Alles eben? Eben nicht

Teilhabe: Keine Bordsteine, überall Aufzüge, breite Gehsteige und ebenerdige Zugänge - Der zähe Weg zur Barrierefreiheit

KARLSBAD
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Noch ein weiter Weg zur Barrierefreiheit: Andreas Brandl fährt im SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach in einem Rollstuhl-Parcours mit seinem Rollstuhl über einen Kiesweg. Foto: Uwe Anspach (dpa)
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA), Uwe Anspach

Ein Schotterbett, buckliges Kopfsteinpflaster, eine steile und eine etwas flachere Rampe, Stufen, ein Stück Straßenbahnschienen und Gitterbeton. Letzteres ist ein No-Go für Andreas Brandl und auch die Rampe kann er momentan nur mit Mühe bewältigen. Gerade mal ein paar Wochen erst sitzt der 55-Jährige querschnittsgelähmt im Rollstuhl, in den ihn ein Motorradunfall Mitte Juli zwang. Auf dem »Rolli-Parcours« des SRH-Klinikums in Karlsbad-Langensteinbach (Kreis Karlsruhe) übt er nun, was künftig Alltag sein wird: Fortbewegung ohne die Hilfe seiner Beine, Fortbewegung im Rollstuhl. Und das wird schwer werden - egal wie gut Brandl einmal mit seinem Rolli zurechtkommt.

Denn trotz einiger Fortschritte - mit der Barrierefreiheit in Deutschland und im Südwesten ist es aus Sicht von Menschen mit Behinderung und von Sozialverbänden nicht weit her. »Da ist noch megaviel Luft nach oben«, sagt zum Beispiel Dunja Reichert, die seit 1997 wegen einer Rückenmarksentzündung nach einem Zeckenbiss im Rollstuhl sitzt. Der vor zwei Jahren erst angelegte Parcours in Karlsbad sei zwar eine wunderbare Möglichkeit, sich im Umgang mit dem Rollstuhl zu üben, sagt die 41-Jährige. Gleichzeitig seien die Bedingungen dort nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was frisch Betroffenen wie Brandl bevorsteht, sobald sie aus den oft monatelangen Aufenthalten in Klinik und Reha in ihr Leben zurückkehren.

Endlose Liste

»Wir sind weit entfernt von einer barrierefreien Gesellschaft«, kritisiert Sabine Goetz, Geschäftsführerin des Landesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter Menschen (LSK). »Toilette, Gaststätte, Kino, Arztpraxen, Bahnhöfe, öffentlicher Nahverkehr...«, die Liste ist schier endlos. Verweise darauf, dass die Zahl der auf den Rollstuhl Angewiesenen klein sei im Vergleich zur Gesamtbevölkerung hierzulande - laut Sozialministerium könnten es etwa 40 000 Menschen sein, exakte Zahlen gebe es nicht - seien sehr kurzsichtig: »Wir müssen doch nur auf die demografische Entwicklung schauen! Dann wissen wir, dass Barrierefreiheit sein muss in unserer Gesellschaft.«

Plan wird evaluiert

Generell stehe der Südwesten gut da, meint das Sozialministerium - »aber das heißt nicht, dass es nichts zu verbessern gibt«. Im kommenden Jahr solle ein Landeskompetenzzentrum für Barrierefreiheit errichtet werden. Auch werde derzeit der Landesaktionsplan unter die Lupe genommen und evaluiert. Dieser war erarbeitet worden, nachdem Deutschland sich dazu verpflichtet hatte, die UN-Behindertenrechtskonvention zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung umzusetzen.

Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung (LVKM) gerät bei diesem Stichwort etwas in Rage. »Jedes Mal müssen Menschen erklären, warum sie Teilhabe wollen«, sagt sie. Ein Beispiel sei die angestrebte Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr. »Davon sind wir meilenweit entfernt im Land.«

Das Verkehrsministerium entgegnet, auch im ÖPNV sei schon viel erreicht worden. »Und doch müssen wir feststellen: Es gibt noch viel zu tun, um die vielen Fahrzeuge, Haltestellen und Bahnhöfe umzubauen, die noch nicht barrierefrei sind«, sagt auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Das Land unterstütze die Kommunen dabei.

Auch mit dem Bauen ist es so eine Sache. Nach Einschätzung Betroffener gibt es viel zu viele Ausnahmen und sogenannte »Kann«-Regeln. Und das, obwohl die Landesbauordnung nach Angaben des Wohnungsbauministeriums für Museen, Schwimmbäder oder Behörden eine »Pflicht zur umfassenden Barrierefreiheit« vorsieht. Schildbürgerstreiche gibt es nach Worten Pagel-Steidls zuhauf: barrierefreie Räume, dafür das Klo im Untergeschoss. Fehlende Aufzüge in nagelneuen Aussichtstürmen. Knöpfe im Lift, die zwar niedrig angebracht sind, aber doch so in der Ecke, dass ein im Rollstuhl sitzender Mensch nicht drankommt. »Ich könnte einen ganzen Kabarettabend damit füllen«, sagt die LVKM-Geschäftsführerin.

20 Botschafter

Inzwischen sind im Südwesten rund 20 Botschafter für Barrierefreiheit unterwegs, erzählt Goetz. »Es sollen noch viel mehr werden, wenn das Projekt vom Sozialministerium weiter finanziert wird.« Sie sensibilisieren, beraten, stehen Kommunen zur Seite, wenn es um Barrierefreiheit geht. Verkehrsminister Hermann hat diesbezüglich auch gleich eine Botschaft in Richtung Berlin: »Eine neue Bundesregierung muss Barrierefreiheit mit deutlich mehr Engagement verfolgen als die alte!«

Es stimmt schon, dass inzwischen viel mehr über das Thema gesprochen wird als früher, das sieht Dunja Reichert durchaus. »Aber die Probleme tagtäglich sind vielfach gleichgeblieben.« Mit einer Rampe höre für viele Menschen die Inklusion, also die Teilhabe von Menschen am gesellschaftlichen Leben, schon auf. Dabei fange sie damit gerade erst an.

Hintergrund

» Aber die Probleme

tagtäglich sind vielfach

gleichgeblieben. «

Dunja Reichert, Gehbehinderte

Hintergrund

» Wir sind weit entfernt

von einer

barrierefreien Gesellschaft. «

Sabine Goetz, LSK-Geschäftsführerin

Hintergrund

» Da ist noch megaviel Luft nach oben. «

Dunja Reichert, Gehbehinderte

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!