Sozialpädagoge Henrik Blaich: Digitale Medien vereinnahmen Kinder und Jugendliche

Online-Vortrag: Verschiedene Phänomene im Gewaltbereich

MAIN-TAUBER-KREIS
3 Min.

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Henrik Blaich von der Aktion Jugendschutz hat über das Thema "Gewaltprävention in digitalen Zeiten" gesprochen.
Foto: Aktion Jugendschutz
Viele Eltern fragen sich, wie viele Minuten Mediennutzung in welchem Alter richtig sind. Foto: Hans-Jürgen Wiedl (dpa)
Foto: Hans-Jürgen Wiedl
2020 war das 35-jäh­ri­ge Be­ste­hen des AkS (Ak­ti­ons­kreis Sucht- und Ge­walt­präv­en­ti­on, Si­cher­heit und Ge­sund­heits­för­de­rung im Main-Tau­ber-Kreis).

Bekannt ist der AkS in der Präventionsarbeit. Er finanziert sich aus Spenden. Sucht, Gewalt, Sicherheit und Gesundheit sind die Arbeitsfelder. Schüler, Lehrer und Sozialpädagogen sowie Vereine bekommen Unterstützung bei ihren Präventionsprojekten. Auch Veranstaltungen für andere Zielgruppen, beispielsweise zum Thema Enkeltrick oder Fortbildungen für Fachkräfte, gehören zu den Aufgaben; nicht zu vergessen der Zivilcouragepreis, den der Förderverein AkS vergibt.

Im vergangenen Jahr konnte nicht gefeiert werden. Deshalb haben die Verantwortlichen des Arbeitskreises für 2021 eine digitale Vortragsreihe organisiert, die in der vergangenen Woche startete. Bernhard Bopp von der Caritas im Kreis Main-Tauber empfing die Teilnehmenden im Namen des Arbeitskreises den Sozialpädagogen Henrik Blaich zum Vortrag »Gewaltprävention in digitalen Zeiten«.

Neue Einblicke

Die digitale Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen ist seit mehr als zehn Jahren Blaichs Schwerpunktthema bei der ajs (Aktion Jugendschutz). Der Vortrag richtete sich an pädagogische Fachkräfte und gewährte einen Einblick in neue Themen innerhalb der Gewaltprävention, die durch die alltägliche und umfassende Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen entstehen.

Die meisten jungen Menschen hätten schon sehr früh ein Handy. Die Nutzung von WhatsApp, Snapchat, TikTok, Instagram und Youtube sei fast selbstverständlich. Blaich stellte klar, dass es ihm nicht darum geht, die digitalen Medien zu verteufeln. Sie hätten eine wichtige Funktion beim Aufwachsen, hätten sogar Entwicklungsaufgaben. Die »peer groups« genannten Freundeskreise kann man immer treffen, viele junge Menschen fänden darüber ihre Identität und die Antwort auf die Frage »Wer bin ich?«.

Die damit verbundenen Risiken gelte es zu erkennen und ein souveränes Nutzerverhalten zu entwickeln. »Mädchen und Jungen müssen in die Lage versetzt werden, sich selbst zu schützen« ist das Credo des Fachmanns. Das Netz sei nicht mehr zu regulieren, weshalb man die Gefährdungsbereiche kennen müsse. Henrik Blaich zeigte verschiedene Phänomene im Gewaltbereich auf, von denen unser Medienhaus hier einige herausgreift. Fast immer geht es um Sprache, häufig um Bilder.

o »Cybermobbing« hat in der Zeit des Homeschooling zugenommen. Massiver Leidensdruck entsteht durch fortwährende Aktionen. Es gibt keinen zeitlichen und räumlichen Schonraum mehr für das Opfer, das sich nicht wehren kann. Hinzu kommt der Enthemmungseffekt durch die Anonymität im Netz.

o »Hate Speech« sind menschenverachtende Aussagen gegen Gruppen oder Einzelpersonen, beispielsweise wegen ihrer mangelnden Fähigkeiten, ihres Aussehens oder ihrer Herkunft.

o »Online-Challenges« meint moderne Mutproben, wie vor einem herannahenden Zug ein Selfie zu machen. Sie können tödlich enden.

o Über strafbares »Cyber-Grooming« wird sexueller Kindesmissbrauch angebahnt. Durch Vertrauensaufbau und Geschenke kommen die Täter meist ans Ziel.

o Bei »Sexting« werden Nacktbilder ausgetauscht. Das sei unproblematisch, wenn es alterskonform ist. Nicht einvernehmlich und mit Erpressung verbunden handelt es sich um eine Straftat.

