»Ich lebe noch«

Drogenkonsumraum: Ein Drogenkranker erzählt von seinem Leben und warum das Angebot wichtig für ihn ist

KARLSRUHE
3 Min.

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Der 49-Jährige Drogenkonsument Uli zeigt im Karlsruher Drogenkonsumraum eine Schale, in der sich Utensilien für den intravenösen Drogenkonsum befinden. Foto: Uli Deck/dpa
Foto: Uli Deck

Uli ist ein sportlicher Typ, er malt gerne und engagiert sich für den Frieden. Und er ist opiatabhängig. Seit 30 Jahren ist der 49-Jährige auf Drogen. Aber, so sagt er: »Ich lebe noch.« Er ist überzeugt, dass er das auch den Angeboten der Drogenhilfe in Karlsruhe zu verdanken hat, zu dem seit Dezember 2019 der erste Drogenkonsumraum Baden-Württembergs gehört. Darin können schwer Suchtkranke Drogen wie Kokain oder Heroin unter hygienischen Bedingungen und Aufsicht konsumieren. Eine »Fixerstube«, wie es sie schon länger in anderen Bundesländern gibt, war in der grün-schwarzen Landesregierung heftig umstritten. Vor allem in der CDU gab es Bedenken. Doch was für die einen ein rotes Tuch ist, erscheint langjährigen Drogenkonsumenten wie Uli als Segen.

Heller und blitzblanker Raum

Ein langer Metalltisch, weiß gekachelte Wände, Spiegel und grüne Stühle davor: Der Drogenkonsumraum ist hell und blitzblank. Die Utensilien für den Konsum - Löffel, Spritze, Kochsalzlösung, Feuerzeug, Filter, Pflaster, Einmaltuch und Alkoholtupfer - bekommt Uli gestellt. Die Droge muss er selbst mitbringen. Es gibt strenge Regeln, was Hygiene und das Verhalten angeht. Wer hierherkommt, muss sie einhalten. Sonst gibt es Hausverbot. Elf Mal gab es das schon.

Sozialarbeiterin Melanie Hillmer hat darauf ein waches Auge. Genauso wie auf die Gesundheit der inzwischen 141 Klienten, darunter 26 Frauen. Sie ist speziell geschult und merkt sofort, wenn jemand Probleme bekommt, etwa durch eine Überdosierung. Fünf Notfälle gab es schon, dreimal musste der Arzt kommen. »Draußen wären die Menschen gestorben«, sagt sie.

Um den Alltag zu meistern, bekommt Uli Heroinersatz auf Rezept. Doch drei- bis viermal im Monat wird der Suchtdruck übermächtig. Dann spritzt er sich zusätzlich Kokain im Drogenkonsumraum. Bevor es den gab, konsumierte er die Droge im Toilettenhäuschen am Werderplatz.

Den Menschen helfen, die sonst nirgendwo mehr Hilfe zu erwarten haben - das ist das Ziel des Projektes. Petra Krauth leitet den Konsumraum und den benachbarten Kontaktladen der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Aus ihrer Sicht ist das Angebot ein Erfolg - trotz Corona. »Wir konnten die Zielgruppe erreichen und Vertrauen aufbauen.« Der befürchtete Drogentourismus blieb aus. Es gibt keine Dealer oder eine Szene vor der Tür. Und keine Probleme mit den Nachbarn. »Es läuft alles sehr ruhig und unauffällig ab«, berichtet Krauth. Sie hofft, dass der Gemeinderat im Oktober die Weiterfinanzierung beschließt.

