Die Welt ist kein Aschenbecher

Umweltverschmutzung: Zigarettenkippen sind das eklige Ende einer Kette von Prozeduren, die mit dem Tabakanbau im Süden beginnen

STUTTGART
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Klein, aber sehr problematisch: Zigarettenkippe. Foto: Uwe Anspach/dpa
Foto: Uwe Anspach
Die Kri­tik am Rau­chen hier­zu­lan­de be­trifft häu­fig nur die ge­sund­heit­li­chen Fol­gen des Zi­ga­ret­ten­kon­sums wie Krebs und schwe­re Lun­ge­n­er­kran­kun­gen. Die Stadt Stutt­gart rückt im Rah­men ei­ner Kam­pag­ne für mehr Sau­ber­keit in der Ci­ty das En­de der Glimm­stän­gel in den Fo­kus - die Kip­pen.

Slogans wie »Stuttgart ist kein Aschenbecher« auf zig Postern, Aufklebern und Themenkarten sollen die Menschen für die sachgemäße Entsorgung der giftigen und unabbaubaren Kippen, aber auch von Plastikbechern und Hundekot sensibilisieren.

Kampagne setzt auf Einsicht

»Die Kampagne setzt auf Einsicht und daraus resultierend auf freiwillige Verhaltensänderung, aber auch auf sozialen und auch finanziellen Druck mittels Bußgeldern«, erläutert eine Stadtsprecherin vor dem Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2022. Wer in der Landeshauptstadt eine Kippe wegwirft und erwischt wird, muss 103,50 Euro berappen.

Die weltweit jährlich etwa 4,5 Billionen einfach auf den Boden geschmissenen Kippen sind nur der Abschluss einer langen Kette von Umweltschäden und sozialen Missständen bei der Produktion von Zigaretten, wie die Nichtregierungsorganisation Unfairtobacco feststellt. Deren Leiterin Sonja von Eichborn spricht von einer weltweiten Schieflage: »Während die Menschen in den Industrieländen vergleichsweise leicht die schädlichen Nebenwirkungen des Rauchens abstellen können, haben es die Kleinbauern in Afrika und Asien viel schwerer, sich dem krankmachenden Produkt zu entziehen.« Fast 90 Prozent des Tabakanbaus entfalle auf den globalen Süden und werde in den Norden exportiert, auch aus hungergeplagten Ländern wie Malawi und Bangladesch.

Von Eichborn misst Zigaretten einen bedeutenden Beitrag zur Klimakrise bei. »Der durch ihre Produktion verursachte CO2-Ausstoß beträgt das Zweifache der jährlichen Emissionen von Dänemark«. Allein für die Trocknung der Blätter für die beliebten American-Blend-Zigaretten würden weltweit 200.000 Hektar Naturwald jährlich zerstört. Der Tabak bekommt durch die Trocknung über einem Holzfeuer eine rauchige Note. Einst bewaldete Flächen etwa in Zimbabwe, Tansania, Sambia, Malawi und Bangladesch seien durch den Kahlschlag der Erosion ausgesetzt. »Mangels Holz verbrennen die Farmer in ihrer Not schon Zuschnittreste aus Bekleidungsindustrie, die giftige Dämpfe ausstoßen«, sagt von Eichborn.

Da die Tabak-Monokultur für Schädlinge anfällig sei, setzten die Bauern Pestizide ein, darunter in Deutschland verbotene Chemikalien wie 1,3-Dichlorpropen. Sie landen nicht nur im Grundwasser, sondern auch in Flüssen, wo sie mit den Fischbeständen die Lebensgrundlage der Anwohner zerstören. Sie können auch psychische Erkrankungen verursachen, die von Eichborn zufolge in Brasilien, dem Tabak-Exportweltmeister, zu einer erhöhten Suizidraten bei Tabakerzeugern führen. Hinzu komme die Kontamination der Plantagenarbeiter durch Nikotin, das beim Umgang mit den Pflanzen in die Haut eindringe. Sie leiden laut von Eichborn an der Grünen Tabakkrankheit mit den Symptomen Übelkeit, Schwindel und Herzschwäche.

Der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) zieht für den Tabakanbau im Vergleich zu anderen im globalen Süden angebauten Nutzpflanzen eine positive Bilanz. Er habe mit den gleichen ökologischen und sozialen Problemen zu kämpfen wie der Anbau von Kakao oder Kaffee. »Insgesamt stellt der Tabakanbau keine größere Bedrohung für die biologische Vielfalt, den Verlust von Wäldern oder die Verschlechterung der Bodenqualität dar als der Anbau anderer Kulturen«, sagt Hauptgeschäftsführer Jan Mücke. Für die Trocknung des Tabaks peile die Industrie bis 2030 die Umstellung auf Holz aus nachhaltigem Anbau an. Auch das Thema Pestizide hätten Unternehmen der Tabakindustrie im Blick und achteten mit Monitoring-Programmen auf die Einhaltung von Grenzwerten. In Deutschland würden die Tabakmischungen der Markenzigaretten auf Rückstände von über 300 Pflanzenschutzmitteln untersucht.

EU-Lieferkettengesetz gefordert

Nach Ansicht von Sonja von Eichborn verbietet sich ein Vergleich von Tabakprodukten, die für den Tod von jährlich acht Millionen Menschen verantwortlich seien, mit Kaffee und Kakao. Sie fordert ein EU-Lieferkettengesetz mit europaweit verpflichtenden Menschenrechts- und Umweltstandards. Dagegen stemme sich die Tabakindustrie. »Denn das kostet Geld und schmälert den Profit«.

Hintergrund: Weltgrößter Hersteller von Tabakwaren zum Kippenproblem

Was Stuttgart im Kleinen erreichen will - aufklären über die Folgen des achtlosen Umgangs mit Kippen - macht der weltgrößte Hersteller von Tabakwaren, Philip Morris, im großen Stil. Der Konzern verbreitet Fakten, die aufrütteln sollen. Beispiel: »If we don't act now, in 10 years there might be more cigarette butts in the ocean than fish« (Wenn wir jetzt nicht handeln, könnte es in zehn Jahren im Meer mehr Zigarettenkippen geben als Fische). Philip Morris ruft Nichtraucher und Raucher auf, sich gemeinsam bei Firmen und Event-Managern für die Bereitstellung von Taschen-Aschenbechern und Mülleimern einzusetzen.

Für Sonja von Eichborn, die Leiterin der Nichtregierungsorganisation Unfairtobacco, ist das der Versuch, die Verantwortung für den Umweltschutz bei den Verbrauchern abzuladen und von einer ökologischen Gesamtbilanz abzulenken. (dpa)

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