Nur geimpft ins Jugendzentrum: Pädagogen bezeichnen Neuregelung als »Schlag ins Gesicht«

Corona-Pandemie

MAIN-SPESSART
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Die Angebote für die unter Zwölfjährigen laufen im Juze derzeit weiter. Wer jedoch älter als zwölf Jahre und drei Monate und ungeimpft ist, darf das Jugendzentrum nicht mehr betreten. Ausnahmen sollen für Einzelberatungen gemacht werden. Foto: Jugendzentrum Lohr
Foto: Juze
»Wie ein Schlag ins Ge­sicht für die Ju­gend­ar­beit«, so be­zeich­nen Kers­tin Hei­ne und Ele­na Häf­ner die am 24. No­vem­ber ver­öf­f­ent­lich­te 15. Co­ro­na­schutz-Ver­ord­nung.

Seit Beginn der Pandemie versucht Diplompädagogin Heine unter widrigsten Umständen, den Betrieb im Jugendzentrum der Arbeiterwohlfahrt Lohr aufrecht zu erhalten. Nun erlebt sie ein Déjà-vu:

»Es wurde die ganze Zeit gesagt, Kinder und Jugendliche bräuchten Räume, sichere Orte außerhalb von Schule und Elternhaus, in denen sie soziale Teilhabe erleben können. Es wurde über die schlimmen Auswirkungen auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen geschrieben, es wurden Studien gemacht. Und jetzt passiert wieder genau das Gegenteil. Ungeimpfte Jugendliche werden komplett ausgeschlossen. Ihnen wird jede Unterstützung weggenommen.«

Sozialarbeiterin Elena Häfner arbeitet seit Juni im Juze. Sie hat das Jugendzentrum nie außerhalb der Pandemie erlebt - so wie auch einige Jugendliche, die nicht bereits seit Jahren kommen. Ein wirkliches Vertrauensverhältnis aufbauen, jemanden auch mal in den Arm nehmen, den jungen Menschen kontinuierlich zur Seite stehen: Es ist schwer, bis unmöglich, in diesen Zeiten in der Jugendarbeit das zu bieten, was sie eigentlich ausmacht. »Die soziale Teilhabe an einem Impfstatus festzumachen widerspricht komplett den Grundprinzipien der Jugendarbeit, in der es darum geht, niederschwellige Angebote für alle zu machen«, sagt Heine. Das Schlimme: Die Unterstützung falle nun gerade für die Jugendlichen weg, die sie am meisten benötigten.

Enormer Gesprächsbedarf

Kinder unter zwölf Jahren und drei Monaten dürfen das Juze weiterhin besuchen. Für die Jugendlichen ab zwölf Jahren und einer dreimonatigen Übergangsfrist gilt nun aber die 2 G-Regel, das heißt, sie müssen geimpft oder genesen sein. Ansonsten haben sie keinen Zutritt mehr zum Juze. »Das Absurde ist, dass wir ja die Ansprechpartner für viele Jugendliche sind, gerade auch in Bezug auf Fragen zu Corona und zur Impfung. Es kommen ja auch viele Jugendliche aus schwierigen Familiensituationen und haben kein gutes Verhältnis zu den Eltern. Und nun dürfen wir diese Jugendlichen nicht mehr beraten«, sagt Häfner. Sie erlebe gerade einen enormen Gesprächsbedarf bei den Jugendlichen, speziell über Corona und die Impfung.

»Im ersten Lockdown konnten wir die Angebote trotzdem noch für jeden vorhalten, wenn man sich auch nur mit einem Haushalt treffen durfte. Jetzt werden die Ungeimpften aber ausgeschlossen. Das ist etwas ganz anderes. Zumal die Jugendlichen meist nicht einmal selbst darüber entscheiden, sondern ihre Eltern«, erklärt Heine. Im Jugendzentrum seien die Auswirkungen von 2 G deutlich spürbar. Aktionen für unter Zwölfjährige laufen weiter. Ansonsten haben die Besuche merklich nachgelassen.

Resonanz lässt nach

Die Pädagoginnen versuchen erneut, über Online-Angebote Kontakt zu den Zwölf- bis 18-Jährigen zu halten. Doch die anfänglich gute Resonanz auf Zoom und Co. weiche allmählich einer Übersättigung und lasse nach. Veranstaltungen müssen abgesagt werden oder laufen wieder digital, wie die beliebten Tanzworkshops Juze in Motion im Januar.

Wer ist geimpft - wer nicht? Es ist das vorherrschende Thema, auch im Juze. »Da passiert eine richtige Spaltung. In Freundeskreisen sind die einen geimpft, die anderen nicht. Dann fragen sich die Jugendlichen natürlich, was sie nun machen sollen. Gehe ich dann noch ins Juze, wenn ich meine Freunde dort nicht treffen kann?«, sagt Heine. Besonders traurig sei es auch für Kinder, die ihren 12. Geburtstag feiern. Ungeimpft dürfen sie nach drei Monaten Übergangsfrist nicht mehr ins Jugendzentrum, auch wenn sie dort vorher eine Gruppe mit Freunden besucht haben. »Das alles hinterlässt gerade unheimlich viel Druck und Frustration bei den Jugendlichen«, so die Pädagogin. Im Januar falle dann auch noch die Übergangsfrist weg, nach der ungeimpfte Jugendliche zumindest mit den schulischen Coronatests weiter ihre Hobbys ausüben durften.

