Lohrs erste Synagoge entdeckt

Geschichte: Am Haus gegenüber der Kellereischeune wird diesen Montag eine Gedenktafel angebracht

Lohr a.Main
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In diesem Gebäude an der Kellereigasse befand sich von circa 1867 bis 1871 die erste Synagoge in Lohr. Foto: Monika B
Foto: Monika Büdel
Be­kannt ist, dass es an der Fi­scher­gas­se in Lohr bis zur Zer­stör­ung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ei­ne Sy­na­go­ge ge­ge­ben hat. Doch sie hat­te ei­ne Vor­gän­ge­rin an der Keller­ei­gas­se. An dem An­we­sen, in dem sich bis vor 147 Jah­ren Men­schen jü­di­schen Glau­bens zum Ge­bet tra­fen, wird die­sen Mon­tag um 11 Uhr ei­ne Ge­denk­ta­fel an­ge­bracht.
Hinweis in Häuserverzeichnis
Heimatforscher Wolfgang Vorwerk ist auf Lohrs erste Synagoge gestoßen und schreibt darüber im neuesten Band der Veröffentlichungen des Lohrer Geschichts- und Museumsvereins. Im Gebäude an der Ecke der Kellereigasse gegenüber der Kellereischeune hatten die Lohrer Juden Räume für einen Betsaal gemietet. Die entscheidenden Hinweise fand Vorwerk im bislang unveröffentlichten Häuserverzeichnis des Zimmermeisters Heinrich Geiskopf.
Dieser Heinrich Geiskopf verfasste seine Chronik laut Vorwerk 1940/41 und dokumentiert darin die Gebäude im Zeitraum von in etwa 1870 bis 1941, nennt Besitzer und Mieter und liefert teilweise Details. Zum Haus mit der Nummer 173 zitiert Vorwerk Geiskopf: »Der Besitzer des Hauses war A. Spiegel, Steindruckerei, auch war die Judensynagoge früher in dem Hause, bevor die Juden das Anwesen in der Fischergasse Hs. Nr. (ohne Nummer) erwarben.«
Das Fachwerkhaus liegt, fußläufig vom Marktplatz zum Schlossplatz, rechter Hand. Nach Vorwerks Recherchen war es »stets, soweit es sich zurückverfolgen lässt, ein Wohnhaus: 1741 umgebaut, im Kern aber möglicherweise sogar aus dem 14. Jahrhundert stammend.«
Nicht vor 1861
Die Zeit, in der Teile des Anwesens als Synagoge genutzt wurden, lässt sich eingrenzen: Vor 1861 hatte es wegen der Zuzugsbeschränkungen in Lohr keine jüdischen Einwohner gegeben. Der erste Jude, der nach Lohr zog, »war 1862 Samuel Selig aus Steinbach, wo es eine kleine jüdische Gemeinde gab«, schreibt Vorwerk. Zwei Jahre später waren es schon sieben Familien. Die Synagoge in der Fischergasse war 1871 ihrer Bestimmung übergeben worden.
Daraus ergibt sich, dass das Gebäude an der Kellereigasse höchstens neun Jahre Versammlungsort und Gebetsstätte der Lohrer Juden gewesen sein kann. Wie die von Vorwerk zitierten Quellen zeigen, dauerte es jedoch nach 1862 noch einige Zeit, bis eine Synagoge eingerichtet wurde.
Kein Geld für eigenes Gebäude
Grund war, dass die wenigen Lohrer Juden zum damaligen Zeitpunkt kein eigenes Gebäude finanzieren konnten und ihnen eine Spendensammlung nicht genehmigt wurde. Zunächst waren sie am Sabbat und den Feiertagen zum Judenhof nach Steinbach gelaufen, was gegen die strengen Sabbatregeln verstieß.
Deshalb waren die Lohrer Juden angehalten, eine eigene Kultusgemeinde zu gründen und eine Synagoge einzurichten. Das Problem wurde schließlich dadurch gelöst, dass die inzwischen 37 Menschen umfassende jüdische Gemeinde auf ministerielle Empfehlung vom 6. April 1867 Räume mietete, und zwar im Hinterhaus am Anwesen mit der Haus- Nummer 173. Dieser Gebäudeteil gehörte nach Geiskopfs Auf᠆zeichnungen damals dem Lohrer Dachdeckermeister Peter Schlumberger, was laut Vorwerk Unterlagen des Lohrer Vermessungsamtes bestätigen.
Perfekt geeignet
Dieses Hinterhaus beschreibt Vorwerk als ideal: Es hatte einen separaten Eingang, entsprach mit seiner ungefähren Ausrichtung der Fenster nach Osten, und damit nach Jerusalem, den religiösen Regeln. Außerdem konnte der Betsaal in zwei Zimmern eingerichtet werden, womit Frauen und Männer vorschriftsmäßig getrennte Räume nutzen konnten.
Und der Betsaal befand sich im ersten Stock, über dem sich nur noch ein unbewohnter Dachboden befand. Damit war eine weitere Regel erfüllt: Die Synagoge sollte an der höchsten Stelle einer Stadt liegen beziehungsweise zwischen ihr und Gott wenigstens niemand wohnen.
Synagoge 1938 geschändet
Vier Jahre nach der ministeriellen Empfehlung, Räume für eine Synagoge zu mieten, war die jüdische Gemeinde in der Lage, ein Haus zu kaufen: das Anwesen an der Fischergasse. An der Kellereigasse befand sich Lohrs erste offizielle jüdische Kultusstätte, an der Fischergasse die zweite und letzte. 67 Jahre nach deren Eröffnung zerstörten SA-Leute während des Novemberpogroms 1938 die Synagoge und schändeten sie.
Monika Büdel
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