Samuel Selig war 1862 der Erste

Jüdische Gemeinde: Vor 150 Jahren durfte der Kaufmann von Steinbach nach Lohr ziehen - 50 Jahre Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Lohr
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1862 kam Sa­mu­el Se­lig als ers­ter Ju­de von Stein­bach nach Lohr, um sein Ge­schäft in der Lohr­tor­stra­ße zu er­öff­nen. Ihm folg­ten wei­te­re, die sich in Lohr nie­der­lie­ßen. Zur Wo­che der Brü­der­lich­keit bli­cken wir zu­rück auf die Ge­schich­te der jü­di­schen Ge­mein­de Lohr, die kaum acht Jahr­zehn­te währ­te, bis sie in der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit jäh en­de­te.
Alle jüdischen Mitbürger verließen Lohr und suchten, soweit sie den Schergen des Nationalsozialismus entkommen waren, in Amerika oder anderswo Zuflucht.
Am 2. Februar 1962 gründete sich die »Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken«, um trotz der Wunden der Vergangenheit Wege für eine gemeinsame Zukunft zu suchen. Der Lohrer Landrat Rudolf Balles schloss sich dem Kuratorium an, wie das Lohrer Echo am 10. März 1962 berichtete. Es sollte nicht untergehen, dass die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde in Lohr, über Jahrzehnte in Eintracht mit der Lohrer Bevölkerung gelebt hatten, bis die Nazis Hass und Zwietracht im Lande säten.
Ansiedlung untersagt
Nach dem Aussterben der Grafen von Rieneck war den Juden ab 1572 im Erzbistum Mainz die Ansiedlung in Lohr untersagt. Erst nach Aufhebung des Judenedikts von 1813 im Jahre 1861 fiel dieses Verbot. Ganz anders war die Einstellung zu Juden im Hochstift Würzburg, zu dem auch Steinbach gehörte. Mit dem Übergang Steinbachs an die Linie Hutten-Stolzenberg konnte sich dort am Ortsrand im 1760 erbauten Judenhof eine kleine Judengemeinde entwickeln. Sechs bis acht Familien lebten in sehr beengten Verhältnissen als sogenannte Schutzjuden.
Zuzug nach Lohr erkämpft
Die Steinbacher Juden lebten in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Bessere Lebensbedingungen versprachen sie sich durch eine Umsiedlung nach Lohr, die nach den königlich bayerischen Gesetzen von 1861 grundsätzlich möglich wurde. Doch die Bevölkerung Lohrs, noch geprägt vom Verbot aus Kurmainzer Zeit, wehrte sich dagegen.
Als Samuel Selig Hajum aus Steinbach das Haus des Vergolders Joseph Carl Bock jun. an der Ecke Hauptstraße/Lohrtorgasse 1862 erwarb, um dort ein Geschäft mit »Tuch-, Manufacturwaaren und Victualien« einzurichten, wandten sich die Lohrer Geschäftsleute mit einem elfseitigen Brief gegen die Übersiedlung des Kaufmanns israelitischen Glaubens aus Steinbach und die erbetene Konzession zum »Schnittwarenhandel«.
Sie fürchteten die neue Konkurrenz und wurden in ihrer Argumentation durch den Stadtmagistrat und den Armenpflegschaftsrat unterstützt. Doch Selig wehrte sich mit einem Anwalt bei der königlichen Regierung und siegte. So kam es zum ersten jüdischen Lohrer Kaufhaus. 1863 wurde Selig dann auch das Bürgerrecht zugesprochen.
Damit war das Eis gebrochen. Noch im selben Jahr kaufte Baruch Hirsch Baumann aus Heßdorf ein Anwesen in der Turmstraße, um darin nach einem größeren Umbau im folgenden Jahr ein modernes Kaufhaus zu betreiben. Den beiden jüdischen Kaufleuten folgten weitere Geschäftsleute wie Rothschild, Markus, Strauß, Stern oder Kahn. Drei Jahre später lebten schon sieben Familien in Lohr. So wuchs die Zahl der jüdischen Mitbürger stetig: 1867: 37, 1871: 41, 1890: 46, 1900: 91.
1867 eigene Kultusgemeinde
1867 kam es zur Errichtung einer israelitischen Kultusgemeinde, die zum Distriktsrabbinat Aschaffenburg gehörte. Eine Synagoge gab es bisher weder in Steinbach noch in Lohr. Bereits 1864 war den jüdischen Neubürgern die Erlaubnis zur Bildung einer Kultusgemeinde erteilt worden, doch unter der Auflage, dass sie ihre Kultusbedürfnisse selbst finanzieren.
1868 wurde das Anwesen Fischergasse 351 erworben. Am 18. November 1871 wurde darin ein Gemeindezentrum mit Synagoge eingerichtet, in welchem auch ein Raum für den Unterricht der Kinder mit Lehrerwohnung und rituellem Bad (Mikwe) war. Die Einweihungsfeierlichkeiten in dem durchaus bescheidenen Quartier vollzog der Distriktsrabbiner Adler aus Aschaffenburg in Gegenwart des Bürgermeisters und der Magistratsräte. Als Lehrer fand sich Jacob Weichselbaum aus Adelsberg. In der Folgezeit fungierte der Lehrer zeitweise auch als Schächter und Vorbeter.
