Glasfaserausbau in Lohr: Pfusch am Bau, Urin in der Garage

Vorwürfe gegen Baufirma

Lohr a.Main
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Walter Siegler, der auf jahrzehntelange Erfahrung als Polier und Bauleiter zurückblicken kann, schüttelt über die Arbeiten zum Glasfaserausbau in Lohr nur den Kopf. Etliche Standards, die eigentlich für alle Firmen gelten, seien dabei nicht eingehalten. Das Bild zeigt Siegler neben einer aktuellen Glasfaserbaustelle in Wombach. Dort weist das neu verlegte Pflaster Senkungen auf.
Foto: Johannes Ungemach
In Lohr ist massive Kritik an der Qualität der Bauarbeiten zum Glasfaserausbau im Auftrag der Telekom lautgeworden. Das Bild zeigt eine aktuelle Baustelle in Wombach.
Foto: Johannes Ungemach
Walter Siegler, der auf jahrzehntelange Erfahrung als Polier und Bauleiter zurückblicken kann, schüttelt über die Arbeiten zum Glasfaserausbau in Lohr nur den Kopf. Etliche Standards, die eigentlich für alle Firmen gelten, seien dabei nicht eingehalten. Das Bild zeigt Siegler neben einer aktuellen Glasfaserbaustelle in Wombach.
Foto: Johannes Ungemach
In Lohr ist massive Kritik an der Qualität der Bauarbeiten zum Glasfaserausbau im Auftrag der Telekom lautgeworden.
Foto: Johannes Ungemach
In Lohr ist massive Kritik an der Qualität der Bauarbeiten zum Glasfaserausbau im Auftrag der Telekom lautgeworden.
Foto: Johannes Ungemach
Der Glas­fa­ser­aus­bau durch die Te­le­kom soll­te der Loh­rer In­fra­struk­tur ei­nen Schub brin­gen. Doch nun gibt es mas­si­ve Kri­tik an der Qua­li­tät der Bau­aus­füh­rung.

Als in Lohr vor einigen Monaten der flächendeckende Ausbau des Glasfasernetzes in Eigenverantwortung der Telekom begann, sprach Bürgermeister Mario Paul von einem bedeutenden »Schub für die Infrastruktur« und einer »tollen Sache« für Lohr. Nun, einige Monate später, gibt es Anzeichen, dass die Arbeiten beim von der Telekom auf 20 Millionen Euro veranschlagten Glasfaserausbau in Lohr ein Schaden für die Infrastruktur und die Umstände eher ärgerlich als toll sein könnten.
Zu hören ist deutliche Kritik an der Qualität der Bauausführung, verbunden mit der Warnung vor vom Steuerzahler zu tragenden Folgeschäden. Doch nicht nur das. Die Rede ist auch von ausufernden Arbeitszeiten der Bauarbeiter. Und schließlich sollen Bauarbeiter in Ermangelung einer vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Toilette in private Garagen uriniert und ihre Notdurft hinter der Wombacher Kirche verrichtet haben. 
Die Vielzahl an Vorwürfen hat für einige Betriebsamkeit bei Behörden gesorgt. Es gab ein Krisentreffen auf der Baustelle. Die Stadt Lohr ist mit dem Thema ebenso befasst wie das Gewerbeaufsichtsamt. Auch die Lohrer Polizei äußert sich. 
Ein Vertreter der in Lohr mit dem Glasfaserausbau beauftragte Firma Circet Deutschland gibt sich gegenüber der Redaktion zerknirscht und kündigt Konsequenzen an. Unterdessen zeigt sich, dass das Lohrer Beispiel offenbar kein Einzelfall ist.

