Kein brutaler Protestantenverfolger

Geschichtsverein: Historiker Robert Meier rückt Zerrbild von Fürstbischof Julius Echter zurecht

Lohr a.Main
2 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Porträt von Julius Echter in weltlicher Tracht um 1569. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider
Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Tho­mas Jo­sef Möh­ler Im 400. To­des­jahr von Ju­li­us Ech­ter hat die For­schung mit dem Zerr­bild auf­ge­räumt, der Würz­bur­ger Fürst­bi­schof (1573 bis 1617) sei ein fa­na­ti­scher He­xen­ver­fol­ger ge­we­sen. Auch die Un­ter­stel­lung, er sei ein bru­ta­ler Ver­fol­ger der Pro­te­s­tan­ten ge­we­sen, stim­me so nicht, hat Robert Mei­er am Di­ens­tag im al­ten Rat­haus klar­ge­s­tellt. Be­grün­dung:
Seinerzeit habe es noch gar keine klaren Trennlinien zwischen den Konfessionen gegeben.
Der Würzburger Publizist, Archivar und Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Würzburg sprach bei einer Veranstaltung von Geschichts- und Museumsvereins und Volkshochschule vor rund 70 Zuhörern. »Wir betreten vermintes Gelände«, meinte Meier.
Denn das Bild von Julius Echter sei Ende des 19. Jahrhunderts von protestantischen Autoren konstruiert worden, als in Deutschland der sogenannte »Kulturkampf« zwischen dem protestantisch dominierten Staat und der katholischen Kirche getobt habe. Echter sei als Fanatiker dargestellt worden, der das angeblich weitgehend protestantische Unterfranken mit Gewalt zum Katholizismus zurückgeführt habe. Dieses Bild habe sich bis heute gehalten.
Schrott beiseite räumen
Um sich dem historischen Echter zu nähern, muss nach Meiers Worten »viel Schrott beiseite geräumt werden«. Die religiösen Milieus hätten sich noch gar nicht herausgebildet gehabt, im Alltag der Menschen habe Religion keine große Rolle gespielt. Der Referent sprach von »religiöser Indifferenz«. Die Forschung gehe heute von langen Übergangszeiten mit gemischt-konfessionellen Verhaltensweisen aus, so Meier. Das Augsburger Interim, ein Reichsgesetz von 1548, habe die Kommunion in beiderlei Gestalt (Kelchkommunion) und die Priesterehe anerkannt. Das hat nach Meiers Worten »zu individuellen Lösungen vor Ort geführt«.
So sei Jakob Mildenberger Pfarrer im evangelischen Wenkheim mit einer Filialkirche im katholischen Brunntal gewesen und habe die Messe je nach Gebäude in beiden Formen gefeiert. Katholische Pfarrer, die mit Frauen zusammenlebten, seien der Normalfall gewesen. Bei einer Befragung von Knechten und Mägden 1588 in Retzbach habe sich der Großteil unentschieden gezeigt. »Zu diesem Zeitpunkt lief die Gegenreformation schon seit Jahrzehnten«, betonte Meier. Nur sei davon »auf der unteren Ebene wenig angekommen, bis etwa 1600 gab es starke Parallelen zwischen den Konfessionen«. Das gelte auch für Echters Residenzstadt Würzburg.
Mischehen an der Tagesordnung
In der Oberschicht seien konfessionelle Mischehen an der Tagesordnung gewesen. Der Würzburger Historiker Hans-Wolfgang Bergerhausen weise in seinem neuesten Buch nach, dass »Konfessionen im Alltagsleben bis in die 1580er Jahre nicht ausschlaggebend für soziale Beziehungen waren«.
»Wegen dieser Indifferenz macht es keinen Sinn, von einem mehrheitlich protestantischen Unterfranken zu reden - von einem katholischen natürlich auch nicht«, unterstrich Meier. In der Folgezeit werde die Konfession allmählich zum entscheidenden Kriterium, wobei sich der Fürstbischof auf dem Boden des Reichsrechts bewegt habe: Denn nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 habe der Landesherr die Religion seiner Untertanen bestimmt.
Dabei sei Echter eher zurückhaltend vorgegangen. Den Zölibat habe er schon deswegen nicht über Nacht durchsetzen können, weil er zunächst die Ausbildung neuer Priester habe abwarten müssen, die tatsächlich zölibatär lebten. Die Behauptung, 3000 Protestanten seien aus Würzburg vertrieben worden, sei überzogen. Bei damals rund 8000 Einwohnern hätte ein solcher Aderlass das Alltagsleben zusammenbrechen lassen.
Echter hat laut Meier bei den Funktionsträgern von Stadt und Staat in Würzburg den Katholizismus durchgesetzt. Ab 1588 nehme auch unter den einfachen Bürgern die Zahl der Protestanten ab, allerdings weniger durch Vertreibung als vielmehr durch Umerziehung.
Nur Beichte und Kommunion
Als äußeres Zeichen der Rückkehr zur alten Religion seien nur Beichte und Kommunion nach katholischem Ritus an Ostern gefordert worden. »Wir wissen nicht, für wie viele das ein Gewissensproblem war«, meinte Meier. Vielen werde das geforderte Bekenntnis gleichgültig gewesen sein. Tolerant sei Echter nicht gewesen, fasste Meier zusammen, »aber auch nicht so schwarz, wie ihn das 19. Jahrhundert gezeichnet hat«.
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!