Im Hinterhof des jüdischen Gemeindezentrums war der Leichenwagen untergebracht, mit dem die Verstorbenen auf den bereits seit 1600 existierenden jüdischen Friedhof in Laudenbach gebracht wurden. Bis zum Judenbrunnen an der Straße nach Steinbach wurde der Leichenzug Richtung Wiesenfeld von den Angehörigen begleitet.
Jüdische Feiertage und Festlichkeiten gehörten zum Alltagsleben in der Stadt, so etwa das Laubhüttenfest, eine Art Erntedankfest, oder das Pessachfest mit dem ungesäuerten Brot (Matze genannt, dünne knusprige Fladenbrote).
Für 1886 werden im Stadtarchiv als zum Rabbinat Aschaffenburg abgabepflichtige Israeliten sechs Kaufleute und vier Handelsmänner aufgezählt. Weitere Berufsgruppen sind nicht vertreten, obwohl es in Lohr noch eine Reihe anderer gab.
Viele Jahrzehnte lebte die Bürgerschaft mit jüdischen Mitmenschen neben- und miteinander, mal mit mehr, mal mit weniger Differenzen, wie es sie auch unter anderen Zeitgenossen gibt. Sie gestalteten gemeinsam das Vereinsleben. Juden und Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften zogen miteinander in den Krieg, den die Deutschen glaubten gegen andere führen zu müssen und opferten dafür ihr Leben und ihre Gesundheit, zum Beispiel Benno Markus, gefallen am 15. September 1916 »für Volk und Vaterland«.
Die Stadt Lohr ernannte den aus Wiesenfeld stammenden Juden Josef Schloßmann 1930 zum Ehrenbürger. Als Kommerzienrat hatte er einen respektablen Aufstieg zum Textilfabrikanten genommen und dank seiner finanziellen Möglichkeiten soziale Hilfestellungen geleistet, sei es durch Kleiderspenden für Bedürftige oder auch Geldspenden für die von Stadtpfarrer Adalbert Knapp angeregte Anschaffung eines Sanitätsautos.
NS-Ideologie brachte die Wende
Im Mai 1931 setzte die nationalsozialistische Hetzkampagne gegen den Ehrenbürger Schloßmann ein, indem die Parteizeitung »Der Stürmer« einen infamen Verleumdungsbericht brachte. Die Hitlerjugend forderte zum Entzug der Ehrenbürgerrechte auf. Der 1933 neugebildete (politisch gleichgeschaltete) Stadtrat verlangte von Schloßmann die Rückgabe seiner Ehrenbürgerurkunde, was dieser jedoch ablehnte. Daraufhin wurde er einfach aus der Liste der Ehrenbürger gestrichen. Es folgte die Enteignung seines Vermögens und die Deportation nach Theresienstadt, wo er 1943 starb.
In der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurden die Inneneinrichtung des Betsaales im israelitischen Gemeindezentrum und die Ritualien vernichtet, vor allem durch uniformierte SA-Leute, die auch die Fenster zertrümmerten und fünf Thorarollen in Stücke rissen. Auch private Wohnhäuser einiger Juden wurden überfallen und verwüstet.
Das Synagogengebäude wurde 1939 auf Anraten des Lehrers Simon Strauß den Nachbarn zum Kauf angeboten und veräußert; zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits die Mehrzahl der jüdischen Mitbürger die Stadt verlassen hatten.
Untergang der jüdischen Gemeinde
Unter dem Begriff »Zu- und Abwanderung von Juden - Judenkartei« finden sich Listen im Stadtarchiv, welche die ganze Tragödie der jüdischen Bevölkerung in Lohr aufzeigen.
1933 lebten noch 71 Männer, Frauen und Kinder israelitischen Glaubens in Lohr. Nach 1933, vor allem nach 1938, ging die Zahl mit Aus- und Abwanderungen weiter zurück: 1939 lebten noch vier und 1941 noch zwei Juden in Lohr. Bis 1940 hatte sich die jüdische Gemeinde vollkommen aufgelöst. Nur noch zwei Frauen lebten »in Mischehen« in Lohr.
19 jüdische Patienten der Heil- und Pflegeanstalt wurden 1940 nach Cholm in Polen deportiert und dort ermordet. Es handelte sich dabei um israelitische Nerven- und Gemütskranke aus ganz Unterfranken, welche der israelitische Fürsorgeverein mit Verpflegung versorgt hatte, die den jüdischen Speisevorschriften entsprach.
Erinnerung und Neubeginn
80 Jahre jüdischen Lebens in Lohr hat der Nationalsozialismus beendet. Auf einem Sandsteinfindling neben dem Kriegerdenkmal in der Grafen-von-Rieneck-Straße gedenkt die Stadt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger und aller sonstigen Opfer des Nationalsozialismus.
Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde beim Festakt im jüdischen Gemeindezentrum Shalom die Frage diskutiert: Braucht es nach 50 Jahren noch diese Gesellschaft für Zusammenarbeit?.
Ihr Ziel ist es, dass jüdische und christliche Gesellschaften in Zukunft wieder gleichberechtigt nebeneinander leben und wirken können, wobei nicht verkannt wird, dass die jüdische Gemeinschaft auch künftig, wie in der Vergangenheit, eine Minderheit bleiben wird. Man wolle Zeichen gegen das Vergessen setzen, jedoch auf der Gesprächsebene auf Augenhöhe miteinander verkehren, sagte Gemeindevorstand Josef Schuster. Wichtig ist ihm, dass die jüdische Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit erreicht und bekommt. Josef Harth
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