Wie Musikerin Sarah Straub als Psychologin mit Demenzkranken arbeitet

Warum die Erkrankung an Schrecken verlieren sollte

Marktheidenfeld
4 Min.

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Sarah Straub ist Musikerin und arbeitet als Psychologin mit Demenzkranken und deren Angehörigen. Mit ihrem neuen Album »Tacheles« kommt sie für ein Konzert nach Marktheidenfeld.Foto: Thomas Melcher Bildunterschrift 2022-08-01 --> Sarah Straub ist Musikerin und arbeitet als Psychologin mit Demenzkranken und deren Angehörigen. Mit ihrem neuen Album »Tacheles« ist sie für ein Konzert nach Marktheidenfeld gekommen. Foto: Thomas Melcher
Foto: ThomasMelcher.de
Sa­rah St­raub lebt in ver­schie­de­nen Wel­ten. Zwei­ein­halb Ta­ge pro Wo­che ar­bei­tet sie als Psy­cho­lo­gin an der Unik­li­nik in Ulm mit De­menz-Pa­ti­en­tin­nen und -Pa­ti­en­ten, den Rest der Wo­che tourt sie als Mu­si­ke­rin von Büh­ne zu Büh­ne.

Die Musik zum Beruf zu machen, sei immer ihr Traum gewesen - das Psychologie-Studium nur Plan B, sagt die 36-Jährige. Bis ihre Großmutter schwer an Demenz erkrankte. »Ich habe mich als pflegende Angehörige oft sehr überfordert gefühlt und so irgendwann den Wunsch entwickelt, mehr zu erfahren - über die Demenz und darüber, wie ich anderen in dieser Situation helfen kann«, sagt sie.

Heute vereint Sarah Straub beides. Sie tourt als Musikerin, textet ihre eigenen Lieder und berät Angehörige von an Demenz Erkrankten in ihrer Gedächtnis-Sprechstunde. Die Corona-Zeit nutzte sie auch, um ihre persönlichen Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten. »Wie meine Großmutter ihr Ich verlor«, heißt der Demenz-Ratgeber. Mit ihrem neuen Album »Tacheles« kam Straub am Samstag, 30. Juli, für ein Konzert nach Marktheidenfeld - und hat starke Botschaften im Gepäck.

Frau Straub, kreatives Musikerinnen-Dasein einerseits, psychologische Forschung andererseits - ich kann mir vorstellen, dass das für viele widersprüchlich wirkt. Wie sehen Sie das?

Das nehme ich überhaupt nicht so wahr. Meine Intention als Musikerin ist es, Menschen glücklich zu machen, sie mit meiner Musik aus Ihrem Alltag zu holen und Wohlfühl-Momente zu schaffen. Das mache ich in der Klinik ehrlich gesagt auch. Ich möchte, dass die Menschen, die zu mir in die Gedächtnis-Sprechstunde kommen, sich aufgehoben und verstanden fühlen - die Forschung läuft für mich nebenher. Ich arbeite in der Forschung, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir ohne gute Forschung nicht weiterkommen, aber mit meinem Herz hänge ich an den Menschen, nicht an der Forschung. Meine Arbeit als Psychologin und Musikerin ist für mich deshalb ein ziemlich homogenes Ganzes.

Das heißt, es gibt viele Überschneidungen zwischen der Musik und Ihrer Arbeit in der Klinik?

In der Tat kann gerade Musik bei Demenz eine ganz intensive Funktion haben. Selbst wenn das Gehirn schon schwer krank ist und viele Hirnregionen betroffen sind, ist Musik nicht von der Demenz betroffen. Viele Menschen können sich dann über ein Lieblingslied wieder an ihre Biografie erinnern und Wohlfühl-Momente erleben. Das ist für alle Beteiligten wahnsinnig wertvoll, wo man doch im Alltag so viel Zeit verbringt, in der man traurig ist, weil der Mensch, den man liebt, nicht mehr da ist. Vermeintlich nicht mehr da ist. Aber man darf natürlich auch keine Wunder erwarten.

Generell habe ich inzwischen viele schöne Möglichkeiten, beide Welten miteinander zu verbinden. Ich spreche auch auf meinen Konzerten über das Thema, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Leute dankbar sind, wenn man offen darüber spricht. Es betrifft so viele, deshalb müssen wir Demenz enttabuisieren und in die Mitte der Gesellschaft holen. Ich finde es toll, dass ich die Öffentlichkeit, die ich durch die Musik habe, auch dafür nutzen kann.