Uli ist dankbar für das Angebot. Es geht für ihn ums Überleben, um Sicherheit und um Kontakt. »Ich unterhalte mich hier gerne mit den Leuten.« Sucht macht häufig einsam. »Das Thema ist hoch mit Scham besetzt«, weiß Krauth. Der 49-jährige Uli hat irgendwann aufgehört, sich zu schämen. »Ich bin krank«, sagt er. Er will sich nicht mehr verstecken: »Uns gibt es.«

»Es gibt so viele Klischees, was Süchtige angeht«, sagt Krauth. Doch jeder Lebenslauf sei anders. Drogensucht bedeute auch nicht gleich Verwahrlosung. Beispiel Uli: helles Kurzarmhemd, Jeans, gepflegter Auftritt, höflich, sympathisch. »Ich habe viele Kompetenzen, ob handwerklich, künstlerisch oder sportlich.« Er will sich nicht auf die Suchterkrankung reduzieren lassen und wehrt sich gegen eine Stigmatisierung.

Der gelernte Industriemechaniker ist als Jugendlicher in die Sucht gerutscht. An seine Kindheit in Freiburg erinnert er sich ungern: »Es gab viel Gewalt in meiner Familie.« Mit Zwölf hatte er seinen ersten Alkoholrausch, mit 16 Jahren kamen Hasch und die synthetischen Drogen Ecstasy und Amphetamine dazu. Er tanzte auf Technopartys, flirtete und fühlte sich gut. »Mit 18 war Heroin ganz mein Ding.« Zunächst nur am Wochenende. Im Job wollte er fit sein. »Ich habe viele Jahre das perfekte Doppelleben gelebt.« Lange dachte er, er könne jederzeit aufhören. Als er Entzugserscheinungen mit grippeähnlichem Gefühl und Übelkeit bekam, sich den Stoff bei Dealern am Bahnhof besorgte, von der Polizei erwischt wurde und kein Geld mehr hatte, wusste er: »Ich bin abhängig.«

Das Umfeld wechseln

Nach Karlsruhe kam er, weil man ihm vor 20 Jahren nach einer Sucht-Reha riet, für einen Neuanfang das Umfeld zu wechseln. »Aber man nimmt sich selber immer mit.« Uli hat vier stationäre Rehas hinter sich. Aber er ist immer wieder rückfällig geworden. Die längste Abstinenz war vier Jahre. »Die negativen Sachen der Sucht verblassen mit der Zeit. Man erinnert sich dann nur noch an die tollen Partys. Und hat irgendwann wieder Lust, etwas zu nehmen.«

Uli ist Hartz-IV-Empfänger, er wohnt in einer WG, ist ehrenamtlich in einem Wohnungslosenheim als »Mann für alle Fälle« tätig und hat zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren, die manchmal am Wochenende bei ihm sind. Er hätte gerne wieder eine richtige Arbeit. Doch das ist schwierig. Welcher Arbeitgeber nimmt ihn schon bei dieser Vita? Der 49-Jährige will es irgendwann noch mal mit einer Sucht-Reha versuchen. Schon der Kinder wegen.

Hintergrund

» Ich habe viele Kompetenzen, ob handwerklich,

künstlerisch oder sportlich. «

Uli,Drogenkonsument

Hintergrund: Drogenkonsumraum

Der Drogenkonsumraum hat sich aus Sicht des baden-württembergischen Sozialministeriums als niedrigschwelliges Angebot zur Gesundheits-, Überlebens- und Ausstiegshilfe schon nach kurzer Zeit bewährt. »Drogenkonsumräume sind ein Baustein einer verantwortungsvollen Drogenpolitik, die sich an den Bedürfnissen der Betroffenen ausrichtet. Bisher kaum erreichte Personengruppen können dadurch an das bestehende Hilfesystem herangeführt werden«, so Minister Manfred Lucha (Grüne). Er ist zuversichtlich, dass Stuttgart gleichfalls bald einen Konsumraum haben wird. Auch in Mannheim wird darüber diskutiert. Bundesweit gibt es schon über zwei Dutzend solcher Einrichtungen. Das Betäubungsmittelgesetz ermöglicht dies den Ländern bereits seit mehr als 20 Jahren. (dpa)

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