Getanzte Laster

Tanztheater: Gauthier Dance bringt die Todsünden auf die Bühne - Aber ist das Septett eigentlich noch aktuell?

STUTTGART
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Tänzer der Gauthier Dance Company in einer Probe im Stuttgarter Theaterhaus für den siebenteiligen Ballettabend mit dem Titel »The Seven Sins« im Teil »Wollust« von Hofesh Shechter. Die sieben Teile werden am 7. Mai uraufgeführt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Foto: Bernd Weißbrod
Die Tänzerinnen Izabela Szylinska (links) und Nora Borwn der Gauthier Dance Company proben für den Ballettabend mit dem Titel »The Seven Sins«. Foto: Weißbrod/dpa
Foto: Bernd Weißbrod
Die Hab­gier räk­elt sich gie­rig und gei­fernd den Geld­bat­zen ent­ge­gen, die Faul­heit st­reckt sich, be­vor sie ver­geb­lich ver­sucht, sich end­lich auf­zu­raf­fen. Und der Neid? Miss­mu­tig und falsch schielt er hin­über zu sei­nem Ge­gen­über, ver­zieht das Ge­sicht, ein stum­mes Stän­kern hin­ter dem Rü­cken.

Drei von insgesamt sieben nur allzu menschlichen Lastern, die seit vielen Jahren vor allem in der katholischen Kirche als »Todsünden« berüchtigt sind. Und drei von sieben Tänzen, die das Stuttgarter Tanzensemble Gauthier Dance im Inszenierungsmosaik »The Seven Sins« auf die Bühne des Theaterhauses bringen will. Jeder Tanz eine Uraufführung, entwickelt jeweils von einem anderen Choreographen.

Quarantänen und Krankheiten

Gauthier, Choreograph und Tänzer mit eigener Compagnie, ist wenige Tage vor der Premiere angespannt: »Das ist eine der härtesten Produktionen in der Geschichte der Compagnie gewesen«, sagt er. Die Corona-Pandemie habe auch im Alltag der Tänzer Spuren hinterlassen. »Wir hatten wegen Quarantänen und Krankheiten Probleme mit den Abläufen, wir haben sogar mit einer Videoschalte geprobt, also mit dem Ballettsaal in Stuttgart und der Choreographin in Berlin«, erinnert er sich. »Man kam sich ein bisschen vor wie im New Age der Proben, aber es fehlt am Bildschirm einfach die emotionale Perspektive.«

Zudem galt es, die Vorstellungen von sieben international renommierten Choreographen wie Sasha Waltz, Hofesh Shechter und Aszure Barton unter einen Hut zu bringen: »Sie haben ihren eigenen Stil, ihre eigenen Ideen, wenn es um Bühnenbild, Musik und Kostüme geht«, sagt Gauthier. Sein Ziel: »Ich wollte wie in der Malerei ein gemeinsames Kunstwerk vieler einzelner Künstler mit Tanz schaffen.«

Es ist ein Werk geworden mit sieben Kapiteln, ein jedes zwischen 7 und 17 Minuten lang, mal als Solo wie in Marco Goeckes »Völlerei« angelegt, mal ringen zwei Tänzerinnen im »Zorn« (Sasha Waltz) heftig und rau zu ohrenbetäubenden Klängen als Pas de Deux, Marcos Morau setzt mit sich dem »Hochmut« auseinander und Sidi Larbi Cherkaoui mit einer der größten Tanzgruppen im Eröffnungstanz mit der »Habgier«. In allen sieben überraschend unterschiedlichen Absätzen lassen sich die typischen Merkmale der Sünde in Gesten, Mimiken und Bewegungen wiedererkennen. Das ist ebenso faszinierend wie es auch entlarvend, erhellend oder verstörend sein kann. »Jede einzelne der sieben Choreographien beleuchtet eine starke, eine geradezu überwältigende Emotion«, erzählt Gauthier, der seinen Vertrag im Theaterhaus für die Compagnie um weitere fünf Jahre verlängert hat. »Außerdem erfordert die Zahl Sieben dramaturgisch kurze Stücke, was eine große Dynamik in den Abend bringt.«

Zorn gilt heute als Motivator

Die »Großen Sieben« des katholischen Katechismus haben allerdings auch schon vor der Uraufführung von »The Seven Sins« als Sündenregister ausgedient, zumindest zum Teil. Nicht nur die Wollust und die Völlerei sind als Vergehen als dem Schuldbewusstsein der Gesellschaft weitgehend verschwunden, andere wie die Habgier werden bei jeder Schnäppchenjagd akzeptiert. Die Faulheit gilt als chillig, der Zorn als Motivator. »Würde man erneut sieben Sünden auflisten, wären einige klassische nicht mehr drin, andere moderne wären dabei, aber manche würden bleiben«, so Gauthier. »Die Menschen entwickeln sich, ihr Verhalten auch.«

Hintergrund: Aufführungen von »The Seven Sins«

Partner von »The Seven Sins« von Gauthier Dance ist der TV-Sender Arte. Der Sündenkatalog wird nach der Uraufführung am 7. Mai in Stuttgart auch am 8. Mai sowie vom 6. bis 8. Juni und am 24. und 25. Juni getanzt, in Wolfsburg ist für den 25. Mai ein Gastspiel geplant. (dpa)

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