Windstrom für Wertheim: Erbprinz setzt auf Transparenz und Beteiligung

Im Schenkenwald

Wertheim
4 Min.

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Blick vom Höfleinsweg aus (links im Hintergrund sind die bestehenden Anlagen in Freudenberg zu sehen).
Foto: Reventon Asset Partners
Blick vom Friedhof Nassig (im Vordergrund die 110 KV-Leitung)
Foto: Reventon Asset Partners
Blick von Steingasse (im Vordergrund die 110 kV-Leitung)
Foto: Reventon Asset Partners
Brachflächen am Wegenetz nutzen statt Wald roden: Erbprinz Ludwig zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg und Projektierer Camillo Khadjavi wollen den Windpark mit möglichst geringen Eingriffen in die Natur errichten.
Foto: Matthias Schätte
In Wert­heim mehr Strom aus Wind­kraft zu er­zeu­gen, ha­ben sich gleich meh­re­re Pro­jek­tie­rer vor­ge­nom­men. Der Ukrai­ne­krieg hat die Ent­wick­lung noch be­sch­leu­nigt. Doch vie­le Bür­ger se­hen die um die 250 Me­ter ho­hen An­la­gen kri­tisch.

Erbprinz Ludwig zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg will die Menschen von seinem Projekt im Schenkenwald überzeugen - mit maximaler Transparenz.

Beim Thema Windkraft ist rund um Wertheim derzeit einiges in Bewegung: Nördlich von Dertingen sollen neue Anlagen entstehen, die bei Höhefeld durch höhere ersetzt werden. Bei der Kreismülldeponie zwischen Dörlesberg und Sonderriet will ein Investor Windräder aufstellen. Und im Schenkenwald plant der Erbprinz mit einem Geschäftspartner einen Bürgerwindpark im fürstlichen und städtischen Wald.

Für Projekt werben

Für den haben sie bereits bei Stadt und Stadtwerken geworben, Anfang Mai das Projekt im Gemeinderat vorgestellt, wollen auch in den umliegenden Ortschaftsräten dafür werben. »Wir wollen außerdem nach den Sommerferien, im September oder Oktober interessierten Bürgern einen Rundgang durch den Wald anbieten«, sagt der Erbprinz bei einem Vor-Ort-Termin mit der Redaktion und Camillo Khadjavi, Geschäftsführer der Münchener Firma Reventon, die den Windpark plant.

Beide haben Visualisierungen der geplanten Anlagen mitgebracht, dazu einen Sack voller Argumente, warum dieser Standort der richtige ist: Es sei die größte Potenzialfläche auf dem Gebiet der Stadt Wertheim außerhalb der Siedlungspuffer von 1000 Metern und der Schutzgebiete, führt Khadjavi aus. Es gebe eine gute Windhöffigkeit, und Standorte der Anlagen seien auch im Kommunalwald möglich. Erbprinz Ludwig sagt, man wolle möglichst geringe Eingriffe: Die Anlagen sollen auf Kahlflächen errichtet werden, die durch Sturm oder Borkenkäfer entstanden seien - und das möglichst immer in der Nähe der gut ausgebauten, mit Lastwagen befahrbaren Wege. Der Redaktion zeigt er mehrere in Frage kommende Flächen. »Warum sollen wir uns gegen Flächen wehren, die nicht wiederzubringen sind?« Mehrfach habe man auf manchen Brachen Neuanpflanzungen versucht, vergeblich. »Die Trockenheit«, sagt der Erbprinz. Nutze man diese Flächen, könne man Rodungen minimal halten.

0,5 Hektar Flächenverbrauch

Die geplanten, etwa 250 Meter hohen Anlagen könnten Leistungen zwischen 6 und 7,2 Megawatt haben und mit ihrer Gesamtleistung ein Drittel des Strombedarfs der Wertheimer Stadtwerke decken - und das mit örtlichem Herkunftsnachweis. Für die Errichtung einer Anlage brauche man etwa einen Hektar Platz, für den dauerhaften Betrieb später nur 0,5 Hektar, erklärt Khadjavi. »Den Strom bekämen wir über die bestehende 110-Kilovolt-Leitung transportiert«, ist er sich sicher. Die Hochspannungsleitung führt in der Nähe durch den Wald nach Bestenheid.

Durch die Topografie seien die Anlagen überwiegend nördlich und nordwestlich von Nassig aus zu sehen. Auf Fotomontagen, die die Projektpartner zeigen, sind sie aus verschiedenen Perspektiven ähnlich hoch wie die Masten der bestehenden Hochspannungsleitung. Bisher habe man »viel Offenheit und aktive Arbeit der Stadt am Thema gesehen«, sagt Khadjavi.

Plan 2012 gescheitert

Schon 2012 hatte das Fürstenhaus im Schenkenwald Windräder errichten wollen, scheiterte aber unter anderem am Veto der Nassiger. Das sei damals nicht gut gelaufen, räumt Erbprinz Ludwig ein. Das sei »nicht sehr gut transportiert« worden: »Die Menschen hatten den Eindruck, sie kriegen das vor den Latz geknallt.« Diesmal soll es anders laufen, verspricht er. Neben Khadjavi habe er mit mehreren Projektierern Kontakt gehabt, doch erst dessen Konzept habe ihn überzeugt. »Ich will, dass etwas in der Region bleibt«, sagt er. Deshalb gebe es einen »nachhaltigen und partnerschaftlichen Ansatz mit der Stadt und den Bürgern«, wie es Khadjavi ausdrückt.

