Depressionen können lebensgefährlich sein

Gesundheit: Mathias Jähnel, Leiter der Psychiatrie des Tauberbischofsheimer Krankenhauses, sieht eine gute Prognose bei fachgerechter Behandlung

Tauberbischofsheim
2 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.


Knapp 80 Interessierte zwischen 18 und 80 Jahren hatten sich am Dienstagabend im Vortragssaal von Haus Heimberg in Tauberbischofsheim eingefunden, um den Fachvortrag »Depression und Suizidgefährdung« von Chefarzt Dr. Mathias Jähnel, Leiter der Psychiatrie des Tauberbischofsheimer Krankenhauses, zu hören.

10 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland durch Suizid, sagte Jähnel. Das seien mehr als durch Mord, Totschlag, AIDS und Verkehrsunfälle zusammen, führte der Fachmann aus. Der 10. September als »Welttag der Suizidprävention« sei seit 2003 ein Tag der Trauer und des Gedenkens.

Iris Pfister vom Verein »Trees of Memory« hatte erstmalig zu diesem Gedenktag Aktionen wie einen Gottesdienst, einen Spendenlauf, einen Infostand und eben den Vortrag organisiert. Sie sei überrascht von der großen Resonanz. Suizid und Depression seien immer noch Tabuthemen, sagte sei. Und sie setze sich mit dem Verein dafür ein, dass mehr Verständnis für Betroffene aufgebracht wird.

»Sehr ehrenwert« nannte das Jähnel und zeigte sich überzeugt, dass die Arbeit mit der Zeit Früchte tragen wird. Er machte deutlich, dass Depressionen bei schwerem Verlauf lebensbedrohliche Erkrankungen sind, die in einem Suizid enden können. Zuerst warf er einen Blick auf die Statistik: In westlichen Ländern erkranken 15 bis 30 Prozent der Menschen einmal im Leben an einer Depression, drei bis vier Millionen sind in Deutschland betroffen. Das Verhältnis Frauen zu Männer beträgt dabei Zwei zu Eins. Psychische und körperliche Symptome treten bei einer Depression auf. Freud- und Interesselosigkeit, Innere Leere, Gefühlsverlust sind beispielsweise dabei, ebenso Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Herzbeschwerden.

Im Jahre 1975 sei die Suizidrate mit 20 000 pro Jahr noch doppelt so hoch gewesen wie 2018. Die Abnahme sei ein »riesen Erfolg«. Bessere medizinische Versorgung, mehr Aufklärung, vor allem auch bessere Kenntnisse bei den Hausärzten lägen dem zugrunde, sagte er. Ältere, alleinstehende Männer bilden momentan die größte Gruppe.

Die Ursachen für Depressionen können genetisch, aber auch psychosozial bedingt sein: Dazu zählen Verluste, Ausweglosigkeit, Kränkungen, Selbstwertverlust und körperliche Erkrankungen. Die komplexere Umwelt mit immer mehr Anforderungen spiele auch eine Rolle. Neuste Erkenntnisse der Epigenetik seien überraschend: Misshandlung im Kindesalter kann zu Genveränderungen führen.

Mathias Jähnel erläuterte, dass 80 bis 85 Prozent der Patienten wirksam behandelt werden können. Die Akutbehandlung dauere ein bis zwei Monate, eine mindestens sechsmonatige Erhaltungstherapie sei notwendig. In vielen Fällen sei dabei eine Kombination von medikamentöser Therapie und Psychotherapie sinnvoll und notwendig. Besonders hob er hervor, dass regelmäßige Bewegung oder sportliche Betätigung wesentliche Bausteine der Behandlung seien. Seit 2015 sind dies auch Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

»Depressionen sind keine Schande« betonte der Chefarzt am Schluss seines Vortrags noch einmal. Durch die daraus resultierende Suizidalität seien sie aber lebensgefährlich. Bei fachgerechter Behandlung sei die Prognose gut, es brauche aber Geduld und vor allem: »Keine Schuldzuweisungen.«

Die Zuhörer konnten das Fazit selbst ziehen: Behandlung von Depressionen ist Suizidprävention. Die Aktualität des Themas zeigte sich in vielen Fragen aus dem Publikum, die anschließend geduldig und kompetent beantwortet wurden.

Hintergrund: Psychiatrie in Tauberbischofsheim

Bis zur Gründung der Abteilung Psychiatrie am Tauberbischofsheimer Krankenhaus 1979 wurden Patienten in Weinsberg behandelt. Die Abteilung startete mit 80 Betten, aktuell hat sie 106 Betten. Sie gewährleistet die Grundversorgung im Main-Tauber-Kreis.

2004 wurde eine Ambulanz eingerichtet, 2012 eine allgemeinpsychiatrische Tagesklinik, 2016 der Neubau mit psychosomatischer Tagesklinik sowie einer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eröffnet.

Die stationären Aufnahmen stiegen von 900 im Jahr 2006 bis zu 1800 im Jahr 2018. Die Zahl in der Ambulanz stieg von 1000 auf 6400 Patienten. ()

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden
Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!