Was vor 250 Jahren in der Wertheimer Zeitung stand, ist auch heute oft noch Thema

Historische Parallelen

Wertheim
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Das Titelblatt der ersten Zeitung aus Wertheim vom 21. März 1772. Die meisten historischen Ausgaben sind im Stadtarchiv erhalten geblieben.
Foto: Boris Dauber
250 Jah­re sind ei­ne lan­ge Zeit, und doch wei­sen ei­ni­ge The­men, die 1772 in der Wert­hei­mer Lo­kal­zei­tung stan­den, Paral­le­len zu heu­ti­gen Zei­tungs­in­hal­ten auf.

Das Interesse für Klatsch und Tratsch über den Adel, Verbrechen, Lebensmittelpreise und lokale Veranstaltungen scheint sich seit zweieinhalb Jahrhunderten nicht geändert zu haben. Auch damals gab es bereits einen Gebrauchtwagenmarkt, Verbrauchertipps und Wohnungsannoncen. Selbst vor Fake News waren die Wertheimer damals nicht gefeit.

250 Jahre Zeitungstradition: Wir lieben Wertheim
Quelle: Manuela Klebing

Die erste Zeitung, die am 21. März 1772 in der Grafschaft Wertheim veröffentlicht wurde, trug den sperrigen Namen »Wertheimer wöchentliche Anzeigen und Nachrichten zum Nutzen und Vergnügen des Publici«. Das würde heute natürlich keine PR-Abteilung mehr durchwinken. Doch damals wollte Verleger Heinrich Valentin Nehr, der die Druckerei in Wertheim betrieb, wohl alle wichtigen Informationen bereits im Titel stehen haben. Auf nur vier Seiten verschmolzen Anzeigenblättchen, Nachrichtenmedium und Mitteilungsblatt miteinander.

Brot und Fleischpreise gedruckt

Eine wöchentlich wiederkehrende Rubrik beschäftigte sich mit den Brot- und Fleischpreisen. So wussten die Wertheimer immer, wie viel ein sechs Pfund schwerer Laib Schwarzbrot oder das Pfund Schweinefleisch kostet. Heute buhlen Supermärkte und Discounter mit ihren Sonderangeboten um Kunden unter den Lesern, werben für Hackfleisch, Klobürsten und Primeln. Kleine Randbemerkung: Ochsenfleisch war vor 250 Jahren günstiger als Schwein.

Schon damals hielt die Zeitung den Servicegedanken hoch und gab etwa Tipps, wie man Maulwürfe verjagt. Dafür soll klein geschnittener Knoblauch mit Hornspänen und Teufelsdreck aus der Apotheke zusammen mit Harn gekocht werden. Mit Pech oder Ofenruß formt der Maulwurfjäger dann Kugeln und steckt sie in ausgehöhlte Zwiebeln. Diese Stinkbombe soll im Maulwurfshügel versenkt werden. Die Anleitung weist noch darauf hin, dass dies bei Regen geschehen muss. Sonst müsse man einige Tage Wasser oder Sauerkrautsaft in den Maulwurfshaufen schütten.

250 Jahre Zeitung in Wertheim
Foto: Medienhaus Main-Echo
Beliebt bei Lesern: Verbrechen

Aus der Kategorie Ururururururururomas Hausmittelchen stammt folgender Rat aus dem Jahre 1772: Das Kraut Gauchheil hilft gegen den Biss wütender Tiere. Ob es auch gegen die Attacke eines auf Rache sinnenden Maulwurfs hilft, dessen Bau nach einer Mischung aus Zwiebeln, Urin und Knoblauch stinkt, ist allerdings nicht belegt.

Der Maulwurf kann sich nicht vor Gericht gegen rüde Stinkattacken wehren, auch Tierschützer gab es damals noch nicht. Das Interesse an Verbrechen und ihrer Bestrafung lässt sich am Inhalt der historischen Blätter ablesen. Überraschenderweise spielten sich die Fälle, die damals in der Wertheimer Zeitung standen, meist weit von der Grafschaft Wertheim entfernt im Ausland ab. Ob sie sich wirklich so zugetragen haben oder nur der moralischen Erziehung der Untertanen dienten, ist nicht bekannt.

So ist in der Ausgabe vom 18. April 1772 nachzulesen, dass ein Kaufmann in Venedig zwei Tagelöhner des Diebstahls bezichtigte. Daraufhin zwang er einen von ihnen mit vorgehaltener Pistole, ein Stück Eisen aus einem Kessel mit siedendem Wasser zu holen. Wenn er er unschuldig sei, werde das Wasser ihm keinen Schaden antun, soll der Kaufmann gesagt haben. Der »elendiglich an Arm und Hand verbrannte Mann« sei dann noch geschlagen worden. Die Gerichte ließen seinem Peiniger »die wohlverdiente Züchtigung widerfahren«, heißt es weiter. Das liest man natürlich in aktuellen Gerichtsberichten nicht mehr.

Ein anderer Artikel berichtet von einer Frau im französischen Rouen, die in ihrem Haus ermordet wurde. Unter Tatverdacht standen demnach deren 17 und 18 Jahre jungen Töchter. Offenbar fand es der Verleger damals passend, gleich darunter ein Gedicht zu drucken, das ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter wiedergibt. Darin rät die Mutter ihrem Kind, sich nie zu verlieben und ledig zu bleiben. In Kombination könnte die Moral von der Geschicht also lauten: Verheirate dich nicht und kriege keine Kinder, dann lebst du länger. Heutzutage füllen Nachrichten über den Adel unzählige Zeitungsseiten. Seien es die Fehltritte des vom Pinkel- zum Prügelprinz verwandelten Ernst August von Hannover oder die Abnabelung Prinz Harrys von seiner Familie. Auch vor 250 Jahren brachten es Blaublütige auf Fortsetzungsgeschichten in der Wertheimer Zeitung. Zwei Grafen saßen in Kopenhagen im Gefängnis, weil sie sagten, dass der Mensch »eine bloße Maschine ist« und die Existenz der Seele abstritten.