Zahl und Lage der Standorte sollen gemeinsam mit der Stadt festgelegt werden, Bürger können sich über örtliche Kreditinstitute auch mit kleineren Summen am Projekt beteiligen, beispielsweise per Nachrangdarlehen mit fester Laufzeit und festem Zinssatz. Zudem gibt es das Angebot an die Stadt, sich über die Stadtwerke an der Betreibergesellschaft zu beteiligen. Wer am Ende wie viele Anlagen auf welchen Grundstücken hat, darüber könne man verhandeln, lässt der Erbprinz durchblicken.

Ohnehin gehe es nicht darum, das Maximum aus der Fläche rauszuholen, denn auf dem Areal wären bis zu 13 Anlagen möglich. »Gier frisst Hirn«, sagt Khadjavi. Beide bekräftigen, dass die geplanten sechs Anlagen nicht die erste Etappe eines größer angelegten Projekts sei. Die Kosten beziffern sie auf um die 40 Millionen Euro. Jetzt geht es darum, Vertrauen zu gewinnen.

Nassig nicht gegen Windkraft

Er sei nicht gegen Windkraft im Schenkenwald oder anderswo, sagt Nassigs Ortsvorsteher Volker Mohr. In unserer Berichterstattung zur Ortschaftsratssitzung am 27. Juli fühlt er sich falsch wiedergegeben. Dort stand unter dem Titel »Nassiger lehnen Windräder ab« unter anderem, dass Mohr selbst Eingriffe in den Schenkenwald strikt ablehne. Er habe wertfrei informiert, ohne eine Position dafür oder dagegen zu beziehen. »Ich habe auf die derzeitige Rechtslage aufmerksam gemacht und gesagt, dass das Projekt derzeit ohne unser Zutun nicht möglich ist«, verweist Mohr auf den Umstand, dass das Areal nicht als Windvorrangfläche ausgewiesen ist. »Ich habe auch gesagt, dass sich die Gesetze bald ändern können und wir es dann vielleicht nicht mehr in der Hand haben.«

Die genaue Ausgestaltung des »Wind-an-Land«-Gesetzes sei noch nicht klar, ebenso die Änderungen im Bundesnaturschutzgesetz. Dort zeige sich, was künftig machbar sein könnte. Von einer grundsätzlichen Anti-Windkraft-Stimmung bei der Sitzung will Mohr ebenfalls nicht sprechen. »Eine gesunde Skepsis ist aber da.« 2012 hatte das Fürstenhaus ebenfalls Pläne, Windkraftanlagen im Schenkenwald zu errichten - und scheiterte. »Die Argumente von 2012 werden so nicht mehr gelten«, ist sich Mohr sicher.

Zu einer Zeit, »zu der es Sinn ergibt«, wolle man Erbprinz und Projektierer zur Vorstellung des Vorhabens auch in den Ortschaftsrat einladen. Das Argument, die Waldwege seien gut für Lastwagen geeignet, sieht Mohr skeptisch: Für die Schwertransporter würden wohl Rodungen nötig sein. Sicher sei angesichts der Dimensionen des Projektes allerdings schon jetzt: »Wenn das kommt, wird das ein erheblicher Eingriff sein.«

Stichwort: Wind-an-Land-Gesetz

Der Ausbau erneuerbarer Energien soll forciert werden - auch, um die Abhängigkeit von russischem Gas als Energieträger zu vermindern. Die Bundesregierung will den Strom aus erneuerbaren Energien bis 2030 verdoppeln. Windkraft ist dabei ein wesentlicher Faktor, das sogenannte Wind-an-Land-Gesetz soll den Ausbau von Windkraftanlagen deutlich beschleunigen. Nach dem Bundeskabinett haben Anfang Juli auch der Bundestag und Bundesrat das Gesetz gebilligt.

Im Kern sieht es vor, dass bis 2032 zwei Prozent der Landflächen auf Länderebene für die Windkraftnutzung zur Verfügung stehen - als Zwischenschritt sind 1,4 Prozent bis 2027 genannt. Bislang sind 0,8 Prozent für Windenergie ausgewiesen, aber nur 0,5 Prozent tatsächlich verfügbar. Für Bayern und Baden-Württemberg sind die Flächenbeitragswerte geringer, sie liegen bei 1,8 Prozent der Landesfläche. In anderen Bundesländern wie Hessen, Brandenburg oder Thüringen liegen sie dagegen höher bei 2,2 Prozent.

Mit einer Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes soll der Bau der Anlagen auch in Landschaftsschutzgebieten ermöglicht werden. Auf Länderebene müssen jetzt die Voraussetzungen zur Umsetzung des Wind-an-Land-Gesetzes geschaffen werden. Derzeit gibt es deutschlandweit etwa 31.000 Windkraftanlagen. (scm)

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