Offener Brief als Auslöser

Den Stein ins Rollen gebracht hat der Wombacher Walter Siegler (58). Er war über Jahrzehnte als Maurermeister, Polier und Bauleiter in der Baubranche tätig, unter anderem beim Leitungsbau. Vor wenigen Tagen hat Siegler einen »Offenen Brief« an die Stadt geschickt. Darin erhebt er schwere Vorwürfe. Es sei »schon fast lächerlich«, was sich beim Glasfaserausbau in Lohr derzeit abspiele, so Siegler. 
Seine detaillierte Mängelliste ist lang. So schreibt Siegler, dass bei den Bauarbeiten Vorgaben für den Straßenbau, an die sich alle Firmen auch in Lohr halten müssten, »in keiner Weise« beachtet würden.
Als Beispiel nennt Siegler den Unterbau von Pflaster- und Asphaltflächen. Hier wisse jeder, der vom Fach sei, dass unter Gehwegen eine 25 Zentimeter dicke und unter Straßen eine 36 Zentimeter dicke Mineralbetonschicht eingebaut werden müsse. Bei den Glasfaserarbeiten in Lohr jedoch seien nicht nur viel zu dünne Schichten eingebaut worden. Der Mineralbeton habe auch nicht die passende Körnungsmischung und den erforderlichen Feuchtegrad gehabt. Stattdessen sei einfach trockener, mit anderem Material vermischter Schotter verbaut worden, der zuvor beim Aushub gewonnen worden sei.

»Total uneben«

Gepflastert worden sei auf einer dünnen Schicht Brechsand, statt auf einer vier Zentimeter dicken Splitt-Schicht, bemängelt Siegler. Viele Flächen hätten daher schon vor dem Verdichten Senkungen aufgewiesen. Es seien kaputte Pflastersteine wieder eingebaut worden. Teilweise gebe es große Fugen, so Siegler gegenüber der Redaktion. Bei Asphaltflächen sei das Planum des Unterbaus »unzureichend hergestellt«, Bitumenkies »total uneben eingebaut« worden. Dies führe zu einer welligen Oberfläche, die sich nicht wieder begradigen lasse – »außer durch Ausbau und fachgerechten Neubau«, so Siegler.
»Wo sind hier die städtischen Aufsichtspersonen und überwachen die fachgerechte Arbeitsweise«, fragt sich der Wombacher. Seiner Ansicht nach hätten bei einer konsequenten Überwachung der Arbeitsqualität große Teile der bislang nach dem Verlegen der Glasfaserkabel wieder hergestellten Straßen- und Gehwegsbeläge nachträglich ausgebaut und fachgerecht wieder eingebaut werden müssen. »Man kann nur hoffen, dass dies im Nachgang mit allen rechtlichen Mitteln noch durchgeführt wird«, so Siegler. 
Er rät auch dazu, die Gewährleistungspflicht für die Arbeiten zu verdoppeln. Andernfalls müssten die »Bürger unserer Stadt mit den schlecht hergestellten Flächen leben« und in einigen Jahren die Folgekosten tragen, »während die Telekom uneingeschränkt ihr Geld mit den Verträgen der Glasfaserkabel verdient«, so Siegler.
Er sieht nicht nur die Stadt zum Handeln aufgefordert, sondern auch andere Instanzen, beispielsweise das Gewerbeaufsichtsamt. Es werde auf den Baustellen »schon mal zehn, zwölf Stunden und länger am Tag gearbeitet«, so Siegler. Offenbar seien die Bestimmungen zu Arbeitszeiten, Gesundheits- und Arbeitsschutz für die von der Telekom beauftragte Firma nicht gültig, unkt der Wombacher.