Politik hat nichts gelernt

Die Politik habe nichts gelernt, resümiert die Pädagogin. Denn das Problem verlagere sich nun. »Die Jugendlichen treffen sich dann halt wieder privat, ohne Tests, ohne Abstand und unkontrolliert. Bei uns gab es wenigstens einen geschützten Rahmen und mit 3 G hat das gut geklappt. Jetzt nimmt man den Jugendlichen diese Räume und regt sich hinterher über die bösen Jugendlichen auf, die sich an keine Regeln halten.« Das sei absurd, so Heine.

Dass die neue Coronaschutzverordnung mit dem Ausschluss der ungeimpften Jugendlichen noch mal eine »ganz andere Qualität« hat, als es zum Beispiel im ersten Lockdown war, bestätigt auch Tanja Welzenbach, Leiterin des Jugendzentrums Main-Haus in Marktheidenfeld. Dies betreffe vor allem die Zwölf- bis 15-Jährigen. Die älteren Schüler seien meist in den Abschlussklassen und viele bereits geimpft. »Dass die ungeimpften Schüler aus den sechsten, siebten und achten Klassen jetzt außerhalb der Schule kaum noch was machen können, ist schon schlimm«, sagt Welzenbach. Hinzu komme die Jahreszeit, in der man auch draußen kaum aktiv sein könne. »Ich habe das Gefühl, viele ergeben sich irgendwie in ihr Schicksal«, sagt die Erziehungsberaterin.

Jugendliche psychisch am Limit

Auch im Main-Haus laufen die Angebote für die unter Zwölfjährigen weiter. Ebenso der Offene Treff - für Geimpfte und Genesene. Voll wird dieser am Abend aber nicht mehr. Stattdessen gebe es großen Beratungsbedarf und Anfragen für Einzeltermine. »Man kann nicht drumherum reden. Die Jugendlichen sind schon psychisch am Limit«, so Welzenbach.

Ärger mit den Eltern, Liebeskummer, schulischer Stress, das alles gehe ja auch mit Corona weiter. Immerhin gibt es in Marktheidenfeld Ausnahmen: Zu Einzelberatungsterminen dürfen Jugendliche aufgrund einer Sondererlaubnis des Landratsamts auch mit der 3 G-Regel kommen, also ungeimpft und getestet. »Wir haben ja auch den Familienstützpunkt«, erklärt Welzenbach. Die Ausnahme betreffe also auch Elternteile, die mit einem unter zwölfjährigen Kind kommen. Die Beratungen werden mit Maske, Abstand und Einhaltung aller Hygienemaßnahmen geführt.

Auch das Lohrer Juze hat eine Anfrage für die Sonderregelung beim Landratsamt Main-Spessart gestellt. Persönliche Beratungen bei Krisen unter 3 G-Regelung müsse man demnach beim Gesundheitsamt beantragen, welches dann für die Einrichtung prüfe, ob diese stattfinden könnten, erklärt Heine.

Beide Jugendzentren wünschen sich aber dasselbe: Die Rückkehr zu 3 G. »Das würde doch wirklich mehr Sinn machen. So hätten alle Jugendlichen eine Chance herzukommen. Und die Erfahrung zeigt, dass sie sich auch an die Regeln halten«, sagt Welzenbach. Masken und Tests stelle die Stadt Marktheidenfeld ausreichend zur Verfügung. Das sei nicht selbstverständlich und keinesfalls in jeder Stadt so.

Hintergrund: Kritik des Bayerischen Jugendrings

Der Bayerische Jugendring übt scharfe Kritik an den jüngsten Corona-Beschlüssen der Bayerischen Staatsregierung, die seit dem 24. November auch die 2 G-Regel für Jugendliche ab zwölf Jahren vorsieht. Dies komme einem Lockdown für Zwölf- bis 17-Jährige gleich, so der Jugendring. Seit Inkrafttreten dürfen Zwölf- bis 17-Jährige viele Angebote nur noch nutzen, wenn sie geimpft oder genesen sind. Ungeimpfte Kinder und Jugendliche über zwölf Jahren dürfen zum Beispiel nicht ins Kino, ins Museum, Theater oder in den Zoo.

Die Übergangsregelung für »sportliche und musikalische Eigenaktivitäten«, also die Ausübung von Hobbys wie das Turntraining oder der Musikunterricht, sollte zum 31. Dezember enden. Sie wurde nun um zwölf Tage bis zum 12. Januar verlängert und gilt auch für Restaurantbesuche und Hotelübernachtungen. Somit dürfen ungeimpfte Jugendliche derzeit zwar ein Restaurant besuchen - nicht aber das Jugendzentrum.

Der Bayerische Jugendring weist daraufhin, dass außerschulische Jugendbildung eine gesetzliche Pflichtaufgabe sei und niederschwellig und ohne Zugangsbarrieren möglich sein müsse. Betroffen von der Regelung im Freistaat sind aktuell mehr als die Hälfte der Zwölf- bis 17-Jährigen, rund 350.000 Jugendliche. Die Impfquote in dieser Altersgruppe liegt nach Schätzungen bei 48,2 Prozent. ()

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