Aufklärung der Erwachsenen, die mit der Erziehung, Ausbildung und Beratung von Kindern und Jugendlichen betraut sind, steht für den Sozialpädagogen Blaich ganz oben auf der Liste. Verhaltensänderungen, wie Rückzug, Abkapseln, Essstörungen, müssten ernst genommen und hinterfragt werden. Oft steckten Konflikte dahinter, die nicht offen, sondern im Netz ausgetragen werden. Man müsse schnell sein, um die Eltern wach zu kriegen. Ein Workshop über die Rechte an Bildern könne ein Einstieg sein, um über Gewalt in den digitalen Medien ins Gespräch zu kommen. Erst kürzlich sei herausgekommen, dass ein Drittklässler Nazisymbole, ein Sechstklässler Nacktfotos verschickt hatte. »Mein Kind tut so etwas nicht«, sei immer die erste Reaktion der Eltern.

Mehr Sicherheit im Netz

Auch die jungen Menschen müssen gut informiert sein, um sich schützen zu können. Sicherheit im Netz ist da ein wichtiger Punkt. Regelmäßiges Sozialtraining in der Klasse helfe zusätzlich, Hintergründe von Konflikten aufzudecken und wertschätzenden Umgang zu trainieren.

Verhaltensänderungen könnten dort am ehesten ausgemacht und hinterfragt werden. Kinder stark machen, sei wichtig. Kinder und Jugendliche müssten einen erwachsenen Ansprechpartner haben, dem sie vertrauen, so Blaichs Empfehlung.

Hintergrund

Hintergrund: 35 Jahre AkS

Der Aktionskreis Sucht- und Gewaltprävention, Sicherheit und Gesundheitsförderung (AkS) vernetzt die auf dem Gebiet der Prävention tätigen Institutionen im Main-Tauber-Kreis.

Der AkS besteht aus Mitarbeitenden der Suchtberatungsstellen sowie aus Vertretern von Wohlfahrtsverbänden, des Regierungspräsidiums Stuttgart, des Landratsamts Main-Tauber-Kreis, der Schul- und Jugendsozialarbeit, der verbandlichen Jugendarbeit, der Polizei und aus ehrenamtlich Engagierten. Geschäftsführerin ist die kommunale Suchtbeauftragte.

Es gibt eine Präventionspartnerschaft mit dem Förderverein AkS, dessen Vorsitzender Alois Gerig, MdB, ist. Der Förderverein unterstützt die Arbeit des AkS.

Der Auftrag des AkS: Förderung und Umsetzung von Veranstaltungen und Projekten zur Prävention, Gesundheitsförderung und Sicherheit; Netzwerkarbeit; Fachtagungen; Förderung von Präventionsprojekten an Schulen und in der Kinder- und Jugendarbeit; Öffentlichkeitsarbeit.

Der AkS ist auf Spenden, Zuschüsse und sonstige Einnahmen für seine Arbeit angewiesen, um Projekte und Aktivitäten finanzieren und umsetzen zu können.

Nachdem die geplanten Feiern im vergangenen Jahr abgesagt werden mussten, gibt es stattdessen in allen vier Handlungsfeldern des AkS digitale Vorträge und Fortbildungen. Sie finden im Zeitraum von Mai bis Oktober statt.

Den Auftakt machte Henrik Blaich von der Aktion Jugendschutz mit dem Online-Fachvortrag: "Gewaltprävention in digitalen Zeiten". (Informationen und Materialien:https://www.ajs-bw.de/)

Weitere digitale Vorträge:

28. September: Tünde Kerteß-Szlaninka: Alkohol in der Schwangerschaft (für Schülerinnen und Schüler)

14. Oktober: Jürgen Rink, Chefredakteur des Computermagazins C'T: Mensch gegen Digitalkonzerne: Wie bekommen wir unsere Daten zurück? Sicherheit im Netz (für Schülerinnen und Schüler)

20. Oktober: Kinder suchtkranker Eltern - Transgenerationale Risiken, Hilfen, Resilienz fördern (für Pädagogische Fachkräfte, Ärzte, Psychotherapeuten)

Informationen, auch zur Anmeldung, unter:

https://www.main-tauber-kreis.de/Landkreis-Politik/Kreiseinrichtungen/Praeventionspartnerschaft/ (pefs)

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