In Ausnahmesituationen einfach klingeln: Würzburger Fachstelle hilft nicht nur bei Suizidgefahr

Beratung: Angebot ergänzt weiterhin das in Lohr angesiedelte Krisennetzwerk

Main-Spessart/Würzburg
3 Min.

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Sonja Liebig berät in der "Fachstelle Suizidberatung" Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden.
Foto: Pat Christ
Es geht nach wie vor in ers­ter Li­nie um das The­ma »Kri­se«. Den­noch ist der Würz­bur­ger Kri­sen­di­enst seit Kur­zem um­ge­tauft: Die auch für Main-Spess­art zu­stän­di­ge Ein­rich­tung heißt nun »Fach­s­tel­le Sui­zid­be­ra­tung - Un­ter­stüt­zung in kri­ti­schen Le­bens­si­tua­tio­nen«. Die Na­mens­än­de­rung war not­wen­dig ge­wor­den, weil es seit 2020 ein neu­es »Kri­sen­netz­werk« gibt. Das ist in Lohr an­ge­sie­delt und für ganz Un­ter­fran­ken zu­stän­dig. Bei­de Ein­rich­tun­gen wei­sen Schnitt­men­gen auf. Un­ter­schied­lich ist der Zu­gangs­weg.

Menschen, die eine schwere Krise durchmachen, können sich sowohl an das Krisennetzwerk als auch an die Fachstelle wenden. Das Netzwerk berät allerdings zunächst ausschließlich telefonisch. Nur, wenn der Fall als dringend eingestuft wird, kommen Fachkräfte vor Ort. »Bei uns muss man nicht unbedingt anrufen, man kann einfach kommen und an der Tür klingeln«, sagt Sonja Liebig von der Fachstelle Suizidberatung. Das hilft Menschen, die so aufgelöst sind, dass sie befürchten, am Telefon womöglich kein vernünftiges Wort herauszubringen. Vor lauter Schluchzen.

Trotz akuter Krise ist die Motivation zunächst oft eher gering, sich Hilfe zu holen. Das, so Sonja Liebig, sei auch nachvollziehbar: »Die Menschen probieren erst einmal, ob sie ihre Krise aus eigener Kraft überwinden können.« Sie versuchten, ihre Ressourcen zu aktivieren: »Oder mit Freunden über ihre Situation zu sprechen.« Erst, wenn nichts mehr geht, trauen sie sich, Hilfe zu suchen. Etwa bei der Fachstelle Suizidberatung. »Wir würden uns wünschen, dass es noch selbstverständlicher wird, zu uns zu kommen«, sagt die Beraterin.

Tod und Trauer häufigste Themen

Wohnungsverlust, Umzug, Krankheit, drohender Jobabbau oder eine Trennung können in seelische Not stürzen. Zu den häufigsten Beratungsthemen in der Fachstelle gehört laut Sonja Liebig der Verlust eines anderen Menschen durch Trennung oder Tod. Den Schmerz zu überwinden, dass man plötzlich alleine ist, dauert laut der Krisenberaterin meist lange. Viele ihrer Klienten sind anfangs überzeugt, dass es für sie nie wieder möglich sein wird, auch nur einen Funken Freude im Leben zu empfinden. In der langen Zeit der Umstellung und der Auseinandersetzung mit dem Schicksalsschlag hilft die Einrichtung durch Gespräche vor Ort.

Sonja Liebig weiß, dass die Namensänderung der von ihr stellvertretend geleiteten Einrichtung für Verwirrung sorgt: Kann man sich denn auch melden, wenn man keine Suizidgedanken hat? »Natürlich!«, versichert sie. Wobei Suizidalität das häufigste Beratungsthema bleibt. Sei es, dass einem Menschen, der in einer für ihn kaum noch zu ertragenden Situation steckt, der Gedanke durch den Kopf geht: »Ich würde am liebsten nicht mehr leben!« Sei es, dass Angehörige den Verdacht haben, dass ein Familienmitglied, dem es schon lange nicht gut geht, über Selbsttötung nachdenkt. Oder sogar schon versucht hat, sich das Leben zu nehmen.