Keine Toilette vor Ort

Während bei Fachfirmen die Gewerbeaufsicht mitunter selbst die Mindesthöhe von 2,35 Metern in der Baubude kontrolliere, sei eine solche Bude für die Arbeiter beim Glasfaserausbau gar nicht vorhanden. Auch die vorgeschriebene Baustellentoilette fehle, so Siegler, der gleich die Folgen beschreibt: Demnach haben in der Wombacher Hauptstraße Bauarbeiter wiederholt in eine offenstehende Garage und an Gartenhecken uriniert. In anderen Fällen seien Bauarbeiter »mit der Klopapierrolle hinter der Kirche« oder auch in privaten Gärten verschwunden. 
Und schließlich seien auch die Verkehrssicherung sowie die Beschilderung der Baustellen »noch an keinem Tag in Ordnung gewesen«, so Walter Siegler. Aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Hoch- und Tiefbau wisse er, dass es für solche Versäumnisse in und um Lohr durchaus schon Bußgelder gegeben habe. Siegler schließt seine umfassende Kritik in der Hoffnung, dass die zuständigen Instanzen die Missstände umgehend abstellen.

Aufruhr hinter den Kulissen

Sieglers offener Brief hat für ziemlichen Aufruhr gesorgt. Gegenüber der Redaktion gab es mittlerweile weitere Stimmen, die verlauten ließen, dass es auch bei den in Ruppertshütten erledigten Glasfaserarbeiten begründete Zweifel an der Qualität der Bauausführung gibt. Vor wenigen Tagen gab es in Wombach bereits ein »Krisentreffen« auf der Baustelle mit Vertretern der Baufirma, der Telekom und der Stadt. Für die kommende Woche ist ein Pressetermin vorgesehen.
Mit dem Glasfaserausbau in Lohr ist im Auftrag der Telekom die Firma Circet Deutschland befasst. Das Unternehmen schreibt auf seiner Internetseite, dass man in Europa der führende Anbieter für Infrastrukturdienste im Bereich der Telekommunikation sei. Mit 110 Niederlassungen in Deutschland, Frankreich, Irland, England, Spanien und Marokko sowie 6300 Mitarbeitern erwirtschaftete das Unternehmen nach eigenen Angaben 2019 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. 
Man stehe für »verantwortungsvolle Unternehmensführung« und beachte Grundsätze der Menschenrechte und Arbeitsbedingungen, heißt es weiter. Auch habe man ein zertifiziertes Qualitätsmanagement und hohe Qualitätsstandards, so die Selbstdarstellung von Circet.

»Mehr auf Qualität achten«

Stefan Hecht, der zuständige Circet-Bereichsleiter, erklärte am Mittwoch im Telefonat mit der Redaktion, dass man in Lohr weitere Subunternehmen mit der Ausführung der Arbeiten beauftragt habe. Durch die Kritik sei deutlich geworden, so Hecht, dass man hier offenbar »beim Tiefbau mehr auf die Qualität achten« müsse. 
Hecht erklärte auch, dass ihn die Schilderungen zu den Arbeitsbedingungen der Mitarbeitendenden des Subunternehmens »persönlich betroffen« gemacht hätten. Dass es zu Zwischenfällen wie dem Urinieren in eine Garage gekommen sei, sei freilich »nicht hinnehmbar«. Circet habe die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Subunternehmen daher auch »sofort beendet«, so Hecht. Man werde sich bei dem für kommende Woche vorgesehenen Pressetermin näher zu den Vorwürfen und Abläufen äußern, so Hecht. 
Die Stadt Lohr schreibt zu den Vorgängen auf Anfrage der Redaktion in einer Stellungnahme, dass man die Reklamationen und Beschwerden über die Ausführung der Glasfaserarbeiten von Anfang an sehr ernst genommen habe. Bürgermeister Paul habe sich persönlich zusammen mit den Zuständigen im Rathaus um die Sache gekümmert.
Die Bauausführung werde von der Stadt von Beginn an in Form von unangemeldeten Besichtigungen begutachtet und überwacht. »Die Dokumentation des Zustandes vor und nach der Maßnahme ist vertraglich geregelt«, so der städtische Pressesprecher Dieter Daus.

