»Es wird Weiterentwicklungen geben«

Bürgernetz: Der Breitbandausbau allerorten kostet einige Mitglieder, bedeutet aber nicht das Ende - Funknetzwerk als Alternative weiter gefragt

Main-Spessart
5 Min.

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»Wir machen weiter«: Das Bürgernetz mit seinem Funknetzwerk ins Internet bleibt als Alternative zum leitungsgebundenen Breitbandausbau gefragt. Geschäftsführer Christoph Purrucker (links) und Vorsitzender Jürgen Kraft sichern Weiterentwicklungen zu.
Foto: Klaus Fleckenstein
»Brü­cken­funk­ti­on« woll­te das Bür­ger­netz Main-Spess­art er­fül­len, das sich in den 90er Jah­ren als Selbst­hil­fe­ve­r­ei­ni­gung ge­grün­det hat, um den Weg ins In­ter­net zu eb­nen und zu be­sch­leu­ni­gen. Kos­ten­güns­ti­ge und pfif­fi­ge tech­ni­sche Lö­sun­gen ha­ben die Bür­ger­netz­ler in Ei­gen­in­i­tia­ti­ve ge­schaf­fen, als in klei­nen Land­ge­mein­den bei gro­ßen An­bie­tern nichts lief mit sch­nel­lem On­li­ne­ge­hen.
Welche Zukunft hat das Bürgernetz bei der nun auch auf dem Land immer breit(bandig)er werdenden Datenautobahn? Darüber sprach Redaktionsleiter Klaus Fleckenstein mit dem Vorsitzenden Jürgen Kraft und Geschäftsführer Christoph Purrucker.

Viele Gemeinden und Ortsteile sind im vorigen Jahr mit schnellem DSL versorgt worden oder der Breitbandausbau steht bevor - braucht es da noch einen Bürgernetzverein und seine Angebote?
Diese Frage haben wir uns auch gestellt und vor einem Jahr den Beschluss gefasst, dass wir weitermachen. Nach wie vor kann nicht jeder 16000 Megabit, ADSL oder Breitbandkabel bekommen. Es gibt noch viele, die mit 1000er, 2000er DSL leben müssen. Für die bieten wir eine sehr gute Alternative.

Was unterscheidet das Bürgernetz von kommerziellen Anbietern?
Wir sind ein Verein. Unsere Kunden heißen Mitglieder, haben Vorteile, Rechte und Pflichten. Jeder kann seine Arbeitsleistung, seine Ideen einbringen. Wenn das eine Mehrheit findet, setzen wir das um.

Wie viele Mitglieder und Nutzer hat das Bürgernetz?
Knapp 500. Es sind ein paar weniger geworden. Man merkt den Breitbandausbau in den einzelnen Ortsteilen. Da steigen natürlich einige um. Wavelink nutzen 280 Mitglieder.

Mit dem Zugang per Modem oder ISDN ist das Bürgernetz landkreisweit gestartet - nutzt das heute noch einer?
So gut wie nicht mehr. Wir überlegen auch, das abzuschalten. Die Betriebskosten sind verschwindend gering und so bleibt das, weil es immer noch den einen oder anderen gibt, der das gelegentlich nutzt.
Das Bürgernetz hat eines der größten Funknetzwerke aufgebaut, das von Langenprozelten bis Rothenfels reicht. Wavelink, was steckt dahinter?
Von der Technologie her ist Wavelink ein drahtloses Netzwerk. Vor über einem Jahrzehnt haben wir Experimente mit der neu aufgekommenen WLAN-Technik gemacht, mit dem Ziel das Internet schneller an die Haushalte zu bringen, ohne teuer neue Leitungen verbuddeln zu müssen. In mehre- ren Entwicklungszyklen haben wir das hochgerüstet, immer schneller, immer störsicherer, sind Profis bei der Funkübertragung geworden. Die ist so stabil, dass sie eigentlich nicht mehr unterscheidbar ist von leitungsgebundenen Angeboten.

Und äußere Störungen bei der Funkübertragung?
Ja, das gibt es - ein Nachteil unserer alten Wavelink-2.0-Lösung, die auf dem 2,4-Gigahertzband arbeitet. Das ist sehr überlaufen, so dass sich Nutzer selber stören konnten mit ihrem WLAN im Haus oder der Mikrowelle. Es gibt auch Störungen durch Hochspannungsleitungen. Da mussten wir schauen, dass wir mit den Funkstrecken drüber oder drunter kommen.

Welche technischen Voraussetzungen sind erforderlich?
Ganz einfach, ein Router und eine Sichtverbindung zu einer Basisstation. Der Antennenrouter wird von uns für einmalig 39 Euro zur Verfügung gestellt. Anschrauben, ausrichten, einstecken und einschalten, dann läuft es. Manchmal muss man für die Montage des Antennenrouters auch aufs Dach steigen, um eine Sichtverbindung zu bekommen.

Was kostet ein Internetzugang beim Bürgernetz?
Zweigeteilt, einmal Mitgliedsbeitrag 5,50 Euro im Monat und die Flatrate für unbegrenzte Nutzung für 14 Euro im Monat. Wer wenig surft, kann auch nach Volumen abrechnen mit einem Cent pro Megabyte.
Welche Verbesserungen bringt der aktuell laufende Umstieg auf Wavelink 3.0?
Auf jeden Fall mehr Performance. Die Technik bringt bei den Mitgliedern Übertragungsgeschwindigkeiten von 10 Megabit symmetrisch. Nur bei uns ist das Hochladen genauso schnell wie das Runterladen. Mit leistungsstärkeren Routern kommen wir auch auf 20 Megabit symmetrisch. Solche Lösungen bieten wir für Firmenmitglieder an.

