Das Unbezahlbare schützen

Ausstellungen: Welche Bedingungen das Hofgartenschlösschen erfüllen muss, um Werke ausleihen zu dürfen

WERTHEIM-HOFGARTEN
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Von Berlin nach Wertheim: Annette Bossmann, Jörg Paczkowski und das Bild »Interieur« von Carl Friedrich Koch. Foto: Folger-Schwab
Foto: Petra Folger-Schwab

In wenigen Tagen ist es wieder so weit: Im Schlösschen im Wertheimer Hofgarten startet unter dem Titel »Zu Gast bei ? - Private Interieurs« eine neue Kunstausstellung. Die Anforderungen, die geliehenen Kunstwerke zu schützen, sind immens. Um den Aufwand hinter den Kulissen macht sich kaum ein Außenstehender Gedanken.

Es sind mittlerweile mehr als 30 Ausstellungen, die Jörg Paczkowski im Hofgartenschlösschen organisiert hat. Routine kehrt dennoch nie ein. »Zwei Wochen vorher geht der Puls immer nach oben«, sagt Paczkowski.

Am Dienstagabend sind Kisten mit Kunstwerken aus Berlin per Spedition eingetroffen. Am Mittwoch hat sie Paczkowski zusammen mit einer Mitarbeiterin des Berliner Stadtmuseums ausgepackt und aufgehängt. Am 1. März soll die neue Ausstellung starten.

Allgefahrendeckung

Für den Transport der geliehenen Werke kommen Kunstspediteure zum Einsatz, die Bilder sind gegen Beschädigung oder Verlust geschützt, Fachleute nennen das eine »Von-Nagel-Zu-Nagel-Versicherung«. Von der Abholung vom Leihgeber über Transport und Aufbau, Ausstellung bis hin zum Rücktransport und Übergabe an den Leihgeber sind die Stücke durchgehend mit einer Allgefahrendeckung versichert. »Beim Einpacken in Berlin ist ein Restaurator mit dabei, um den Zustand zu dokumentieren, hier bei uns beim Auspacken ein weiterer«, erklärt Paczkowski. »Und nach Ausstellungsende geht es in umgekehrter Reihenfolge zurück - also eine vierfache Absicherung.«

Die Bezifferung des Werts von Kunst zum Abschluss einer Versicherung ist eine schwierige Sache: Eigentlich immer übersteigen die Werke ihren Materialwert. Versichert wird nach der Prämisse, was es kosten würde, ein Stück gleicher Qualität und Güte auf dem Kunstmarkt wiederzubeschaffen, als Maßstab gelten meist aktuelle Auktionspreise. Doch Totalverluste sind selten, meist kann ein Restaurator erlittene Schäden ausbessern.

Damit die gar nicht erst entstehen, muss das Hofgartenschlösschen die in den Leihverträgen festgelegten Bedingungen erfüllen: »Wir müssen nachweisen, dass wir Klima kontrollieren und steuern können«, sagt Paczkowski. Denn die Kunstwerke, ob nun auf Holz, Leinwand oder einem anderen Werkstoff, mögen weder zu niedrige noch zu hohe Luftfeuchtigkeit - und auch Temperatur und Beleuchtung sind genau vorgegeben. »Manche Museumsbesucher fragen, warum es bei uns so dunkel ist«, sagt der Ausstellungsleiter. Dabei spielen Helligkeit und Farbtemperatur der Beleuchtung eine wichtige Rolle dabei, wie ein Kunstwerk wirkt - und wie schnell es altert.

Eine Herausforderung bei den Umgebungsbedingungen sei beispielsweise die Ausstellung zur Berliner Malerin und Grafikerin Jeanne Mammen im vergangenen Jahr gewesen. Paczkowski: »Von 99 Werken mussten wir da 30 unter verschiedenen Bedingungen ausstellen.« Manche Werke werden sogar in klimatisierten Kisten angeliefert - und dürfen erst ausgepackt werden, wenn im Ausstellungsraum die gleichen Bedingungen herrschen wie am Ausgangsort.

Doch auch wenn die Auflagen in Sachen Sicherheitsanlagen, Ausstellungsbedingungen, Brandschutz, Aufsicht, Fachpersonal, betreuende Konservatoren, Transport und Versicherung erfüllt sind, kann noch etwas passieren. Diebstähle wohl eher nicht, denn je bekannter ein Werk ist, desto schwieriger kann der Dieb es verkaufen.

Statistisch gesehen droht wohl mehr Gefahr durch Brände oder unvorsichtige Museumsbesucher. Wird ein Werk tatsächlich beschädigt, ist der Restaurator gefragt. Doch auch in dieser Hinsicht hat das Hofgartenschlösschen bisher Glück gehabt. Paczkowski: »In allen Jahren haben wir durch entstandene Schäden vielleicht 2000 Euro an Restaurationskosten gehabt.«

Hintergrund: Transport

Annette Bossmann, für die Gemäldesammlung der Berliner Stiftung Stadtmuseum verantwortliche Kunsthistorikerin, hat den Transport der 24 Leihgaben persönlich nach Wertheim begleitet. Sie ist als Kurierbegleitung mit zwei Mitarbeitern der auf den Transport von Kunstwerken spezialisierten Spedition Hasenkamp in einem Transporter mitgefahren.

Zum zweiten Mal organisiert sie nach »Von Liebermann bis Pechstein« im Jahr 2016 eine Ausstellung in Kooperation mit dem Wertheimer Schlösschen und Jörg Paczkowski. Der ist erleichtert, als der LKW am Dienstag bereits gegen 14.30 Uhr auftaucht. »Wir sind um 8 Uhr in Berlin losgefahren, verpackt wurden die Leihgaben bereits am Vortag«, berichtet Annette Bossmann, die bestätigt, dass wie vorgeschrieben eine Restauratorin dabei war. Eine orangefarbene Mappe mit dem Leihvertrag und den 24 Exponatpässen hat sie mitgebracht. Darin ist ein Foto von jedem Kunstwerk, eine genaue Beschreibung mit Titel, Künstler und Entstehungsjahr, Beschädigungen oder andere Besonderheiten sind vermerkt. Zum Auspacken kommt ein Restaurator aus Würzburg. Dann dürfen auch die Klimakisten geöffnet werden.

Paczkowski quittiert den Empfang. Er ist ab dem Moment verantwortlich, wo die Leihgabe auf den Weg gebracht wird. Spannend wird es, als das erste Exponat ausgepackt wird. Spezialhandschuhe zieht Paczkowski an und schneidet vorsichtig die Kartonage auf. Blasenfolie kommt zum Vorschein, dann weißes Tyvek, ein papierartiges Spezialvlies. Alles wird sorgfältig weggeräumt, denn zum Rücktransport wird das Material wieder verwendet.

»Wunderschön«, sind sich die beiden Fachleute beim Anblick des Gemäldes von Carl Friedrich Koch (1856 bis 1943) einig. ()

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