Viele Studenten in seelischer Not

Was ist ein Indiz für Suizidalität? Wie soll man mit einem Menschen umgehen, der womöglich den Gedanken hegt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden? Macht man nicht alles nur noch schlimmer, wenn man offen anspricht, was einen beunruhigt? Genau für diese Fragen bleibt die Fachstelle Suizidberatung neben dem Krisennetzwerk eine wichtige Adresse für alle Menschen, die in Würzburg, Kitzingen oder Main-Spessart leben. Sonja Liebig und ihre Kolleginnen beraten Fachkräfte anderer psychosozialer Anlaufstellen. Lehrerinnen und Lehrer. Oder Mitarbeiter von Jugendeinrichtungen. Viele haben derzeit mit Klienten in krisenhaften Situationen zu tun.

So stürzte die Pandemie junge Menschen, die sich auf einen Ortswechsel durch das Studium gefreut haben, in seelische Not. Viele zogen ins Elternhaus zurück. Wo sie in ihrem alten Zimmer einsam vor dem Monitor hocken, um auf Distanz zu studieren. Unter der Isolation leiden laut Sonja Liebig vor allem Studierende, die sich mit Kontakt schwertun, weil sie an sozialen Ängsten leiden: »Durch die Pandemie kommen sie völlig aus der Übung, was das Kontakteknüpfen anbelangt.« Sind sie gezwungen, zu telefonieren, kann dies Ängste auslösen. Und wie sollen sie sich jemals »live« in einem Job bewähren?

Neue Horizonte

Im Gespräch mit der Krisenberaterin tun sich neue Horizonte auf. Entlastend wirkt vor allem das Verständnis - an dem es im Umfeld der Klienten oft mangelt. So sind lange Trauerperioden im Getriebe unseres Alltags kaum vorgesehen. Doch Trauerphasen ziehen sich oft lange hin. »Meist kommt die Trauer nach drei oder vier Monaten erst so richtig hoch«, sagt Liebig. Immer wieder erzählen ihr trauernde Klienten davon, wie unsensibel ihre Mitmenschen auf sie reagieren. Manche Reaktionen werden als nachgerade schockierend erlebt. Da erzählt etwa jemand begeistert, was die Tochter gerade so treibt. Dabei ist die eigene Tochter kaum ein halbes Jahr beerdigt.

Immer wieder fragen sich Klienten, ob sie in der Fachstelle nicht fehl am Platz sind, fällt Sonja Liebig auf. Sind sie wirklich »schwer genug« betroffen? Haben sie wirklich ein »Recht« auf Hilfe? Solche Gedanken sind unnötig, versichert die Sozialarbeiterin. Es sei der Job von Krisenberatern, einzuschätzen, ob, welche und wie viel Unterstützung nötig ist. Niemand müsse Angst haben, einem anderen, womöglich schwerer Betroffenen den Platz wegzunehmen. Je nach Tragweite der Krise sind in der Fachstelle bis zu zehn Gespräche möglich. Werden diese zehn Gespräche angeboten, gibt es keinen Grund, wegen »schlechten Gewissens« auf sie zu verzichten.

Hintergrund: Fachstelle Suizidberatung

An die Fachstelle Suizidberatung können sich Menschen aus der Region Würzburg mit akuten psychischen Problemen sowie bei Suizidgefahr wenden. Die Beraterinnen sind in allen kritischen Lebenssituationen da, es müssen keine Suizidgedanken auftauchen. Beraten werden auch Angehörige oder Freunde sowie Mitarbeiter psychosozialer Einrichtungen. Die Fachstelle kann an jedem Werktag von 14 bis 18 Uhr am Würzburger Kardinal-Döpfner-Platz 1 aufgesucht oder unter Tel. 0931 571717 kontaktiert werden.

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