Stadt: Mängel müssen weg

Man stehe mit der örtlichen Bauleitung und der übergeordneten Bereichsleitung des ausführenden Unternehmens sowie der Regionalleitung der Telekom in Kontakt. »Die aufgetretenen Mängel bei der Bauausführung müssen vollständig beseitigt werden. Darauf wird die Stadtverwaltung sehr genau achten«, so Daus. Die Stadt nehme gerne Hinweise aus der Bevölkerung über mögliche Missstände entgegen. Die Mitarbeiter der Stadt könnten »nicht ständig auf den Baustellen vor Ort sein«, so Daus. Er kündigt für die kommende Woche einen Pressetermin mit den beteiligten Firmen an. Der genaue Termin stehe noch nicht fest. 
Auch die Lohrer Polizei äußert sich auf Anfrage zu dem Fall, wobei es zum einen um die Frage geht, ob die Baustellen richtig beschildert und abgesichert waren. Inspektionsleiter Wolfgang Remelka teilt dazu mit, dass man zwar nicht erfasst habe, wie oft die Baustellen kontrolliert wurden. Jedoch könne er mit Sicherheit sagen, dass kontrolliert wurde. Dabei sei »nichts zu beanstanden« gewesen, so der Lohrer Polizeichef. Die Baustellenschilder oder Schilder zur Geschwindigkeitsbeschränkung seien bei den Kontrollen »zu jeder Zeit ordnungsgemäß aufgestellt« gewesen. 
Was das Urinieren in Garagen betrifft, wäre eventuell an den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs zu denken, so Remelka weiter. Allerdings sei seines Wissens keine Anzeige eines Grundstückseigentümers eingegangen. Beim Verrichten der Notdurft auf öffentlichem Grund könnte nach Ansicht des Polizeichefs unter Umständen die »Verordnung über die Reinhaltung und Reinigung der öffentlichen Straßen und die Sicherung der Gehbahnen im Winter« greifen. Aber auch hierzu sei bei der Polizei nichts angezeigt worden. 
Für die Überwachung der Arbeitszeitbestimmungen auf Baustellen ist laut Remelka nicht die Polizei zuständig, sondern das Gewerbeaufsichtsamt. Dieses war nach Informationen der Redaktion am Mittwoch vor Ort, um sich ein Bild zu machen. 

Hintergrund: Ärger mit Glasfaserausbau

Beim Ausbau des Glasfasernetzes gab es in der Region schon in etlichen Gemeinden Ärger mit der Qualität der Arbeiten. Probleme mit angebohrten Leitungen gab es 2020 in den Westspessart-Gemeinden Sailauf, Bessenbach, Laufach, Haibach und Waldaschaff. Dort war allerdings die Firma Deutsche Glasfaser mit dem Ausbau befasst. Der Ärger um die Schäden ging laut Presseberichten des Main-Echo damals so weit, dass Anwälte bemüht sowie Gewerbeaufsicht und Zoll eingeschaltet wurden.

Die Bauarbeiten wurden zeitweise eingestellt. Kritikpunkte waren: Ausufernde Arbeitszeiten, Nichteinhalten von Baustandards, fehlende Toiletten und Aufenthaltsräume für die Arbeiter, mangelhaftes Material, fehlende Verkehrssicherung, unkundiges Personal.

Im Herbst 2021 beauftragte die Gemeinde Krombach (Kreis Aschaffenburg) auf Rechnung der Deutschen Glasfaser Nacharbeiten zur Beseitigung von Mängeln. Die Rede war damals in einem Zeitungsartikel davon, dass eine halbfertige Baustelle hinterlassen worden sei.

Im Sommer 2021 schaltete die Gemeinde Mömbris (Kreis Aschaffenburg) einen Rechtsanwalt und einen Sachverständigen ein, da die Arbeiten beim Glasfaserausbau nicht nach dem Regeln der Technik erledigt worden seien. 70 Prozent der reklamierten Schäden seien anerkannt worden, berichtete das Main-Echo damals.

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