Der VDSL-Ausbau der Telekom ist in Pflochsbach schnell auf Kapazitätsgrenzen gestoßen, gibt es die bei Wavelink auch?
Begrenzen tun wir nichts. Wenn es auf einem Benutzereinstieg zu viele Mitglieder werden, dann ziehen wir die Verbindung intern um oder bauen aus. Das sind alles keine Großinvestitionen. Wir haben nun genügend Frequenzen, um fast beliebig ausbauen zu können.

Ist an einen Ausbau des bestehenden Netzes um weitere Orte gedacht?
Wir sind da zurückhaltend aktuell. Für den Stadtteil Ruppertshütten haben wir das angeboten. Aber gemeldet haben sich nur acht Interessierte. Wir hätten 20 gebraucht, damit es einigermaßen kostendeckend ist. In Hopferstadt im Landkreis Würzburg haben wir vor einigen Jahren ein Funknetzwerk, mit dem ein kommerzieller Anbieter gescheitert ist, übernommen. Mit sehr viel Erfolg. Hopferstadt hat nun VDSL bekommen, da werden wir auch einige verlieren. Aber wir haben sie über Jahre versorgt. Genau wie Neuendorf, wo wir auch zehn Jahre der einzige waren, der Breitband in den Ort gebracht hat.

Schnelligkeit ist immer mehr Trumpf, wenn es um Bewegtbildübertragung geht. VDSL bietet Fernsehen auf Abruf in HD-Qualität. Geht das auch mit Wavelink?
Ja, klar. Aber wenn einer den 50 000er VDSL-Anschluss bekommt, sollte er den nehmen. Wir liefern für private Nutzer maximal 10 Megabit, auch damit kann man über die Mediatheken problemlos Sendungen in HD anschauen. Klar, wenn man gleichzeitig im Haus mehrere HD-Videos gucken will, dann braucht man einen schnelleren Anschluss. Unserer Ansicht nach ist Internet aber das falsche Medium, um Fernsehen zu verteilen. Das ist ein Bandbreitenfresser ohne Ende.
Könnte Wavelink eine Alternative sein für kleine Siedlungsbereiche wie Weiler, Aussiedlerhöfe, für die sich Glasfaserausbau nicht rechnet?
Auf jeden Fall. Klar, es gibt noch andere Funklösungen wie LTE, die noch größere Flächen abdecken. Wavelink ist eine vernünftige und bezahlbare Lösung, Wenn wir interessierte Leute finden, die mithelfen, können wir das machen.

Ist es schwierig, ausreichend aktive Helfer zu finden?
Es kommen immer wieder junge leute und Rentner neu hinzu. Bei uns kann man auch was über Technik lernen und ausprobieren. Ohne unsere Rentner und Pensionäre hätten wir den Verein schon lange dicht machen können.

In der Satzung ist auch Beratung und Schulung verankert, wird das noch nachgefragt?
Früher haben wir regelmäßig Schulungen gemacht. Heutzutage sind die Schulungen eher intern, um technologisch auf aktuellem Stand zu bleiben. Wir laden uns Referenten ein, die bestimmte Router erklären oder mit uns Funkstrecken planen. Da können auch Mitglieder teilnehmen. Beratung machen wir gern, wenn Leute auf uns zukommen.

Kann das auch Beratung von Gemeinden sein, wenn Breitbandausbauentscheidungen anstehen?
Natürlich, da sogar insbesondere. Die Stadt Lohr ist leider nicht auf uns zugekommen, obwohl wir eine Kooperation mit den Stadtwerken haben und Hochbehälter-Anbindungen über unser Netz betreiben.

In die Zukunft geblickt: Sind noch Steigerungen der Übertragungsleistungen zu erwarten?
Es wird Weiterentwicklungen geben. Das 5-Gigahertzband bietet genügend Ressourcen. Sicher werden wir die Datenrate noch aufs Doppelte bringen können. Wir wollen aber auch ganz klar sagen, dass der Verein satzungsgemäß eine Brücke anbieten will. Wenn es kommerzielle Anbieter gibt, die ein ansprechendes Angebot machen, dann sind die Mitglieder gerne aufgefordert, darauf einzugehen. Deswegen haben wir auch kurze Vertragslaufzeiten, kündbar zum Monatsende, weil wir niemand im Weg stehen wollen.
Was kann das Bürgernetz noch bieten?
Wir haben aktuell als großes Thema die BNMSP-Cloud. Damit können Mitglieder ihre Mails, Dateien, Kontakte und Termine kostenlos zentral auf unse- rem Server speichern und mit allen Geräten, ob mit PC, Laptop, Tablet oder Smartphone synchron zugreifen.

Das bieten die Großen wie Google und Apple doch auch.
Bei Google bezahlt man mit seinen Daten, die in personalisierte Werbung umgesetzt wird. Wir haben ein völlig werbefreies Angebot. Bei uns bleiben die Daten in Lohr und landen nicht irgendwo in den USA. Unsere Cloud bieten wir ohne Speicherplatzbegrenzung. Wenn unser Server die Kapazitätsgrenze erreicht, dann wird erweitert. Das läuft bei uns alles unbürokratisch.
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