Schülergruppe engagiert sich für neue Stolpersteine in Gemünden

Angehörige des ermordeten Arthur Kahn und dessen fünfjährigem Neffen reisten zur Verlegung nach Gemünden

Gemünden a.Main
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Die zwei neuen Stolpersteine in Gemünden erinnern an die beiden ermordeten Gemündener Juden Arthur Kahn und Nathan Weinberg. Der Stolperstein für Nathans Mutter Fanny war bereits im Jahr 2009 verlegt worden.
Foto: Jennifer Weidle
Die Angehörigen des ermordeten jüdischen Studenten Arthur Kahn danken dem Künstler Gunter Demnig, der die beiden Stolpersteine in Gemünden verlegt hat. Das Smartphone war immer präsent: So nahmen Familienmitglieder, die nicht anreisen konnten, über Videokonferenz teil.
Foto: Jennifer Weidle
Der Künstler Gunter Demnig hat die beiden neuen Stolpersteine am Mittwoch in Gemünden verlegt.
Foto: Jennifer Weidle
Die Angehörigen des im Alter von 21 Jahren ermordeten Studenten Arthur Kahn, sind zur Stolpersteinverlegung aus den USA und Israel nach Gemünden gekommen.
Foto: Jasna Blaic
Die Krass-Gruppe des Friedrich-List-Gymnasiums hat sich für die Verlegung der neuen Stolpersteine stark gemacht.
Foto: Jennifer Weidle
Zeit und Ei­fer hat es ge­braucht, um ein wei­te­res Zei­chen ge­gen Hass, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus in Ge­mün­den zu set­zen. Zu der Ver­le­gung zwei­er Stol­per­stei­ne wa­ren 15 Mit­g­lie­der der Fa­mi­lie des 1933 in Dachau er­schos­se­nen jü­di­schen Stu­den­ten Ar­thur Kahn und sei­nes fünf­jäh­ri­gen Nef­fen Nat­han Wein­berg an­ge­reist. Sie ka­men aus den USA und Is­ra­el. Oh­ne das En­ga­ge­ment ei­ner Schü­l­er­grup­pe wür­de es die­se Stei­ne heu­te nicht ge­ben.

"Arthur Kahn schlug damals den gleichen Weg ein wie wir heute: Er ging nach Würzburg zum Studieren. Wir fühlen uns mit ihm verbunden." Nach diesem Satz der Schülerinnen und Schüler der KRASS-Gruppe (Klub Rassismus ablehnender Schülerschaft) des Friedrich-List-Gymnasiums (FLG) war die Vergangenheit plötzlich sehr präsent für die 80 Anwesenden, die am vergangenen Mittwoch zur Verlegung gekommen waren. Die kleinen Messingplatten im Pflaster erinnern nun an zwei weitere Gemündener Bürger, die im Nationalsozialismus ermordet wurden. "Die Stolpersteine sollen die Erinnerungskultur wach halten", sagte Gemündens erster Bürgermeister Jürgen Lippert.

Der Künstler Gunter Demnig hat die Steine nun nachverlegt, obwohl er 2009 bereits neun Steine setzte. Dazu trug die KRASS-Gruppe unter der Leitung von Lehrer Jürgen Endres maßgeblich bei. Im Schuljahr 2014/15 startete am FLG das Projekt "Stolperstein". Ziel: die Gestaltung des Flyers "Wir wollen erinnern", um Gemündens Nazi-Opfer zu gedenken. Durch Zufall führte dieser Flyer auf die Spur der in aller Welt zerstreuten Familie der Ermordeten.

Die 29-jährige Mattie Kahn wohnt in New York. "Ich war 2018 nach Gemünden gekommen, um mehr über das Leben meines Großonkels zu erfahren", berichtete sie. In der Touristeninformation dann der entscheidende Moment: das Foto ihres Großonkels Arthur springt ihr ins Auge - auf dem Flyer der KRASS-Gruppe. "Es war ein wahnsinnig emotionaler Moment", erzählt sich Jasna Blaic, Leiterin der Touristinformation in Gemünden.

Blaic erklärt, warum für Arthur Kahn im Jahr 2009 kein Stein gesetzt wurde: Demnig verlegt diese am letzten frei gewählten Wohnort des Opfers. Arthur Kahn jedoch war als Student in Würzburg gemeldet. An dieser Stelle war der Kontakt zu Mattie Kahn das entscheidende Puzzleteil: Ihr Großonkel Lothar Kahn, Bruder des ermordeten Arthur Kahn, lebt heute als letzter überlebender Zeuge in Chicago. Er bestätigte, dass Arthur zwar in Würzburg gemeldet war, jedoch bei seiner Familie in Gemünden lebte.

Dies markierte den entscheidende Wendepunkt für Arthurs Stolpersteins, der als nur 21-jähriger Student und als einer der ersten Juden in der Region sterben musste. Er starb zu einer Zeit, als die Verfolgung und Ermordung von Juden noch illegal war.

Warum der Stein für den fünfjährigen Nathan Weinberg im Jahr 2009 nicht zusammen mit dem seiner Mutter Fanny verlegt wurde, wisse man nicht, sagte Blaic. Sie vermutet, dass man in den Archiven nur nach Erwachsenen gesucht habe. Die Mitglieder von KRASS forschten jedoch auch nach dem kleinen Jungen. Die Spur führte sie zu Gedichten von Felice Kahn Zisken, der Nichte von Arthur. In ihren Werken erzählt sie auch von dem kleinen Nathan. Einige ihrer Gedichte trug sie bei der Zeremonie am Mittwoch vor.

