Von der Übergangslösung zur Dauerlösung

Flucht und Asyl: Gemeinschaftsunterkunft in Marktheidenfeld weiter voll belegt aber kaum Wechsel

Marktheidenfeld
4 Min.

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Hat alle Hände voll zu tun seit der Corona-Pandemie: Orhan Demircan, Leiter der Marktheidenfelder Gemeinschaftsunterkunft. Die Einrichtung ist nach wie vor voll belegt.
Foto: Bianca Löbbert
Es ist still ge­wor­den um die Ge­mein­schafts­un­ter­kunft (GU) in Markt­hei­den­feld. Erst die Co­ro­na-Pan­de­mie, dann der Krieg in der Ukrai­ne: über sy­ri­sche oder afg­ha­ni­sche Flücht­lin­ge spricht kaum noch je­mand. Und doch läuft der Be­trieb in der Un­ter­brin­gung­s­ein­rich­tung der Re­gie­rung von Un­ter­fran­ken am Markt­hei­den­fel­der Kran­ken­haus auf Hoch­tou­ren wei­ter. Mit der­zeit rund 130 Be­woh­nern ist die Ge­mein­schafts­un­ter­kunft voll be­legt.

Und bereits seit Herbst 2021 kommen laut Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken, wieder vermehrt Flüchtlinge nach Unterfranken - unabhängig vom Ukraine-Krieg.

Erst vor wenigen Tagen ist eine alleinerziehende Bewohnerin mit ihren zwei Kindern aus der Marktheidenfelder GU ausgezogen. Das ist inzwischen eher eine Ausnahme, wie der Leiter der örtlichen Unterkunftsverwaltung Orhan Demircan bestätigt. Die Frau von der Elfenbeinküste hat eine eigene Wohnung im Landkreis gefunden - ein Glücksfall. 24 so genannte "Fehlbeleger" gibt es in der GU Marktheidenfeld. Das bedeutet, der Asylantrag dieser Flüchtlinge ist bereits anerkannt, aber sie finden keine eigene Wohnung.

Wohnraum ist knapp

"Wir können hier wirklich nicht von einer großen Fluktuation sprechen. Der Wohnraum ist knapp. Und wir können keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen, zumindest keine Familien, denn die bräuchten ja eine eigene Wohnung", erklärt Demircan. Alleinstehende Flüchtlinge könnten unter Umständen Glück haben und einen Platz in Marktheidenfeld finden. Sie leben dann gemeinsam als Wohngemeinschaft in einer der Container-Wohneinheiten.

"Das Gute hier ist, dass die Wohnungen eigene Bäder und Küchen haben, nicht so wie in anderen Einrichtungen, wo diese gemeinschaftlich genutzt werden", sagt Demircan. So hätten die Bewohner zumindest ein bisschen das Gefühl eines eigenen Zuhauses, wenn sie schon jahrelang in der GU bleiben müssen. Eigentlich als Übergangslösung gedacht, hat sich die Gemeinschaftsunterkunft inzwischen für viele zu einer Langzeitlösung entwickelt.

Eine große Gemeinschaft

Das hat Vor- und Nachteile, findet der Leiter der Einrichtung. Gerade während der Corona-Pandemie hätten die Bewohner auch von der tatsächlichen Gemeinschaft in der Gemeinschaftsunterkunft profitiert. "Wir haben hier familiäre Strukturen, jeder kennt jeden und man kann sich begegnen und gegenseitig unterstützen. Das hat den Flüchtlingen auch geholfen, relativ gut über die Pandemie hinwegzukommen", sagt Demircan. Besonders in den Zeiten als die ganze Einrichtung unter Quarantäne stand, sei der Zusammenhalt wichtig gewesen.

Für die meisten Flüchtlinge sei auch die Unterstützung der Verwaltung, etwa beim Testen der Kinder, dem Organisieren von Behördengängen und Arztbesuchen während der Kontaktbeschränkungen und allgemein die Vermittlung der Corona-Regelungen immens wichtig gewesen. Für ihn und seine Helfer bedeute das jedoch einen großen Mehraufwand. So hätte man zum Beispiel auch Busse organisiert, mit denen die Flüchtlinge gemeinsam zu ihren Impfterminen gefahren seien.

Pandemie erschwerte Integration

Für die Integration waren die vergangenen beiden Jahre hingegen nicht sehr förderlich. Alle wichtigen Angebote, von der Caritas bis zum Bezirksjugendring seien weggefallen, es gab keine Veranstaltungen. Auch die Vereine, in denen Kinder und Erwachsene hätten Anschluss finden können, hatten ihre Tätigkeit fast komplett eingestellt.

