Bordell-Siegel löst Debatte aus

Prostitution: Vorstoß der Diakonie Karlsruhe hat empört - Idee eines Qualitätssiegels inzwischen fallen gelassen

KARLSRUHE
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Die Sexdienstleisterin Isabel sitzt auf einem Bett und spiegelt sich in einem Zimmer im Karlsruher Etablissement der Bordellbetreiberin Laura. Foto: Uli Deck/dpa
Foto: Uli Deck
Isa­bell spricht sanft, aber be­stimmt: »Ich tue das, weil ich es will.« Die Mitt­d­rei­ßi­ge­rin ar­bei­tet als Prosti­tu­ier­te in ei­nem Karls­ru­her Bor­dell. Ein ganz nor­ma­ler Job, sagt sie. Weil das nicht je­der so sieht, will sie lie­ber nicht er­kannt wer­den. Isa­bell heißt da­her nicht wir­k­lich so.

Und ihre echten Haare sind vermutlich auch nicht blond. Prostitution ist ein Tabu. Für die einen gehört sie verboten. Die anderen warnen vor einem Verbot, weil das Frauen noch mehr in Not bringen könnte. Die Karlsruher Diakonie gehört zu letzteren.

Mobile Sprechstunde

Sie bietet als Anlaufpunkt die Beratungsstelle »Luise«, eine mobile Sprechstunde für Prostituierte ohne Krankenversicherung und Appartements für Frauen, die aussteigen wollen. Vor einem Jahr entwarf der soziale Dienst der evangelischen Kirche ein gemeinsames Positionspapier mit Bordellbetreibern - und erntete einen Sturm der Entrüstung. Stein des Anstoßes: Die Vergabe eines »Qualitätssiegels für Prostitutionsbetriebe, die sich zur Einhaltung von Standards im Hinblick auf den Schutz und das Wohl der Frauen verpflichten«.

Die Diakonie Württemberg distanzierte sich. Der Landesfrauenrat sprach von einem »frauenverachtenden Vorhaben«. Die Initiative »Karlsruhe gegen Sexkauf«, ein Zusammenschluss von 150 Prostitutionsgegnern - darunter Ärzte, Traumatologen, Sozialarbeiter, Kirchenleute und Politiker - warf der Diakonie vor, damit Teil eines menschenverachtenden Unterdrückungssystems zu werden.

Das als »Puff-Siegel« geschmähte Vorhaben hat die Karlsruher Diakonie inzwischen still beerdigt. »Uns ist bewusst geworden, dass der Begriff sehr ungünstig ausgewählt war«, so eine Sprecherin. Im neuen Papier werden nun begleitende Seminare für Prostitutionsbetriebe vorgeschlagen, »die sich zur Einhaltung von besonderen Standards im Hinblick auf den Schutz und das Wohl der Frauen verpflichten«.

Statt eines Siegels wird nun die Begleitung besserer Bordelle angestrebt. Doch gibt es bessere Bordelle? Ja, sagt Stephanie Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD). Von über 2100 zugelassenen Bordellen hat ihr Verband 35 auditiert. Fünf Kronen signalisieren Kunden und Sexarbeiterinnen: »Es handelt sich um ordentliche Betriebe, die alle Gesetze einhalten.«

Hilfe bei Behördengängen?

Isabell fühlt sich bei Laura in Karlsruhe fair behandelt. Sie kommt viel rum und wüsste gerne vorher, was sie in einem Haus erwartet. Sauberkeit, ein schönes Ambiente, Betreuung durch eine Empfangsdame, Hilfe bei Behördengängen und notfalls ein Alarmknopf, wenn es ein Problem mit einem Gast gibt. Das sind einige Punkte, auf die sie Wert legt. Ein Kriterienkatalog würde ihr Sicherheitsgefühl stärken.

»Aus unserer Sicht gibt es weder gute noch faire Bordelle«, heißt es hingegen aus dem Landeskriminalamt. Fair sollte es angeblich im Großbordell »Paradise« bei Stuttgart zugehen. Doch paradiesische Zustände sah das Landgericht nicht. Es verurteilte die Betreiber zu mehrjährigen Haftstrafen. »Der Prozess hat die Gesinnung der Branche schonungslos offengelegt«, so das LKA. Selbst wenn es Betriebe mit erträglicheren Arbeitsbedingungen gebe, ändere dies nicht die Grundausrichtung. »In aller Regel geht es um Gewinnmaximierung und nicht um das Schicksal der dort arbeitenden Frauen.«

Stephanie Klee vom BSD ist selbst seit langem Sexarbeiterin. Sie kennt viele Frauen, die sagen: »Ich will nicht putzen oder bei Aldi an der Kasse sitzen.« Aber sie räumt ein: »Natürlich ist die Situation einer armen Rumänin von größeren Zwängen geprägt.« Diejenigen, die unter falschen Versprechungen hierher geschleust oder von Loverboys und Zuhältern zur Prostitution gezwungen werden, seien aber in der Minderzahl. Und in der Regel nicht in Bordellen, sondern in geheimen Wohnungen. »Das ist Menschenhandel pur.« Für die Arbeit im Verborgenen habe Corona nochmals neue Strukturen geschaffen.

Prostitution war während der Pandemie lange verboten. Über Monate waren Bordelle und Clubs zu. Viele Frauen arbeiteten nach Beobachtung der Verbände illegal in Wohnungen, Hotels und im Internet weiter. Das hat sich nur teilweise geändert. Bordellbetreiberin Laura, die mit der »Initiative für geschützte Sexarbeit« mit der Diakonie kooperiert, spürt die Folgen: Seit Wiedereröffnung im Sommer läuft das Geschäft schleppend, sie nimmt nur halb so viel ein. Freier haben Angst vor Corona und dass sie in Formularen zu viel preisgeben müssen. »Viele bevorzugen es ganz anonym«, weiß die Bordellchefin.

Ins Dunkelfeld verlagert

Simone Heneka von der Freiburger Diakonie-Beratung »P.I.N.K.« registriert in der Corona-Zeit mehr Gewalt, weil Prostitution sich ins Dunkelfeld verlagert habe. Dort sind Frauen gefährdeter, sagt Karlsruhes Diakonie-Chef Wolfgang Stoll. Vor dem Hintergrund war das umstrittene Positionspapier entstanden.

Wie die Diakonie Bordelle kontrollieren wollte, ist unklar. Hätte sie geprüft, ob Demütigungen noch zumutbar sind? fragt die Initiative »Karlsruhe gegen Sexkauf«. BSD-Sprecherin Klee hält ein Siegel einer kirchlichen Organisation ohnehin für fehl am Platz: »Wir würden ja auch keine Hotels auditieren.« Prostituierten-Sprecherin Johanna Weber lobt immerhin die gute Absicht: »Die Sexarbeitsbranche als Ganzes zu betrachten und mit allen Beteiligten zu reden, ist ein unglaublich guter und christlicher Ansatz.«

Hintergrund: »Wirkliche Zwangsprostitution gibt es nicht oft«

Johanna Weber vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen verweist darauf, dass die Polizei zumeist nur mit Straftaten im Milieu in Kontakt komme. »Sexarbeitsplätze können auch sehr gute Arbeitsplätze sein.« Wirkliche Zwangsprostitution gebe es nicht oft. »Häufig gibt es aber eine schwierige Gemengelage, dass Sexarbeitende den Job nicht machen wollen, aber keine Alternativen haben.« Was Zwang angeht: »Wir arbeiten alle, weil wir Geld verdienen müssen«, betont Weber. (dpa)

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