Hobbydetektive helfen Wissenschaft

Forschung: Laien-Beteiligung galt in Expertenkreisen lange als kaum vereinbar mit wissenschaftlichen Standards

MÜNCHEN
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Hilfreiche Hinweise: Dagmar von Schack steht in ihrem Wohnzimmer in Bad Waldsee (Baden-Württemberg) und hält ein Gemälde in den Händen, welches das Hopfenhaus bei Spalt in Mittelfranken zeigt. Foto: Felix Kästle/dpa
Foto: Felix Kästle
Auf ei­ner Fo­to-Glas­plat­te ist ei­ne ge­sto­chen schar­fe Auf­nah­me ei­nes mehr­gie­b­li­gen Fach­werk­hau­ses zu se­hen. Das Fo­to stammt ver­mut­lich aus den 1930er Jah­ren und ist seit­her im Be­sitz des Baye­ri­schen Lan­des­ve­r­eins für Hei­matpf­le­ge.

Bis Ende Januar will der Verein etwa 3000 Fotografien aus dem über Jahrzehnte angesammelten Archiv auf das Online-Kulturportal »Bavarikon« stellen.

Doch zu einigen Fotos fehlten den Forschern wichtige Informationen: Wo steht das Haus und wer wohnte dort? Die Antworten liefert ihnen unter anderem eine Frau, die selbst acht Jahre in einem der Häuser gelebt hat: dem Mühlreisighaus im mittelfränkischen Spalt. Sie heißt Dagmar von Schack und lebt mittlerweile in Bad Waldsee bei Ravensburg.

»Für einen Apfel und ein Ei«

Freunde machten die 85-Jährige auf das Foto im Internet aufmerksam, die Frau wandte sich an den Verein. 1942, während der Bombenangriffe auf Nürnberg, war sie mit ihrer Familie in das Bauernhaus gezogen, erzählt sie. Das im 18. Jahrhundert gebaute Hopfengut habe ihr Vater 1937 »für einen Apfel und ein Ei« in einem gefährlichen Zustand gekauft. Anschließend habe er es sanieren lassen. Jetzt - mehr als 80 Jahre später - konnte die Frau mit ihrem Wissen den Forschern bei ihrem Projekt helfen.

Ohne derartige Hinweise, wäre der Rechercheaufwand für den Verein enorm. Dieser Teil der wissenschaftlichen Arbeit trägt meist einen englischen Namen: »Citizen Science«. Das heißt übersetzt »Bürgerwissenschaften« und bedeutet, dass Forschende die Öffentlichkeit um Mithilfe bitten. Das Prinzip ist nicht neu - durch die Digitalisierung haben sich die Möglichkeiten jedoch stark erweitert. Wissenslücken können mittlerweile oft innerhalb kürzester Zeit geschlossen werden.

Daniela Sandner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Landesverein. Sie freut sich vor allem über die unglaubliche Resonanz seit Beginn des Projektes. Es zeige, dass Menschen an der historischen Baukultur Interesse haben und es ihnen nicht egal sei, wenn Gebäude abgerissen werden: »Besonders schön fand ich es, wenn Leute die Häuser aus persönlichen Erinnerungen noch kannten«, sagt die Volkskundlerin. Manche hätten dem Verein sogar aktuelle Fotos aus demselben Blickwinkel mitgeschickt.

Sorgen um die Vertrauenswürdigkeit der Hinweise mache sie sich keine: »Natürlich gab es auch ein paar Hinweise, die missverständlich waren«. Diese habe man dann aber von lokalen Heimatpflegern überprüfen lassen. »Ein bisschen Vertrauen muss man allerdings auch haben«, sagt Sandner. In aller Regel seien die Tipp-Geber dem Verein jedoch bekannt gewesen.

Seit der Gründung des Landesvereins, Anfang des 20. Jahrhunderts, werden diverse Bauformen in Bayern dokumentiert. Darunter ländliche Gebäude, wie beispielsweise das in Spalt, aber auch städtische Bürgerhäuser. Damals wurden die Aufnahmen meist auf Glasplatten gedruckt. »Das sind super Bestände. Glasplatten sind gestochen scharf und haben in den letzten 120 Jahren nichts an Schärfe verloren«, schwärmt Sandner. Dem Landesverein waren die bürgerlichen Forscher eine große Hilfe: In weniger als zwei Monaten konnten rund dreiviertel der hochgeladenen Aufnahmen identifiziert werden.

Bislang waren es vor allem die Naturwissenschaften, die vom sogenannten Citizen-Science-Hype profitierten. Seit der Digitalisierung boomt das Feld auch in der kulturwissenschaftlichen Forschung. »Das Spannende an dem Ansatz ist, dass Bürger direkt in verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses mitarbeiten können«, sagt Wiebke Brink. Sie ist Projektleiterin bei »Bürger schaffen Wissen«, der zentralen Plattform für Citizen-Science-Projekte in Deutschland.

»Eine große Chance«

Ihrer Meinung nach sei Citizen Science ein Versuch, neue Formen der Zusammenarbeit zu finden, die einen Zugang zur Wissenschaft schaffen und dabei das Voneinander- und Miteinander Lernen in den Vordergrund stellen. »Auf gesellschaftlicher Ebene ist es eine große Chance, durch aktive Mitarbeit Wissenschaft erfahrbarer zu machen«, sagt Brink. Dabei würden Beteiligte lernen, Unsicherheiten genauer einzuordnen und Prozesse besser zu verstehen. Außerdem könne man »mit einem solchen Grundverständnis vertrauenswürdige Quellen besser identifizieren« - eine Fähigkeit, die in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen sei.

Hintergrund

» Natürlich gab es auch

ein paar Hinweise, die

missverständlich waren. «

Daniela Sandner,wissenschaftliche Mitarbeiterin

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