Schneewittchen stammt aus Indien

Puppenspiel: Friedel Liedhegener hat eigene Version des Märchens ersonnen - Mit Spessarter Lokalkolorit

Partenstein
3 Min.

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Aufwendig gewandet: Friedel Liedhegener, der Direktor der Lohrer Puppenbühne, zeigt zwei seiner Marionetten. Sie verkörpern in seiner indischen Version des Schneewittchens die Guten, nämlich die leiblichen Eltern Himgaurys. Foto: Annette Helfmann
Foto: AnnetteHelfmann
Schnee­witt­chen stammt aus In­di­en und heißt Him­gau­ry - zu­min­dest in der Er­zäh­lung von Frie­del Lied­he­ge­ner. Der 71-Jäh­ri­ge ist Grün­der und Di­rek­tor der Loh­rer Pup­pen­büh­ne. Au­ßer­dem ist er Kin­der­buch­au­tor, Dich­ter und Den­ker, Lie­der­ma­cher, Ver­fas­ser von Rei­se­be­rich­ten, Di­p­lo­min­ge­nieur im Ru­he­stand, Pri­vat­do­zent. Kurz: Er ist un­glaub­lich krea­tiv.
Liedhegener hat das Schneewittchenthema als Theaterstück für die Mitmach-Puppenbühne humorvoll aufgearbeitet. Denn »das kann man doch nur noch mit Humor nehmen«, kommentiert er die jahrelangen Diskussionen um das Lohrer Wahrzeichen. »Himgaury« heißt das Schneewittchen in seiner Fassung, die in Indien spielt. Dorthin hat er das Geschehen verlagert, um das Groteske aufzugreifen. »Das entschärft die Debatte um Schneewittchen«, ist der 71-Jährige überzeugt.
Parallelen zu Lohrer Personen
Obwohl Handlung und die Figuren in Indien angesiedelt sind, fließt einiges an Spessarter Lokalkolorit in das Stück ein. In der Erzählung sind Parallelen zu Lohrer Persönlichkeiten zu erkennen. Liedhegener, der in den 1970er-Jahren die Lohrer Puppenbühne gegründet hat, brachte die Puppen dafür von seinen Reisen nach Radjastan mit. 20 Jahre lang spielte er auf dem Lohrer Stadtfest seine Stücke, die wiederum in Indien und Persien verortet sind.
Die Idee für die indische Version des Schneewittchens kam ihm 2012. Kurzerhand schrieb er seine Fassung nieder. Auch darin wird dem Königspaar ein Kind geboren: die schöne Himgaury. Nach dem Tod der Mutter sucht sich der Vater eine neue Gemahlin und findet gleich zwei. Die eine ist reich, die andere schön. Und weil er sich nicht entscheiden kann und zum Glück Muslim ist, nimmt er beide zur Frau.
Zwei Frauen - ein Problem
So hat er beides - Reichtum und Schönheit an seiner Seite. Was beiden aber fehlt, ist die Herzenswärme und die Liebe. Sie verbünden sich gegen Schneewittchen, um es von einem Helfershelfer um die Ecke bringen zu lassen. Dieser führt sein Werk auch in Liedhegeners Interpretation des Märchens nur halb aus. Anders als in der Grimmschen Fassung stirbt der Handlanger der Bösen jedoch einen grausamen Tod: Er wird von einem Krokodil gefressen.
Unterdessen macht sich Himgaury auf den Weg und trifft - nein, nicht auf die sieben Zwerge - auf zwei bengalische Bergleute, die außen rabenschwarz vor Dreck sind. Dieser Dreck auf der Haut wird im Laufe des Märchens noch wichtig.
Natürlich erfahren die bösen Stiefmütter vom sprechenden Spiegel, dass Himgaury Unterschlupf gefunden hat. Deshalb schicken sie ihr einen Boten, um ihr eine wohlduftende, aber vergiftete Seife zu schenken. Himgaury denkt sich: »Prima, damit krieg ich die Jungs sauber« und packt sie nach Feierabend in die Wanne, um sie zu schrubben. Die Seife tut ihre Wirkung. Die Bergleute sind so sauber, dass sie plötzlich weiß sind.
Mordsmäßige Fehlschläge
Als die Stiefmütter von ihrem Fehlschlag erfahren, ersinnen sie einen neuen Plan und lassen Himgaury durch einen Apotheker ein feines, abermals vergiftetes, Shampoo bringen. Das schöne Mädchen freut sich, weil sie die Haare ihrer zwei Bekannten noch nicht gewaschen hat. Nach der Haarwäsche entsteigen die Bengalen der Wanne deutlich geschrumpft. Und siehe da, plötzlich sind sie Schneewittchens Zwerge. Die bengalischen Bergleute freuen sich über die Schrumpfkur, denn nun müssen sie endlich keine so großen Stollen mehr graben.
Der Apotheker verliebt sich spontan in die schöne Himgaury und nimmt sie mit nach Lohr. Die zwei Zwerge nimmt das Mädchen mit. Des Apothekers allerdings wird sie bald überdrüssig und heiratet stattdessen einen Adeligen aus dem Hause Erthal. Gemeinsam leben sie im Lohrer Stadtschloss.
Zwerge gründen Gemeinden
Die Zwerge konvertieren in der Zwischenzeit: Der katholische zieht nach Frammersbach und der evangelische nach Partenstein. So erklärt sich laut Liedhegeners Stück die Gründung dieser beiden Gemeinden. Den Lohrer Spiegel hat man Jahre später auf dem Sperrmüll gefunden. Jetzt hängt er im Lohrer Schloss und sagt jedem, der sie hören will, die Wahrheit.
Liedhegener hat sein Stück bereits ein paarmal aufgeführt. Wer es noch nicht gesehen hat, kann das aller Voraussicht nach auf dem diesjährigen Lohrer Stadtfest nachholen. Ein Termin für die Aufführung steht noch nicht fest.
bMehr über Friedel Liedhegener im Internet: www.der-schreibtisch-im-spessart.de und www.kreidler-giessen.de.
Annette Helfmann
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