Eine Kirche, die vier mal gebaut wurde

St. Michael: Das Gebäude am Neustadter Friedhof könnte auf Jagdschloss von Karl dem Großen zurückgehen

Neustadt a.Main
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Eine Führung durch die Baugeschichte der ehemaligen Pfarrkirche St. Michael bot interessante Einblicke in die Geschichte von Neustadt. Fotos: Jochen Kümmel
Foto: Jochen Kümmel
Architekt Johannes Hettiger (rechts) erläuterte die vier Epochen der Michaelskirche.
Foto: Jochen Kümmel

Alle Zutaten für einen historischen Roman der ersten Güte bietet die Geschichte der ehemaligen Pfarrkirche St. Michael von Neustadt auf dem Michaelsberg. Dies zeigte Architekt Johannes Hettiger bei der Führung durch die heutige Friedhofskirche in kleiner Runde am Samstagnachmittag in einem äußerst spannenden Vortrag auf.

Die Volkshochschule Lohr sowie der Geschichts- und Museumsverein Lohr hatten zusammen mit der Gemeinde Neustadt im Rahmen der 1250-Jahrfeier zur Zeitreise eingeladen.

Vielfältige Theorien

Die Baugeschichte der Kirche startet in der karolingischen Zeit: Von der ersten Klosteranlage, einer Jagdschlossanlage, bis hin zu einer Rückzugsschutzburg für die Klosterbewohner im 8. Jahrhundert gehen die Annahmen zurück. »Die Spekulationen, was da gewesen sein könnte, sind vielfältig«, erläuterte Johannes Hettiger.

Am wahrscheinlichsten sah Hettiger, dass die Anlage das Jagdschloss von Karl dem Großem war, die damals bereits mit einer kleinen Kapelle versehen war sowie eine Einfriedung hatte. Gestützt wird diese Theorie dadurch, dass Karl der Große für die Klostergründung ein Areal in der Nähe seines Schlosses geschenkt haben soll. Allerdings beruht dies auf Hypothesen, da dies durch datierbare Funde letztlich nicht nachgewiesen werden konnten.

Ein großes Ding seiner Zeit

Belegt durch Grabungen im Kirchenraum in den 1970er-Jahren hingegen ist, dass es drei Vorgängerkirchen in unterschiedlichen Größen gab. Die Bauweise des Ursprungsbaus aus der karolingischen Zeit spricht laut Hettiger dafür, dass es sich um einen wichtigen Ort und für die damalige Zeit um »ein großes Ding« gehandelt hat.

Die »Kirche 2« hingegen war viel kleiner und schlichter gebaut. Möglicherweise handelte es sich um einen Notaufbau in Folge eines Brandes oder Überfalls. Bei den Untersuchungen gefundene verrußte Steinbrocken mit Mörtelresten stützen diese Theorie. In den Jahren 900 bis 1000 gab es Überfälle von Reitergruppen aus Ungarn, die regelmäßig Klosteranlagen gebrandschatzt und geplündert haben. Typische ungarische Speerspitzen wurden nachgewiesen.

Kirche gesund, Turm marode

Die »Kirche 3« zeigte romanische Stilmerkmale wie typische Fensteröffnungen auf und wird um 1100 eingestuft. Vieles von der »Kirche 4« aus dem 17. Jahrhundert steckt in der heutigen Friedhofskirche. Neben einer Erweiterung des Kirchenraumes wurde auch der Chorturm um 1730 erhöht und die Dachform verändert. Die denkmaltechnische Voruntersuchung durch Architekt Johannes Hettiger ergab seinen Ausführungen nach einen gesunden Zustand des vor 30 Jahren renovierten Kirchenraums ohne gravierende Schäden. Auch die nach außen gegangenen Wände sind laut Statiker kein Problem. Der Raum müsste bei einer möglichen Sanierung gereinigt, neu gestrichen und aufgefrischt werden. Auch die Fenster müssten überarbeitet werden.

Kostenschätzung kommt

In einem wesentlich schlechteren Zustand befindet sich allerdings der Chorturm, er weise einen »Sanierungsstau« auf. Den oberen Teil des Turmes hatte man 1989 bei der Sanierung ausgespart. Wegen fehlender Dachrinne am Turmdach habe es Feuchtigkeitsschäden gegeben, unter anderem an den Pfosten der Laterne (turmartiger Aufbau). Auch der Gesimskranz sei marode. Risse im Mauerwerk, eine angegriffene Turmkonstruktion und eine defekte Schiefereindeckung werden ebenso in die Kostenschätzung eingehen.

Bürgermeister Stephan Morgenroth hofft auf eine gute Kostenschätzung, über die der Gemeinderat in einer der nächsten Sitzungen entscheiden muss. Morgenroth bedauerte, dass nur wenige Interessierte auf den Michaelsberg gekommen waren.

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