Meister und Tüftler in einem »Urberuf«

Wolfgang Feige: Der Kunstglaser kümmert sich besonders um Fenster von Kirchen - Spezielles Glas entwickelt, das die Farben schützt

Karlstadt
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Der 45-jährige Wolfgang Feige beugt sich über den Entwurf einer Iris, zieht noch einmal die Konturen mit einem dicken schwarzen Stift nach und paust ihn dann auf Schablonenpapier um. Später soll daraus ein Glasbild für ein Treppenhausfenster werden. Feige ist nämlich Kunstglasermeister, wird aber eher selten mit derlei Privataufträgen betraut. Denn in der Regel arbeitet er für Kirchen.
Anders als seine Vorgänger in früheren Jahrhunderten kommt er nicht mehr ins Gotteshaus, um direkt vor Ort seine Glaskunst umzusetzen. Heute arbeitet Feige wie die meisten seiner Kollegen in einer eigenen Werkstatt. Dort tüftelt der Kunsthandwerkmeister auch und hat gerade etwas entwickelt, was großes Interesse bei den Dombaumeistern von Köln und Xanten hervorgerufen hat.
Seit 900 Jahren
»Der Kunstglaser übt einen Urberuf aus, denn er war der erste Glaser überhaupt. Er stellte mit der Glasmacherpfeife ein mundgeblasenes Glas her«, blickt Feige in die Geschichte. Das Flachglasverfahren kennen die Kunsthandwerker seit 900 Jahren. Dieses handgearbeitete Glas, entstanden aus Quarzsand, Sulfaten, Soda und je nach Einfärbungswunsch mit Metalloxyden versetzt, verwenden die Kunstglaser noch heute in Kirchen. »Gold färbt beispielsweise rosa oder rosé, Silber färbt gelb, deshalb sprechen wir auch vom silbergelb«, ist Feige in seinem Element.
Er schwärmt auch vom alten Spessartglas - »ein ganz Besonderes mit seinem grünlichen Stich oder auch leicht violett bis rosé, weil der Sand nicht ganz rein war. Und es hat einen eigenen Klang, jede Scheibe klingt anders«. Heute gibt es dieses Spessartglas nicht mehr, doch mit dem sogenannten Goetheglas aus der Glashütte Waldsassen steht zumindest ein Ersatzprodukt für den Kunsthandwerker bei Reparaturarbeiten zur Verfügung. Waldsassen bei Bayreuth ist ein Zentrum für die Glasproduktion nach Altvätersitte und liefert weltweit, besonders für Kirchen.
Dieses »Echt-Antik-Glas« hat Feige schon in der berühmten Sebaldkirche von Nürnberg aus dem 14. Jahrhundert eingesetzt. Es hat wie früher ein Format von 60 mal 90 Zentimeter, weil es technisch nicht größer machbar ist. Bei größeren Fenstern müssen Bleisprossen eingearbeitet werden, um die Flächen zu schließen.
Bei der Glashütte hat Feige auch schon einen Spezialauftrag in Arbeit gegeben: Für die Schimborner Betonkirche sollte er ein Fenster der Künstlerin Margarethe Keith im Altarraum ergänzen, vergrößern. Zum Glück gab es noch vom Jahrzehnte alten Entwurf ein Stück des grünen Opalglases. Dieses ist nicht transparent, wegen eines »Milchüberfangs«. Darunter versteht der Fachmann eine milchige Schicht auf der Rückseite des Glases.
Feige hat oft mehrere Aufträge gleichzeitig in Bearbeitung. Derzeit restauriert er die zweite große Kirche in Nürnberg - in der Lorenzkirche mit ihren zwei Fensteretagen läuft die Dachsanierung und bei dieser Gelegenheit führt der Karlstadter Reparaturen aus. Für beide Nürnberger Kirchen laufen Angebote, denn der Meister ist nicht nur Handwerker, sondern auch Tüftler.
Zwei Jahre geforscht
Schon bisher gab es Schutzverglasungen, die bemalte Scheiben vor Wetter oder Vandalismus abschotten sollen. Doch sie werden durch UV- und Infrarotstrahlen aufgeheizt, was die Malereien stresst, weiß der Fachmann. Das hat ihn lange beschäftigt, herausgefordert und zwei Jahre forschen lassen. Mit Restauratoren und Chemikern untersuchte er Materialien, um ein spezielles Verbundglas, das er thermisch behandelte, herzustellen. Mit besonderen Eigenschaften: Es soll Filterwerte bringen und sich der Architektur eines historischen Gebäudes anpassen.
»Bewegte« Oberfläche
Herausgekommen ist ein Glas mit einer im Millimeterbereich »bewegten« Oberfläche. Feige hat es selbst hergestellt mit einer speziellen Beschichtung zwischen einer welligen oberen und einer glatten unteren Scheibe. »So erziele ich einen antiken Glaseffekt«, ist er zufrieden mit dem Ergebnis, dessen Muster bereits in einem Institut nach DIN-Norm getestet ist. Feiges Entwicklung filtert 99 Prozent der UV- und 97 Prozent der Infrarotstrahlen. »Das kann die Industrie nicht herstellen«, so Feige, der damit auf den großen Durchbruch hofft. Seine Musterverglasungen sind an die Dome von Köln und Xanten gegangen. Von dort wartet er auf Antwort, doch Däumchen drehen muss Feige deshalb nicht. Gerade hat er ein durch Vandalismus zerstörtes Kirchenfenster aus Zirndorf in Bearbeitung. Die Hand einer Heiligenfigur muss rekonstruiert werden und Feige die Schwarzlotmalerei ausüben.
Dabei malt er zuerst mit Konturenfarbe grob die Umrisse; dann mischt er mit zwei Farben ein leichtes Graugrün für die Handfläche, als Grundfarbe wählt er ein leichtes Rosé, die klassische Hautfarbe. Bei der Lotmalerei wird die Farbe bei 600 Grad geschmolzen, brennt sich dann in die Glasoberfläche und verbindet sich mit ihr. Die so entstandene Glashand fasst Feige mit Blei ein, verlötet die Stöße und verkittet die Bleiprofile. Dann wird sein Werk noch gereinigt, bevor er das Fenster wieder in der Kirche einbaut.
Der 45-Jährige ist zufrieden mit seiner Arbeit, denn Glasmalerei ist eigentlich ein eigener Berufszweig. »Ich habe mir das angeeignet«, so der Kunstglaser, der längst nicht mehr mit einem Kfz-Mechaniker tauschen möchte - einem Beruf, den er als Jugendlicher angestrebt hatte.

Sylvia Schubart-Arand
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!