Die Zuschauer als Stichwortgeber

Improvisationstheater: »10 vor 8« brauchen keinen Regisseur und kein Drehbuch für ihre Auftritte, nur ein Publikum

Lohr
2 Min.

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Das Würzburger Improvisationstheater »10 vor 8« hat die Kellerbühne im Weinhaus Mehling bespielt (von links): Werner Herold improvisiert auf der Gitarre, während Martina Seemann, Alexander Seith und Bernhard Bley die Anregungen des Publikums umsetzen.
Foto: Ulf Kampfmeier
Je­der Auf­tritt ist ei­ne Pre­mie­re: Die Akteu­re vom Im­pro­vi­sa­ti­ons­thea­ter »10 vor 8« ha­ben kein Dreh­buch und kei­nen Re­gis­seur. Sie neh­men An­re­gun­gen aus dem Pu­b­li­kum und flech­ten die­se in ihr Spiel ein. So auch in Meh­lings Thea­ter­kel­ler, wo Mi­chae­la Fel­la den 35 Zu­schau­ern die Sze­nen im­mer mit »Und wir zäh­len ein mit fünf, vier, drei, zwei, eins, los« an­kün­dig­te.
Mit einer halbkreisförmigen Armbewegung vor den Schauspielern blendete sie die Handlung dann wieder aus.
Grundgerüst vorgegeben
Nicht alles, was die Schauspieler aufführen, ist völlig ungeprobt. Eine improvisierte Szene arbeitet mit einem vorgegebenen Grundgerüst, das anhand der Angaben aus dem Publikum konkretisiert wird. Die szenische Strukturierung kann mit Beispielen durchgeprobt werden. Beim Auftritt kann sich dann aber alles ganz anders ergeben.
Zuschauerin Mechthild erzählte den Schauspielern vom Aufstehen bis zum abendlichen Theaterbesuch in Stichworten von ihrem Tag: Aus diesen Vorgaben improvisierten die fünf Akteure auf der Bühne zunächst einen »Alptraumtag« und anschließend einen »Traumtag«. In einem anderen Szenario sollte Darsteller Alexander Seith in ein Geschäft gehen, um einen ihm unbekannten Gegenstand zurückzubringen, den er dort gekauft hatte. Dass es sich dabei um eine Stimmgabel handeln soll, legte ein Zuruf aus dem Publikum fest.
Humorvolle Missverständnisse
Seith gelang die Rückgabe dann nicht ganz akkurat, weil er trotz dezenter Hinweise seiner Schauspielkollegen im Szenenverlauf nicht auf die Lösung kam. Mit »Haarspange« war er jedenfalls dicht dran. Humorvoll war die Nummer allemal. Der sogenannte Genrewechsel fordert den improvisierenden Akteuren schon eine Menge ab: Jeder bekommt dabei ein Genre wie Thriller, Drama oder Soap zugerufen.
Die Szene spielte im Zug auf der Fahrt nach Frammersbach. Dass da gar kein Bahnhof liegt, muss nicht weiter stören. Jedenfalls stoppt der Zug wegen eines Vorkommnisses. Ein Schauspieler fängt in seinem Genre an und die anderen folgen ihm darin. Irgendwann sagt einer von ihnen »weiter in meinem Genre«, um den Schwenk zu verfügen. Anschließend färbt sich die Szene um. Ein dramatischer Auftritt verwandelt sich - wenn alles klappt - augenblicklich in einen lächerlichen Ulk. Gehen irgendwann die Ideen zur Neige, winkt die Moderatorin ab und fängt ein neues Spiel an.
Enorme Spielfreude
Die gut zwei Stunden Auftritt vergingen im Flug, was im Wesentlichen auf die enorme Spielfreude der Darsteller zurückzuführen war. Sie schlüpften in immer neue Rollen und kamen nicht zur Ruhe. Irgendetwas passierte garantiert, um sie aus dem Konzept zu bringen und zu einer Umorientierung zu zwingen.
Einen durchgehenden Faden spann nur einer beim Auftritt von »10 vor 8«: Gitarrist Werner Herold sorgte mit seiner dezenten musikalischen Begleitung für eine Untermalung, um die jeweilige szenische Stimmung zu stabilisieren. Und wenn einem Schauspieler nach Singen war, improvisierte Herold eine Basis dafür. Ulf Kampfmeier
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