Arbeitsplatz Großmarkt

Job: Wochenmarktverkäufer arbeiten mitten in der Nacht, damit die Ware morgens in den Läden liegt

KARLSRUHE
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Hasmet Aysu, Mitarbeiter der «Rolf Koch GmbH», stapelt im Verkaufsstand des Großmarkts Obstkisten auf eine Sackkarre. Foto: Uwe Anspach/dpa
Foto: Uwe Anspach
Es ist noch dunkel, Scheinwerfer erleuchten das Gelände, es sieht fast unwirklich aus, erste Laster treffen ein. Rollgitter gehen hoch, die Tore zu den Hallen der einzelnen Großhändler öffnen sich allmählich und geben den Blick frei auf Obst- oder Gemüsekisten. Der Großmarkt Karlsruhe erwacht gerade erst zum Leben. Bernhard Lensch, einer der beiden Geschäftsführer des Obst- und Gemüsehandels Rolf Koch Gmbh, ist soeben in den vier »Boxen« genannten Hallen seines Unternehmens eingetrudelt. Er kümmert sich um erste Kunden, die seine Ware beschauen oder dabei sind, sich ihre Bestellungen zusammensuchen zu lassen. Es ist gerade mal 1.30 Uhr.
Regale gut bestücken

Lenschs »Arbeitstag« ist die Nacht und das seit mehr als 30 Jahren. Fast nie mehr als sechs Stunden Schlaf und selbst das nicht am Stück, erzählt er. Gegen 20.00 Uhr geht er jeden Abend ins Bett, schläft vier Stunden und fährt dann kurz nach Mitternacht zu seinem Arbeitsplatz Großmarkt. Gegen 11.00 Uhr vormittags ist sein Arbeitstag zu Ende, ein Mittagsschlaf zu Hause ist dann später noch drin. Wenn Otto Normalverbraucher ins Lebensmittelgeschäft, zum Gemüsehändler um die Ecke oder auf den Wochenmarkt geht, hat Lensch längst mit dafür gesorgt, dass die Regale im Umkreis von 150 Kilometern voll sind und die Marktstände gut bestückt.

Nacht für Nacht außer sonntags versorgt er seine Kunden mit frischen Waren direkt vom Karlsruher Großmarkt. »Einmal Obst und Gemüse, immer Obst und Gemüse«, sagt der gemütlich wirkende 56-Jährige. »Ich wollte nie was anderes machen.« Seit 1985 ist er in dem Geschäft, früher als Angestellter, auch auf dem Stuttgarter Großmarkt arbeitete er schon. Vor sieben Jahren übernahm er mit seinem Geschäftspartner die auch »Die Fruchtprofis« genannte Rolf Koch GmbH. In den Hallen stapeln sich Kisten mit Äpfeln, Beeren aller Art, Feigen, Mangos, Granatäpfeln, Süßkartoffeln, Pfifferlingen und und und.

Der Großmarkt Karlsruhe ist einer von mehreren Großmärkten im Südwesten. Es gibt sie unter anderem in Freiburg, Mannheim, Stuttgart, genaue Zahlen hat das Landwirtschaftsministerium nicht. In Karlsruhe haben sich auf dem Gelände etwa 15 Großhändler und Importeure angesiedelt, überwiegend aus dem Obst- und Gemüsebereich, aber auch ein Fleischhändler oder ein Eier- und Teigwarenspezialist sind darunter, erzählt der Vize-Amtsleiter des Karlsruher Marktamtes, Axel Pallmer. Auch einen Blumengroßmarkt gibt es.

Unterdessen ist auch Händler Karl Eugen Kummer, einer von Lenschs rund 200 Kunden, lange vor dem Morgengrauen auf dem Großmarkt eingetroffen und arbeitet gerade seine Obst- und Gemüseliste ab. Lenschs Mitarbeiter Hasmet Aysu bringt ihm munter und gut gelaunt die bestellten Kisten zum Transporter. Noch ist es eher ruhig, schließlich sind Sommerferien und das Wochenende ist noch ein paar Tage weg.

Für die Großhändler ist die Arbeit aber stressig und bedeutet immer ein finanzielles Risiko, erzählt Lensch. »Es ist ein hartes Geschäft, jeden Tag wird aufs Neue kalkuliert und gerechnet.« Die Branche habe sich längst verändert: Große Ketten wie Aldi oder Lidl kauften schon lange nicht mehr auf dem Großmarkt, sondern ließen sich direkt beliefern von Erzeugern. Lensch holt sich einen Kaffee. Was essen wird er nicht, ihm fehlt die Zeit, wenn ein Kunde nach dem anderen aufschlägt. Die Kantine auf dem Großmarkt ist schon lange dicht.

Boomendes Geschäft

Die Corona-Pandemie hat sein Unternehmen bislang sehr gut überstanden. »Die Geschäfte boomten«, sagt Lensch. Die Leute hätten beispielsweise viel mehr zu Hause gekocht, auf Wochenmärkten eingekauft, niemand fuhr in Urlaub. Andere Händler auf dem Großmarkt, die zuvor vor allem die Gastronomie belieferten, habe es da angesichts geschlossener Restaurants und damit ausbleibendender Bestellungen viel härter getroffen.

Müde ist Lensch aber dennoch, nicht nur in dieser Nacht, sondern generell. »Der Schlafrhythmus geht auf die Gesundheit«, sagt er. So viele Abende habe er nicht mit Freunden essen gehen können und in den letzten 30 Jahren »vielleicht dreimal »Tatort« gesehen«. Ende des Jahres ist Schluss. Lensch zieht nach Spanien. »Mal sehen, wie es läuft«, sagt er. »Vielleicht vermisse ich die Arbeit dann ja doch.«

Hintergrund: Großmarkt Stuttgart

Im Vergleich zum Großmarkt Stuttgart, dem größten Baden-Württembergs, ist der Karlsruher Großmarkt ein Zwerg. Auf dem Stuttgarter Gelände sind eigenen Angaben zufolge etwa 225 Firmen und Anbieter vertreten. Rund 450 000 Tonnen Waren werden pro Jahr dort umgeschlagen und etwa 600 Millionen Euro Umsatz gemacht. Für Karlsruhe werden solche Zahlen nicht erfasst. (dpa)

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