Historische Detektivarbeit

Vortrag: Winfried Mogge stellt Erkenntnisse zur jüdischen Geschichte in Rothenfels vor - Buch in digitaler Form kostenlos erhältlich

Marktheidenfeld
2 Min.

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Winfried Mogge erläuterte die Würzburger Urkunde von 1222, in der Jude »Nathan von Rothenfels« erwähnt wird - der erste namentlich bekannte Bewohner von Rothenfels.
Foto: Henrietta Hartl
Was be­wegt ei­nen His­to­ri­ker aus Ber­lin da­zu, sich auf die Spu­ren der fast un­be­kann­ten Ju­den­ge­mein­de von Ro­then­fels zu be­ge­ben?
Die Antwort: Winfried Mogge war jahrelang Bildungsreferent auf Burg Rothenfels. Auf einer Tagung dort packte den promovierten Historiker auch die Herausforderung: Kaum etwas ist bekannt über die Geschichte der dortigen jüdischen Gemeinde - da müsste doch etwas herauszufinden sein? Mit dem Spürsinn und der Hartnäckigkeit eines Historikers ging Mogge die Sache an.
Seine Erkenntnisse präsentierte er am Montag vor einem Dutzend Zuhörern bei der VHS Marktheidenfeld, in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis Synagoge Ursprüngen. Dessen Vorsitzender Leonhard Scherg, der selbst zum Thema jüdisches Leben in Unterfranken veröffentlicht hat, stellte den Referenten vor und steuerte Bildmaterial bei.
Der Vortrag zeichnet ein Bild des Rothenfelser jüdischen Lebens durch die Jahrhunderte, den ständigen Kampf gegen Ablehnung und Ausweisung, aber auch das alltägliche Leben und die allmählichen Erfolge auf dem langen Weg zu gleichberechtigten Bürgern. In Rothenfels gab es schon im Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Tatsächlich ist der erste namentlich bekannte Einwohner von Rothenfels ein Jude: Eine Würzburger Urkunde aus dem Jahr 1222 erwähnt »natan de rotenuelse«, also Nathan aus Rothenfels.
Friedhof in Kataster aufgespürt
Diese jüdische Gemeinde verschwand aber wieder zu einem unbekannten Zeitpunkt. Erst im 17. Jahrhundert siedelten sich dann wieder Juden an. Mogge rekonstruierte das aus vielen amtlichen Akten, Korrespondenzen und Protokollen. In einem alten Kataster spürte er einen schon vor Jahrhunderten aufgelassenen jüdischen Friedhof auf. Auch einige der oft nur in einer Dachstube angesiedelten jüdischen Religionsstätten konnte er lokalisieren.
Mogge betont, dass die andernorts häufigen Ausschreitungen gegen Juden in Rothenfels wohl nicht stattfanden. Allerdings gab es massive Anfeindungen, die immer wieder in Appelle an die Obrigkeit mündeten, die Juden doch auszuweisen. Dabei ging es auch um religiöse Überzeugungen im katholischen Umfeld. Aber als Hauptargumente tauchen immer wieder wirtschaftliche Konkurrenz und Wohnungsnot auf - ein ewig aktuelles Muster.
Gegen 1900 endete die Geschichte der Juden in Rothenfels wegen Überalterung der Familien und Abwanderung ihrer jungen Mitglieder. »Jetzt ist kein Jude mehr hier ansässig«, heißt es nüchtern in der Pfarrchronik. Das unrühmliche Kapitel der nationalsozialistischen Judenverfolgung blieb damit der Rothenfelser Geschichte erspart - nicht aber den jüdischen Nachkommen. Viele Spuren, die Mogge nachverfolgen konnte, endeten in nationalsozialistischen Todeslagern.
Mogge hat über seine Erkenntnisse auch ein Buch veröffentlicht mit dem Titel »Wir hingegen in gedachten städtlein gebohren und gezogen seyn« - Auf den Spuren der Juden von Rothenfels am Main. Die Kleinstauflage war schnell vergriffen, daher stellt der Autor das Buch nun in digitaler Form auf der Webseite des Förderkreises Synagoge Urspringen kostenfrei zur Verfügung:
www.synagoge-urspringen.de/veroeffentlichungen/
Henrietta Hartl
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