere Räume wie das theater treppab und die Probenräume können vorerst nicht als Spielstätten verwendet werden, deshalb wird die junge BLB Vormittagsvorstellungen im Hexagon spielen, das dann als Probenraum wegfällt. Dies wirkt sich leider auf unser Programm aus. Das Projekt »Stadtgeschichten« haben wir daher auf März 2023 verschoben, die Matineereihe »Café Europa« ist vorerst nicht zu realisieren und die Arbeit mit den drei Bürgertheater-Gruppen ist für diese Spielzeit auf Eis gelegt.

Welche Stücke zeigen Sie in Wertheim?

In der Aula Alte Steige werden »Die zweite Frau«, »Kunst«, »Halbe Wahrheiten«, »Ein Volksfeind«, »Loving the Alien«, »Professor Unrat« und »Meisterdetektiv Kalle Blomquist« gespielt, die Sommerkomödie »Krach in Chiozza« und das Familienstück »Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe« unter freiem Himmel auf der Burg Wertheim. Weitere mobile Stücke der jungen BLB können in Wertheimer Schulen gezeigt werden.

Welches Stück ist aus ihrer Sicht besonders empfehlenswert?

Alle. Mir persönlich gefällt »Ein Volksfeind« von Henrik Ibsen besonders gut. Das ist ein super Stück, toll geschrieben, eine Wahnsinnsdramaturgie. Außerdem ist es sehr aktuell mit den Umweltproblemen und dem Konflikt zwischen Wahrheit und Profit. »Kunst« ist eine brillant geschriebene Konversationskomödie über eine Männerfreundschaft, die auf den Prüfstand gestellt wird und in dem Liederabend »Loving the Alien« wird die fantastische Musik von David Bowie gefeiert. An Heinrich Manns »Professor Unrat« fasziniert mich vor allem, wie der verknöcherte Tyrann seine Sinnlichkeit entdeckt und zum »Systemsprenger« wird. Das wird sehr sinnlich.

In ihrem Interview in der Theaterzeitung fragen Sie den Intendanten Carsten Ramm, ob Kunst systemrelevant sei. Wie sehen Sie das selber?

Das hängt natürlich davon ab, wie man Systemrelevanz definiert. Ich finde es auf jeden Fall eine interessante Debatte. Schließlich haben wir gerade im Lockdown gemerkt, wie sehr wir Kunst brauchen. Sie ist ein Über-Lebensmittel. Sie hält der Gesellschaft den Spiegel vor, zeigt alternative Handlungen auf, hat aber auch die Aufgabe, das System in Frage zu stellen. Ihr wohnt also auch ein gewisser systemgefährdender Kern inne. Das macht letztlich die Demokratie aus.

Was wünschen Sie sich für die nächste Spielzeit?

Dass wieder Normalität eingekehrt. Ich wünsche mir volle Theatersäle, kulturhungrige Zuschauer und unvergessliche Theatermomente.

Zur Person: Petra Jenni

Petra Jenni stammt aus Basel. Die gebürtige Schweizerin hat von 2004 bis 2010 Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie in Bern und Basel studiert. Ab 2011 war sie vier Jahre lang am Theater der Stadt Aalen als Dramaturgin und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Während ihrer beiden Jahre als Regieassistentin am Schlosstheater Celle inszenierte sie unter anderem die deutschsprachige Erstaufführung von »Die Tanzstunde.

Seit 2018 arbeitet die 37-Jährige für die BLB, zunächst als Dramaturgin, jetzt als Chefdramaturgin in einem Viererteam. Hier leitete sie zudem zwei Jahre lang das Bürgertheater und konzipierte mehrere Café Europa, zum Beispiel über Albert Camus und Gertrude Stein.

Zum Ausgleich macht sie Yoga, liest und reist gerne - am liebsten in die Ferne, nach Neuseeland oder Argentinien. Auf ihrer Wunschliste steht derzeit Nepal ganz oben. ()

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!