Wertheim, Blick von der Burg im Jahr 1954
Foto: Klaus Eymann

Über mehrere Ausgaben hinweg nimmt der Leser teil an der Läuterung dieser Grafen, von denen einer zugab, dass ihm »Romane das Herz und den Kopf verdorben« hätten. Einen ähnlich schlechten Einfluss auf die Psyche schreibt die Politik heute abwechselnd Filmen, Serien oder Videospielen zu. Am 9. Mai 1772 endet die Artikelserie über die beiden Grafen mit einem Gewaltexzess: Sie verloren zuerst Kopf und Hand und wurden dann gevierteilt, wie es in der Zeitung heißt.

Die Zeitung widmete sich aber auch dem Geschehen in der Grafschaft Wertheim, denn ein Großteil ihres Inhalts bestand aus amtlichen Verlautbarungen. Den Bäckern wurde 1772 verordnet, dass sie ihr Schwarzbrot nicht unbeaufsichtigt und vor 10 Uhr vormittags an Auswärtige verkaufen dürfen. Geldstrafen drohten jedem, der sich nicht daran hielt. Besonders ins Geld ging es, wenn ein Bäcker einem Einheimischen Brot vorenthält, um es dann an Auswärtige zu verkaufen. Von den 50 Gulden Strafe ging ein Drittel an den Denunzianten, dem zudem Anonymität versprochen wurde.

Gebrauchtwagen zu verkaufen

Bereits vor 250 Jahren enthielt das Blatt regionale Immobilienanzeigen: Der Tremhof zwischen Freudenberg und Wertheim war 1773 zu verpachten. Mit 160 Morgen Äcker, 25 Morgen Wiesen, einem neu gebauten Hofhaus, Scheune, Stall und Garten gab es für den neuen Pächter viel zu tun. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt war dagegen nicht so viel Bewegung wie zu heutigen Zeiten. Ein offenbar hoch verschuldeter Fuhrmann bot seinen Wein- und Güterwagen samt Winden und Ketten an. Das Zubehör ist also vorhanden, aber über wie viel Pferde- oder Ochsenstärken das Gefährt verfügt, ob es ein Unfallwagen oder scheckheftgepflegt ist, steht nicht dabei. Einige Ausgaben später werden Wagen und Wohnhaus des armen Fuhrmanns zwangsversteigert.

Mehr Glück hatte offenbar ein Wertheimer, der 1772 beim Glücksrad gewann. Man mag es kaum glauben, aber schon vor 250 Jahren waren in der Wertheimer Zeitung die Lottozahlen abgedruckt. Am 20. Juni 1772 fand sich im Blatt eine Anzeige mit den Gewinnzahlen der Lotterie aus Wiesbaden: 80, 50, 71, 27, 83. Zugegeben, sie taugen nicht wirklich, um sie bei 6 aus 49 nachzutippen.

Kommen wir zum Abschluss noch zu den Fake News der damaligen Zeit: Ein Beitrag preist Äpfel als Heilmittel gegen die Viehseuche an. Es fehlte nur noch, dass in dem Artikel steht: »An apple a day keeps the animal doctor away.« Auf Deutsch: Ein Apfel am Tag hält den Tierarzt fern.

Wirklich zum Haareraufen ist aber ein anderer Tipp aus der Wertheimer Zeitung des Jahrgangs 1772, der bei rothaarigen Kindern zur Anwendung kommen soll. Denn wer rote Haare bei seinem Baby entdeckt, solle diese vom Tag der Geburt an täglich mit einer Mixtur aus Baumöl und einigen Tropfen Muskat oder Zimtöl bestreichen, um »schwarze Haare zu ziehen«. Nicht nur der Pumuckl wäre heute über so viel Herzlosigkeit schockiert.

Hintergrund: Erste Wertheimer Zeitung erschien vor 250 Jahren

Am 21. März 1772 ist in Wertheim die erste Lokalzeitung erschienen. Sie bestand nur aus vier Seiten und diente vor allem dazu, dass die Herrschenden ihren Untertanen in der Grafschaft Wertheim Erlasse mitteilen konnten. Die örtliche Druckerei stellte außerdem Gesang- und Schulbücher sowie Drucksachen für die Regierungen und nachgeordneten Ämter her.

Mit einer modernen Zeitung hatten die Exemplare von vor 250 Jahren einerseits nur wenig gemeinsam, dafür war ihr Nachrichtengehalt zu dünn. Andererseits enthielten sie, wie aktuelle Blätter auch, Anzeigen, Alltagstipps, Veranstaltungsankündigungen und Themen, die heute noch auf Leserinteresse stoßen, wie etwa Gerichtsberichte.

Der Vorläufer der heutigen Wertheimer Zeitung aus dem Medienhaus Main-Echo änderte über die Jahrhunderte mehrmals den Titel: Von Wertheimer wöchentlichen Anzeigen und Nachrichten zum Nutzen und Vergnügen des Publici über Wertheimer Intelligenzblatt und Löwenstein-Wertheimisches gemeinschaftliches Bezirksblatt zu Main- und Tauber-Bote und schließlich Wertheimer Zeitung, um nur einige zu nennen.

Das Wertheimer Stadtarchiv hat den Großteil der historischen Zeitungen seit 1772 gebunden im Magazin. Um die Originale zu schonen, können die Zeitungen auf Mikrofilm betrachtet werden. (dau)

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