"Schon vor der Pandemie wurde es merklich stiller um die Flüchtlingsarbeit. Während der Pandemie haben sich dann auch immer mehr Ehrenamtliche zurückgezogen", bedauert der Leiter des Hauses. Auch die Caritas sei von einem eigenen Büro, das ein bis zweimal pro Woche in der GU besetzt war, in ein Büro am Busbahnhof umgezogen. Durch die räumliche Distanz nähmen die Bewohner die Angebote häufig nicht mehr so intensiv wahr.

Dennoch gäbe es auch Positives zu berichten: Auf die Jobsuche der Flüchtlinge mit Arbeitserlaubnis hat sich die Pandemie offenbar nicht negativ ausgewirkt. "Einige haben in der Zeit Ausbildungen angefangen, einer macht zum Beispiel eine Schreinerausbildung, manche arbeiten bei Warema oder anderen Firmen in der Region", sagt Demircan.

Wohnung und Arbeit gefunden

Und ab und an, wenn auch seltener als alle drei Monate, komme es auch vor, dass Bewohner nach intensiver Wohnungssuche ausziehen und ein eigenes Leben beginnen. "Ich hatte zum Beispiel einen Mann hier, dessen Familie nachziehen wollte. Schon ein halbes Jahr nach seiner Anerkennung hat er Arbeit und Wohnung in Lohr gefunden. Ihm war klar, dass er seine Familie nicht in die GU, sondern in eine eigene Wohnung holen wollte", sagt Demircan. Viel liege deswegen auch am eigenen Einsatz. "Wer immer weiter sucht und wirklich will, der findet auch irgendwann etwas", so der Hausleiter.

Wie lange er noch die Einrichtung in Marktheidenfeld leiten wird, wisse er derzeit nicht. Der Landkreis Main-Spessart hatte das freie Gelände Am Setzgraben direkt am Parkplatz der Alten- und Krankenpflegeschule, wo sich auch der Hubschrauberlandeplatz des Klinikums befindet, der Regierung von Unterfranken zur Errichtung der Flüchtlingsunterkunft zunächst für drei Jahre zur Pacht zur Verfügung gestellt. Laut Regierung von Unterfranken werden die Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis Main-Spessart auch weiterhin gebraucht. Sie stehen also nicht zur Disposition. Der Pachtvertrag mit dem Landkreis zur GU Marktheidenfeld wurde mittels Nachtrag bis zum 31. Januar 2026 verlängert.

Hintergrund: Asylbewerber in Marktheidenfeld und Unterfranken

In der Gemeinschaftsunterkunft Marktheidenfeld wohnen derzeit rund 130 Personen, die Einrichtung ist damit voll belegt. 24 der Bewohner sind bereits anerkannt, also so genannte Fehlbeleger, da sie eigentlich ausziehen könnten. Die meisten der Flüchtlinge kommen aus Syrien (27), Somalia (26), Afghanistan (23). Ukrainer leben nicht in der Unterkunft.

Von den 130 Bewohnern sind 50 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Überwiegend wohnen in der GU Marktheidenfeld Familien, aber auch zum Teil alleinstehende Männer und Frauen. Im vergangenen Jahr sind wieder vermehrt Asylbewerber für die Anschlussunterbringung nach Unterfranken zugeteilt worden. 2021 waren es insgesamt 2459. Im Vergleich dazu waren es 2020 nur 1022, im Jahr 2019 sogar nur 745. Die meisten sind im Jahr 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise verzeichnet. Hier kamen 8580 Asylbewerber nach Unterfranken.

Zum Stand Ende April 2022 leben in den 41 Gemeinschaftsunterkünften in der Zuständigkeit der Regierung 3366 Flüchtlinge. In den 150 dezentralen Unterkünften in der Zuständigkeit der Landratsämter sind derzeit 2088 Personen untergebracht. Insgesamt sind das in Unterfranken 5454, davon sind 1160 anerkannte Fehlbeleger. Zusammen mit den staatlichen Anker-Einrichtungen zur Erstaufnahme leben in Unterfranken derzeit rund 6560 Asylbewerber in den staatlichen und dezentralen Unterkünften. Das sind 1660 mehr als zum Jahresanfang 2021. Im Vergleich zum Jahresanfang 2020 sind dies 1560 mehr, im Vergleich zum Jahresanfang 2018 sind dies rund 1175 weniger, und im Vergleich zum Jahresanfang 2017 sogar 4664 Asylbewerber weniger. (bil)

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