»Ein Tupper-Abend zum Thema Erziehung«

Elterntalk:Main-Spessart-Premiere des bayernweiten Projekts – Eltern diskutieren über Mediennutzung, Suchtvorbeugung und gesundes Aufwachsen ihrer Kinder

MAIN-SPESSART.
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Elterntalk-Umfrage
Foto: Sylvia Schubart-Arand
Elterntalk-Umfrage
Foto: Sylvia Schubart-Arand
Elterntalk-Umfrage
Foto: Sylvia Schubart-Arand
Beim »Elterntalk« an der Karlstadter Grundschule diskutierten vier Bürgermeister zum Thema »Familienalltag mit Medien«. Foto: Sylvia Schubart-Arand
Foto: Sylvia Schubart-Arand
»El­tern­talk« ist ein 2001 ein­ge­führ­tes bay­ern­wei­tes Pro­jekt für Müt­ter und Vä­ter mit Kin­dern im Al­ter bis 14 Jah­ren, das El­tern ins Ge­spräch bringt über Fern­se­hen, In­ter­net, Smart­pho­ne, Com­pu­ter­spie­le, Kon­sum, Sucht­vor­beu­gung und Er­zie­hungs­fra­gen.

Neu ist das niedrigschwellige Angebot seit diesem Jahr im Landkreis Main-Spessart. Am Montag fand die Auftaktveranstaltung in der Grundschule in Karlstadt statt, zu der neben vielen Eltern auch Schulsozialarbeiter aus dem Landkreis gekommen sind. Dabei diskutierten die Bürgermeister von Karlstadt, Arnstein, Marktheidenfeld und Zellingen zum Thema »Familienalltag mit Medien«.

»Elterntalk – das ist ein Tupper-Abend zum Thema Erziehung«, zog die kommissarische Schulleiterin der Grundschule, Martina Rothmund, im Spaß einen Vergleich mit privaten Treffen, bei denen die Haushaltsartikel aus Kunststoff vorgestellt werden. Mütter und Väter seien meist schon Experten durch den Umgang mit ihren Kindern geworden, aber gerade der Austausch mit anderen Eltern helfe manchmal mehr als jeder Ratschlag von professionellen Helfern.

Erziehungskompetenz stärken

Ziel des Elterntalk ist der Austausch in geführten Gesprächsrunden zu den Themen: Medien, Konsum, Erziehung, Suchtvorbeugung und gesundes Aufwachsen in der Familie. Die evangelische Jugendhilfe setzt als Standortpartner das neue Angebot in enger Kooperation mit der Familienbildung des Landkreises Main-Spessart um.

»Der Familienalltag wird komplexer, denn immer wieder steht man vor Entscheidungen bereits vor der Geburt, nämlich ob es eine Hausgeburt oder die Niederkunft im Krankenhaus sein soll, es geht weiter über die Ernährung bis hin zur Erziehung und Schule«, stellte Jürgen Keller von der evangelischen Jugendhilfe fest; sie hat die Schulsozialarbeit an der Grundschule Karlstadt übernommen. »Der Elterntalk ist ein Baustein, ein neuer Aspekt, der dazu gekommen ist, ein ergänzendes Projekt, um Eltern zu sensibilisieren und sie in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken«, stellte Regionalbeauftragte Stefanie Greß von der Evangelischen Jugendhilfe das Projekt vor. Elterntalk steht für Fachgespräche von Eltern für Eltern, die sich im privaten Rahmen zu einem Erfahrungsaustausch über Erziehungsfragen in der Familie treffen. Es sollten kleine Gruppen sein mit vier bis sechs Eltern, die über Erziehungsthemen sprechen. Im Mittelpunkt eines Talks sollte immer ein Thema bleiben, wobei ein Moderator die Gesprächsführung übernimmt. Greß bildet interessierte Moderatoren aus, die keine Vorerfahrung mitbringen müssen.

Wie so ein Eltern-Talk ablaufen kann, demonstrierten die Bürgermeister Wieland Gsell (Zellingen), Paul Kruck (Karlstadt), Helga Schmidt-Neder (Marktheidenfeld), alle selbst Eltern beziehungsweise schon Großeltern und Anna Stolz (Arnstein) sowie die Sozialpädagogin und Mutter Constanze Friedl (Familienstützpunkt) und Jürgen Keller. »Wichtig ist das eigene Vorleben«, verdeutlichte Kruck. Für seinen Kollegen Gsell geht das Handy beim Essen gar nicht. »Besser ist doch das Miteinanderreden«, nennt er als Begründung, warum am Tisch der Fernseher auch mal aus bleibt. »Gemeinsames Fernsehen ist schöner«, so Schmidt-Neder. Gern erinnert sie sich ans gemeinsame Sonntagsprogramm mit der »Sendung mit der Maus«, bei dem immer sie und ihr Mann auslosten, wer mit den Kindern schauen durfte und wer in die Küche geht.

»Eltern, traut euch«

Auch wenn die Medien anders geworden sind, fordert die Marktheidenfelder Bürgermeisterin Eltern auf: »Seid Vorbilder und mutig.« Was das bedeutet, formuliert Keller so: »Eltern, traut euch, Regeln zu setzen.« Denn die Medien seien fieser geworden und deshalb sei es manchmal nötig, für die Kinder zu entscheiden.

Friedls Problem, das auch viele Eltern im Zuhörerbereich kannten: »Der Druck von außen. Da muss man sich als Eltern behaupten.« Zwar noch keine Mutter, konnte Anna Stolz als zweifache Patentante mitreden. »Man darf die neuen Medien nicht verteufeln, aber es gehört Maß und Ziel dazu und kein unreflektierter Umgang, sondern Spielregeln, an die man sich halten muss – sowohl die Eltern als auch die Kinder.« Man sollte nicht selbst den Verlockungen erliegen, schnell mal aufs Handy zu schauen, auch während eines gemeinsamen Essens, waren sich die Talker in der Runde einig.

Schmidt-Neder warnte vor einem extremen Verbieten – das würde erst Recht Interesse wecken. Besser sei es, gemeinsam einen Mittelweg zu suchen. »Wie gehe ich denn damit um, wenn sich mein Kind Taschengeld und Geldgeschenke spart und ein Handy kauft? Dann kann ich es einem Zwölfjährigen nicht einfach wegnehmen, oder doch«, warf Kruck ein. Selbst wenn der Teenager es besitzt, obliege die Internetnutzung den Erwachsenen.

»Verlängerte Nabelschnur«

Im Laufe des Gesprächs ging es noch um die Medienkompetenz, »digital native«, also die Generation, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist und die Frage, ob schon Medienkompetenz im Kindergarten sein muss. »Je früher Kinder einsteigen, desto höher sehe ich die Suchtgefahr«, so die Meinung von Gsell. Für ihn ist das Handy »die verlängerte Nabelschnur zur Mama«. Kruck sah den Kontrast vom überbehüteten Kind, das auf dem Spielplatz nicht einmal in 50 Zentimetern Höhe herumklettern darf, zum völlig verwahrlosten, das im Kinderzimmer ohne Einschränkung im Netz herumsurfen darf.

Eltern nahmen mit nach Hause, dass es wichtig ist, weg von der Reizüberflutung zu kommen, auch einmal Langeweile aus- und Ruhephasen einzuhalten und Augen in die Ferne zu richten, damit Augennerven sich nicht verkürzen durch den ständigen Blick nur auf Computer und Handy. Der wichtige Weitblick eben – nicht nur im übertragenen Sinn.

SYLVIA SCHUBART-ARAND
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!