Glauben Sie, dass allgemein zu wenig über Demenz gesprochen wird?

Absolut. Demenz ist nach wie vor ein Tabu. Die Menschen haben Angst davor, sich damit auseinanderzusetzen, was ich vollkommen verstehen kann. Aber rein statistisch betrachtet ist jeder Zweite irgendwann in seinem Leben einmal von Demenz betroffen, ob selbst als Patient oder als Angehöriger. Eine Demenzerkrankung gehört also einfach zu unserer Lebensrealität und wir sollten uns frühzeitig damit auseinandersetzen. Auch, wenn es schwer ist. Wenn wir begreifen, dass diese Erkrankung nicht der große Horror ist, für den wir alle sie halten, dann hoffe ich, dass wir es schaffen, offener damit umzugehen.

Was würden Sie sich denn konkret für den Umgang mit Demenz-Patientinnen und -Patienten wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen begreifen, dass kognitive Beeinträchtigungen nicht bedeuten, dass derjenige nichts mehr kann. Natürlich ist eine Demenzerkrankung in den meisten Fällen fortschreitend, aber die Menschen fallen nicht von jetzt auf gleich aus dem Leben raus. Wir müssen diesen Menschen die Möglichkeit geben, in unserer gesellschaftlichen Mitte zu bleiben und am normalen Leben teilzunehmen. Wir brauchen in der Allgemeinbevölkerung mehr Wissen über die Erkrankung, damit wir mit Betroffenen so umgehen können, dass auch sie sich wohlfühlen.

In Ihrem Ratgeber »Wie meine Großmutter ihr Ich verlor« geben Sie Angehörigen von an Demenz Erkrankten Ratschläge für den Umgang mit der Krankheit. Was hätten Sie damals vielleicht selbst gerne gewusst?

Oh, da gibt es ganz viel. Ich wusste damals zum Beispiel nicht, dass es ganz unterschiedliche Formen von Demenz gibt, die mit unterschiedlichen Symptomen einhergehen und dadurch auch unterschiedlich verlaufen. Ich hätte gerne gewusst, dass es nicht nur den Hausarzt und vielleicht noch den Neurologen gibt, sondern zum Beispiel auch spezialisierte Gedächtnisambulanzen, in denen man eine differenzierte Demenzabklärung erhalten und sich genau aufklären lassen kann, um die richtige Therapie zu finden. Viele glauben, dass man bei Demenz nichts machen könnte, aber das stimmt nicht. Wir können zwar medikamentös noch nicht heilen, aber durch nicht-medikamentöse Therapieformen können wir sehr wohl den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Betroffenen stabilisieren. Das sind alles Dinge, die mir damals niemand gesagt hat. Deswegen habe ich in meinem Buch einfach alles aufgeschrieben, von dem ich denke, dass es sinnvoll und hilfreich sein könnte.

Bringen Sie Ihre Erfahrungen mit der Demenz auch in Ihre Lieder mit ein?

Natürlich. Ich schreibe meine Lieder eigentlich immer aus persönlichen Erfahrungen oder Emotionen heraus. Das Lied »Schwalben«, das ich auf dem Album »Tacheles« mit Konstantin Wecker zusammen singe, habe ich zum Beispiel als eine Hommage an pflegende Angehörige geschrieben. Einfach, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, wenn man jemanden liebt und ihn langsam gehen lassen muss.

Das ist wie eine vorweggenommene Trauer. Man verliert den Partner oder wie ich die Oma, während sie eigentlich noch neben mir sitzt. Das ist schwer auszuhalten. Deswegen möchte ich mit diesem Lied allen pflegenden Angehörigen Dankeschön sagen, dass sie sich kümmern. Das ist ein schwerer Job und sie bekommen dafür zu wenig Öffentlichkeit und manchmal auch zu wenig Unterstützung. Dieses Lied soll ihnen einfach ein Gesicht geben.

Hintergrund

Sarah Straub ist Musikerin und arbeitet als Psychologin mit Demenzkranken und deren Angehörigen. Mit ihrem neuen Album »Tacheles« ist sie für ein Konzert nach Marktheidenfeld gekommen. Foto:

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