Der angereiste Timothy W. Ryback, Autor und Mitbegründer des Instituts für Historische Gerechtigkeit und Versöhnung in Den Haag, lobte das Stolperstein-Projekt des Künstlers Demnig mit den Worten: "Die Deutschen machen es richtig. Es ist so brillant in seiner Einfachheit." Die Steine überwältigten eine Stadt nicht, so Ryback, sondern seien eine ständige und unaufdringliche Erinnerung.

Er hob auch das Engagement der Schülerinnen und Schüler als "bemerkenswerte Leistung" hervor. Das Erstaunliche war, dass Ryback bereits eine Biografie über Arthur Kahn veröffentlicht hatte - letzter Wohnort: Würzburg. Die Schüler korrigierten den Experten: Arthur Kahn habe zuletzt in Gemünden gewohnt. "Diesen Anruf werde ich nie vergessen", sagte Ryback.

Auch Bürgermeister Lippert lobte deren Engagement als vorbildlich. Gerade in Zeiten des wieder zunehmenden Antisemitismus sei es wichtig, sich an die grausamen und menschenverachtenden Verbrechen der Nazis zu erinnern. Er lud einige der Anwesenden nach der Veranstaltung zu einem Nachmittagtee in das Hotel Koppen ein. Dort wurden die Gäste mit koscheren Speisen, darunter Torten einer Bad Kissinger Konditorei, bewirtet. Blaic hatte diese persönlich abgeholt, eine Mühe, die sie gerne auf sich genommen habe. "Es ist uns eine Ehre und wir freuen uns sehr, dass die Familie hier ist", betonte Blaic.

Bei der Veranstaltung zeichnete die KRASS-Gruppe das Leben der beiden Ermordeten nach - auf Deutsch und Englisch. "Das war ihnen sehr wichtig", sagte Lehrer Jürgen Endres. Die Schhüler wollten der Familie das Gefühl geben, dass sie in Gemünden willkommen sei. Die anwesenden Schüler betonten auch, dass der Dank nicht ihnen allein gelte, sondern der kompletten KRASS-Gruppe - heute etwa 45 Personen, darunter auch ehemalige Gymnasiasten. Als der Chor des FLG ein Lied auf hebräisch sang, sah man an den zunehmend glänzenden Augen, wie gerührt die Kahns waren.

Die anwesenden Schüler zeigten sich indes bescheiden, ob des vielen Lobes. Es sei ein schönes Gefühl, dass alle heute zusammenkommen konnten, meinte eine Schülerin. Der 67-jährige Moshe Kahn, Arthurs Neffe, sagte, das Erstaunlichste seien diese Kids, mit ihrem Mut, in die Vergangenheit einzutauchen. "Die Leute heute müssen verstehen, zu welchen Taten die Menschheit fähig ist. So etwas kann jederzeit wieder passieren", sagte Moshe Kahn.

Doria Kahn (23), Studentin in New York
Doria Kahn studiert in New York.
Foto: Jennifer Weidle

"Ich bin überwältigt, nun mit eigenen Augen zu sehen, was mein Großvater und Großonkel mit ihren Augen gesehen haben. Dabei denke ich an das Leben, dass unsere Familie geführt haben könnte. Gemünden ist so klein und nun sind wir in der ganzen Welt zerstreut. Ich gehöre der letzten Generation an, die Überlebende des Holocaust persönlich kennen wird. Wir müssen jetzt Zeugen sein, damit wir deren Geschichte erzählen können. Diese Steine helfen dabei. Menschen werden sie sehen und danach fragen. Ob es heute noch relevant ist, nach so vielen Jahren? Ja, mein Großonkel Arthur ist schon immer ein Teil unseres Lebens - ich denke jeden Tag an ihn."

Mattie Kahn (29), Journalistin in New York
Mattie Kahn ist Journalistin in New York.
Foto: Jennifer Weidle

"Wenn man an den Holocaust denkt, hat man die sechs Millionen ermordeter Menschen im Kopf. Die Steine jedoch heben den Einzelnen als Individuum hervor. Die Idee, dass die Erinnerung so weiterlebt und dass ich dabei geholfen habe, gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn ich mir diese große Familie ansehe, bin ich dankbar, dass wir uns alle erinnern - Arthurs Stein ist für mich wie ein Anker. Ich bin auch glücklich, dass fast alle kommen konnten; vor allem da das Reisen gerade nicht einfach ist. Die Schülerinnen und Schüler haben mich sehr beeindruckt."

Moshe Kahn (67), Selbstständiger aus Chicago
Moshe Kahn kam aus Chicago angereist.
Foto: Jennifer Weidle

"Mein Vater ist der einzige heute Überlebende des Holocaust unserer Familie. Ich erinnere mich, ich muss ein Teenager gewesen sein, wie meine Großmutter meinen Vater zurückhielt, als er uns von früher erzählen wollte. Zu schmerzvoll war die Erinnerung für sie. Doch er sagte: "Nein, ich werde es ihnen erzählen!" Das Erstaunlichste für mich heute waren diese Kids, die so interessiert waren, die die Gefahr erkennen und dagegen aufstehen. Das kenne ich so nicht, denn amerikanische Kinder investieren nur in sich selbst. Meine Gefühle für Deutschland sind ambivalent. Mein Vater sagte, für ihn sei es okay, wenn ich reise. Aber es gibt viele, die nicht zurückkommen würden."

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