Appell: Schon jetzt fürs Alter vorsorgen

Alterswandel: Ehemaliger Demografiebeauftragter sieht hohen Pflegekräftemangel für Babyboomer im Kreis

Wertheim
3 Min.

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Der frühere Demografiebeauftragte des Landes Baden-Württemberg rief die Generation der Babyboomer in Wertheim dazu auf, schon jetzt für das eigene Alter Vorsorge zu treffen. Foto: Gunter Fritsch
Foto: Gunter Fritsch
Der ehe­ma­li­ge De­mo­gra­fie­be­auf­trag­te der Lan­des­re­gie­rung Ba­den-Würt­tem­berg, Th­ad­däus Kunz­mann, hat am Di­ens­tag ei­nen ein­dring­li­chen Ap­pell in Wert­heim an die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge ge­rich­tet, sich be­reits jetzt selbst um ih­re Zu­kunft im Al­ter zu küm­mern, wenn sie nicht mehr so fit sind und auf Pf­le­ge an­ge­wie­sen sein soll­ten.

Anhand von umfangreichen Statistiken zeigte Kunzmann auch am Beispiel Wertheim, wie die zu Beginn der 1960er Jahre geborenen Menschen in den kommenden Jahren einen immer größeren Anteil der Bevölkerung ausmachen werden. Diese Gruppe könnte dann nicht mehr darauf vertrauen, dass es noch genügend junge Menschen geben werde, die sich - etwa in der häuslichen Pflege - um sie kümmerten, sagte er bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Wertheimer Seniorenbeirats.

»Die geburtenstarken Jahrgänge müssen sich zu allererst selbst helfen«, lautete deshalb Kunzmanns Aufruf an die Generation der Babyboomer, bereits jetzt Vorsorge zu betreiben, um im hohen Alter jenseits der 80 Jahre nicht auf die dann seinen Prognosen zufolge fehlenden Pflegekräfte angewiesen zu sein. Die pflegerische Versorgung leide bereits heute unter dem Fachkräftemangel. »Bis 2030 fehlen alleine in Baden-Württemberg rund 40.000 Pflegekräfte«, sieht er derzeit keine politischen Initiativen, diesen Pflegekräftemangel »nachhaltig« zu beheben.

Dabei sieht Thaddäus Kunzmann vor allem sechs Handlungsfelder, auf denen die in den Jahren 1960 bis 1964 Geborenen bereits heute aktiv werden sollten, um einen lebenswerten Lebensabend zu verbringen. So belegten Umfragen etwa, dass die meisten Menschen planten, im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung alt zu werden. Deshalb müsse man sich schon jetzt die Frage stellen, ob dies auch möglich sei, wenn man ein Gebrechen habe. Kunzmann kritisierte, dass das Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zum altersgerechten Umbau von Wohnungen bereits heute »heillos unterfinanziert« sei. Auch mangele es in vielen Regionen an Fachberatern, die bei einem solchen Umbau Hilfestellung leisteten.

Mobilität ist Lebensqualität

Untrennbar mit dem Wohnort verbunden ist auch die Versorgung vor Ort. »Die Stärkung der innerörtlichen Nahversorgung für die Produkte des täglichen Lebens« sei deshalb wichtiger denn je, schlussfolgerte Kunzmann. Die Mobilität älterer Menschen bleibt auch im hohen Alter ein gewichtiger Faktor für mehr Lebensqualität. Wer nicht mehr seine Wohnung verlassen könne, dem drohe die Alterseinsamkeit. »Nicht mobil zu sein, heißt nicht gesehen zu werden«, so Kunzmann. In diesem Zusammenhang setzt er allerdings darauf, dass sich gerade in der Generation der Babyboomer eine große Zahl von Menschen finde, die sich nach der Berufsphase ehrenamtlich engagierten. Nur so sei auch der zu erwartende Mangel an Ehrenamtskräften in den kommenden Jahrzehnten zumindest ansatzweise auszugleichen.

Umfragen haben ergeben, dass gerade Seniorinnen und Senioren möglichst lange mit dem eigenen Wagen unterwegs sein wollen. Große Busse, wie sie im öffentlichen Nahverkehr in der Regel eingesetzt werden, würden dagegen von älteren Menschen ungern genutzt, die jahrzehntelang beinahe ausschließlich mit dem eigenen Auto unterwegs gewesen seien, zitierte Kunzmann Ergebnisse dieser Befragungen. Für den Nahverkehr bedeute das: Bürgerbusse, Ruftaxis, aber auch Mitfahrgelegenheiten sollten gerade im ländlichen Raum stärker für diesen Personenkreis angeboten werden, um eine höhere Akzeptanz zu erreichen. Zugleich müsse »der öffentliche Raum altersgerecht gestaltet werden«, verwies Kunzmann auf die Rollatorenwege, die die Stadt Wertheim durch die Innenstadt gelegt habe.

Als einen gewichtigen Faktor für ein auch im hohen Alter lebenswertes Leben sieht der ehemalige Demografiebeauftragte den Zugang zu schnellen Internetverbindungen, wie Glasfaser und 5 G-Empfang auf dem Handy.

Gerade auch bei der ärztlichen Versorgung in ländlichen Gegenden werde die Online-Sprechstunde in den kommenden Jahren immer wichtiger, machte Kunzmann an der während der Corona-Pandemie »explosionsartig« gestiegenen Zahl an Ärzten und Psychotherapeuten deutlich, die diesen Service inzwischen anböten.

Hintergrund: Zehn Jahre Seniorenbeirat

Bei einer Festveranstaltung im Arkadensaal feierte der Seniorenbeirat Wertheim am Dienstag sein zehnjähriges Bestehen. Vorsitzender Jürgen Küchler erinnerte i daran, dass der Beirat am 1. März 2012 ebenfalls im Arkadensaal damals von acht Personen gegründet worden sei.

Bei den Wahlen der Mitgliederversammlung des Beirats - er hat derzeit 85 Mitglieder - wurde Jürgen Küchler erneut zum Vorsitzenden gewählt, sein Stellvertreter bleibt Walter Ruf. Wertheim verfügte 2012 über den ersten Seniorenbeirat einer Kommune im Landkreis, erinnerte auch der Vorsitzende des Kreisseniorenbeirats Robert Wenzel.

2018 folgte im Main-Tauber-Kreis die Stadt Freudenberg mit einem eigenen Seniorenbeirat. Jürgen Küchler kritisierte eine Politik, die den Fokus derzeit »stärker auf junge Menschen und Familien« lege und dabei oftmals die ältere Generation vernachlässige. Und dies, obwohl die Zahl der älteren Menschen in Deutschland immer weiter steige. Er nannte als Beispiel etwa die digitale Vergabe von Corona-Impfterminen, bei der man ältere Menschen mit geringen digitalen Erfahrungen komplett vernachlässigt habe. Wichtige Projekte des Seniorenbeirats für die Zukunft sind laut Küchler weitere Fahrspuren für Rollatoren in der Innenstadt, mehr Fahrradwege für den Alltagsradverkehr, ein seniorengerechter Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber auch Hinweisschilder in der Innenstadt auf öffentliche Toiletten. (gufi)

bWer im Seniorenbeirat mitarbeiten, möchte, wendet sich an Jürgen Küchler, E-Mail: juergen.kuechler@gmail.com

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