Ein "Star" der Spätgotik aus Lohr

Heimatgeschichte: Bildschnitzer Hans Gottwald stammt aus der Muschelgasse - Tod vor 475 Jahren in Thüringen

Lohr a.Main
3 Min.

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Das Anwesen Muschelgasse 29 gilt als Geburtshaus von Hans Gottwald. An der auffälligen Eckabschrägung (rechts) war das Muschelgassentor befestigt. Foto: Thomas Josef Möhler
Foto: Thomas Josef Möhler
Das auf der Gedenktafel am Geburtshaus Muschelgasse 29 angegebene Sterbejahr 1542 ist umstritten. Einige Historiker nehmen 1543 an. Foto: Thomas Josef Möhler
Foto: Thomas Josef Möhler
Vor 475 Jah­ren ist der in Lohr ge­bo­re­ne Hans Gott­wald (an­de­re Sch­reib­wei­se: Gott­walt) in Thürin­gen ge­s­tor­ben. Den Bild­schnit­zer und Schü­ler von Til­man Rie­men­schnei­der wür­de man heu­te als "Star" be­zeich­nen. In der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts war er ein be­kann­ter Künst­ler der deut­schen Spät­go­tik.

Als sein Geburtshaus wird das Anwesen Muschelgasse 29 neben der Steinmühle angenommen, an dem heute eine Gedenktafel hängt. Dabei stütze man sich auf Aufzeichnungen in den Baumeister- und Bürgermeisterrechnungen des Lohrer Stadtarchivs, in denen von einem "Gottwalts-Haus" die Rede sei, schreibt Waldemar Weigand in seiner Gottwald-Biografie "Hans Gottwalt von Lohr a. Main" (Lohr 1969, Band 7 der Schriftenreihe des Geschichts- und Museumsvereins Lohr).

Der Geburtsort deutet darauf hin, dass er aus einem Schiffer- und Fischergeschlecht stammt. Lohr hatte seinerzeit etwa 1500 Einwohner. Sein Geburtsjahr dürfte um 1480 liegen, aber wohl nicht früher als 1475. Wie Hans Gottwald zur Bildschnitzerei kam, ist noch im Dunkel der Geschichte verborgen.

Lehrjahre in Würzburg

Im Lehrjungenverzeichnis der Würzburger St.-Lukas-Gilde, in der Bildschnitzer, Maler, Glasmacher und Glaser zusammengeschlossen waren, wird er für das Jahr 1501 als einer von elf Lehrlingen des berühmten Tilman Riemenschneider genannt - an dritter Stelle. Nach den damaligen Gepflogenheiten bedeutet das, dass Gottwald der drittälteste Lehrling in Riemenschneiders Werkstatt an der Franziskanergasse war.

Womöglich sei er mit der drei- bis vierjährigen Ausbildung sogar schon fertig gewesen, aber noch nicht freigesprochen worden, weil er noch sein Lehrgeld abarbeiten musste, mutmaßt Weigand. Nicht lange danach muss er freigesprochen worden sein und sich auf die Wanderschaft begeben haben, denn 1503 wird er im Stadtbuch des wirtschaftlich aufstrebenden Saalfeld in Thüringen als "Hans Gottwalt von Lor" genannt.

Er wird Geselle in der Werkstadt des seinerzeit bekannten Malers Valentin Lendestreich und macht sich nach dessen Tod in der zweiten Hälfte des Jahres 1506 selbstständig. Sein gestiegener gesellschaftlicher Status lässt sich daran ablesen, dass er die Tochter eines angesehenen Bürgers, des Schützenmeisters Dictus, heiratet und die Bürgerrechte und die Meisterrechte erwirbt.

In den Saalfelder Quellen ist er fast ununterbrochen bis 1542/43 nachzuweisen. 1534 wird er "Senior" genannt, sein gleichnamiger Sohn übt das Schusterhandwerk aus. In der Stadtrechnung von 1543/44 werden nur noch sein Sohn und seine Witwe erwähnt. Von 1572 bis 1606 wird sein ebenfalls gleichnamiger Enkel genannt, der sein künstlerisches Talent geerbt hat und als Maler arbeitet.

Kurz vor seinem Tod hat Hans Gottwald seine Geburtsstadt Lohr besucht. Rechnungsbelege im Lohrer Stadtarchiv über die Zeche legen nahe, dass der seinerzeit sehr bekannte Bildschnitzer im Hochsommer 1542 nach Lohr gekommen ist und in der Ratsstube der Stadt offiziell empfangen wurde.

Seine Hauptschaffenszeit hatte Hans Gottwald etwa bis zum Jahr 1520 mit rund 40 Altären, Figurenensembles und Skulpturen, die ihm zugeschrieben werden (siehe "Hintergrund"). Die meisten von ihnen stehen in Thüringen. Die Einführung der Reformation in Thüringen bedeutete für Gottwald einen tiefen Einschnitt, die Aufträge blieben aus.

Differenzierte Schnitzkunst

Weigand würdigt an seinen Werken den "tiefgläubigen, jeder Effekthascherei abholden Ernst und jene zur Andacht mahnende Feierlichkeit, die auf das Volk ihren Eindruck nicht verfehlte und uns bis heute noch zu ergreifen vermag". Allerdings sei der Bildschnitzer zur Anpassung an den Zeitgeschmack seiner neuen Heimat gezwungen gewesen. Seine "differenzierte Schnitzkunst bis zur subtilsten Verfeinerung" sei mit der Mode kollidiert, den Figuren Farbe aufzutragen, manchmal sogar noch mit einem untergelegten Leinenüberzug.

Zu den bekanntesten Werken, die Hans Gottwald zugeschrieben werden, zählen der Rödersdorfer Flügelaltar, der Marienaltar von Münchenbernsdorf bei Gera, der Altar von Probstzella (heute im Museum von Eisenach) und die Skulptur von Johannes dem Täufer in der Saalfelder Johanniskirche.

Hintergrund: Werke von Hans Gottwald

Über 40 Flügelaltäre, Figurenensembles und Einzelplastiken werden Hans Gottwald zugeschrieben. Allerdings ist die Zuordnung nicht einfach. Denn das Signieren von Werken habe erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts zugenommen, ohne aber zur Regel zu werden, schreibt Hans Huth in seinem Standardwerk "Künstler und Werkstatt der Spätgotik". Erst zu diesem Zeitpunkt sei das Individualbewusstsein langsam erwacht. Zudem sei es üblich gewesen, dass der Meister und Leiter einer Werkstatt, wenn er denn signierte, mit seiner Signatur auch Werke versah, an denen seine Mitarbeiter unter seiner künstlerischen Leitung mitgewirkt hatten.

Nach Angaben von Waldemar Weigand in seiner Gottwald-Biografie "Hans Gottwalt von Lohr a. Main" (Lohr 1969, Band 7 der Schriftenreihe des Geschichts- und Museumsvereins Lohr) ist keine einzige Zuschreibung eines Werkes mit Gottwalds Signatur oder einer archivalischen Überlieferung belegt. Sämtliche Zuschreibungen beruhten ausschließlich auf Stilvergleichen.

Thomas Josef Möhler
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