Die Weltstadt der Krabbler

Natur: Auf der Schwäbischen Alb steht eine Millionenmetropole - Mehrere tausend Hügel befinden sich in der Ameisenstadt

AALEN
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Sie findet man massenhaft: Ameisenhaufen.
Foto: Tom Weller
Ameisen auf einer Pflanze im Naturschutzgebiet Dellenhäule. Der Ort gilt als Ameisenstadt, da hier mehrere tausend Ameisenhügel zusammenstehen. Fotos: Tom Weller (dpa)
Foto: Tom Weller

»Ameisenstadt« haben deshalb Naturschützer das rund vier Fußballfelder große Areal bei Elchingen (Ostalbkreis) genannt. Der Biologe Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz hat es vor einigen Jahren untersucht. Bei seinen Forschungen kam er auf 145 Kilogramm Lebendmasse von sogenannten Gelben Wiesenameisen, die sich dort pro Hektar tummeln. Seinen Angaben nach gibt es nur eine Fläche in England mit noch höherer Dichte einer Ameisenart.

Was die Bewohner der Ameisenstadt leisten, macht nicht nur ästhetisch Eindruck. »Pro Hektar transportieren sie sieben Tonnen Erdreich im Jahr nach oben«, sagt Seifert. Allein die oberirdisch sichtbare Masse der Hügel brächte 184 Tonnen auf eine Waage. Nur die Schöpfer des Spektakels selbst bekommt kaum ein Mensch zu Gesicht.

Im Untergrund

Auf den Hügeln der Ameisenstadt herrscht kein Krabbeln, kein Wuseln, kein Wimmelbild aus bleistiftspitzenlangen Insektenkörpern. Stattdessen wachsen Gras und Kräuter auf den Haufen. Anders als etwa Waldameisen verbringen die Gelben Wiesenameisen ihren Alltag im Untergrund. Von ihrem Nest im Hügelinneren schürfen sie Stollen und Tunnel ins Erdreich, melken Läuse, die an Wurzeln leben, und verputzen deren zuckerhaltige Ausscheidungen. Nur zum jährlichen Paarungsflug oder um ein paar Krümel Erde nach oben zu wuchten, lassen sich die Winzlinge an der frischen Luft blicken. Neben ihnen sind auf dem Gebiet aber noch 22 weitere, teils streng geschützte, Ameisenarten nachgewiesen.

Laut Seifert waren solche Megacitys früher im Landschaftsbild nichts Außergewöhnliches. Gerade auf der Schwäbischen Alb herrschten ideale Bedingungen: Die traditionellen Wanderschäfer sorgten mit ihren Tieren für eine sensible Landschaftspflege und Artenvielfalt, die zum Überleben der Insekten Voraussetzung ist. Inzwischen haben auch Stickstoffe, die über Autos, Großfeueranlagen und landwirtschaftliche Düngemittel aus der Luft in den Boden dringen, den Bestand der Gelben Wiesenameise einbrechen lassen.

Doch ihre Bauwerke sind nachhaltig. Sie stehen stabil, können Überschwemmungen trotzen und werden von Generation zu Generation weitervererbt. Die Ameisenstadt gibt es einer Untersuchung des Regierungspräsidiums Stuttgart zufolge seit mehr als 130 Jahren. Warum sie gerade hier entstand, ist laut Seifert nach wie vor rätselhaft. Die Lage in einer Frostsenke, in der die Temperaturen auch im Juni oder September in den Minusbereich sacken können, stört die Gelben Wiesenameisen nicht. Im Hügelinneren hat es auch im strengsten Winter mollige 25 Grad.

Früher bauten die Albbauern dort Dolomitsand ab, sagt Hans-Peter Horn vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der Regionalverband Ostwürttemberg betreut das Naturschutzgebiet »Dellenhäule«, in das die Kolonie eingebettet ist.

Von den meisten unbeachtet

Horn hat einmal einen Jungen beim Versuch erwischt, einen der Hügel einzutreten. Dessen Eltern baten danach um Entschuldigung, weil sie ihn nicht selbst abgehalten hatten. Sie hätten gar nicht gewusst, dass es sich bei den bewachsenen Haufen um Ameisenhügel handelt. Denn bisher ist die Ameisenstadt von Weltrang ein ziemlich verborgenes und unbeachtetes Kuriosum geblieben. Selbst die Anwohner der umliegenden Weiler auf dem karg besiedelten Härtsfeld wüssten großteils nicht, dass sie existiert, sagt Horn.

Erst zum 50. Jubiläum des Naturschutzgebiets im vorigen Jahr hat das Regierungspräsidium Stuttgart eine Informationstafel spendiert. Jüngst war eine Delegation der Stadt Aalen zu Besuch, um sich Eindrücke für eine touristische Nutzung zu verschaffen. Den BUND stellt das vor ein Dilemma. »Wir wollen schon, dass die Ameisenstadt bekannt wird«, so Horn. Eben nur nicht zu Lasten des Naturschutzes. Horn: »Grillstellen soll es hier keine geben.«

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